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Star der Gärtner : Geordnetes Durcheinander

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Der natürliche Schein trügt: Bei Dan Pearsons Gärten ist alles streng durchgeplant. Bild: Ryogo Oizumi

Dan Pearson ist einer der gefragtesten Gartendesigner Großbritanniens. In der Öffentlichkeit stand er zuletzt mit seinem spektakulären Felsengarten bei der Chelsea Flower Show – ein Gespräch über Natur und Design.

          Elfenbeindisteln und schulterhohes Männertreu, dazwischen violette Glöckchen an den zarten Wedeln des Trichterschwertels. Weiter unten säumen die roten Blüten des Wiesenknopfs den Weg. Feine Gräser, filigrane Dolden, hin und wieder ein Paukenschlag in Form riesiger Blätter wie die des Reispapierbaumes. Ein kunstvolles Durcheinander von Pflanzen findet sich in den Gärten, die Dan Pearson gestaltet – ein Durcheinander, in dem allerdings alles seine Ordnung hat. Je nach Jahreszeit bekommen andere Pflanzen ihren Auftritt in dem großen Theaterstück des Gartens, das bis zum letzten Blütenstand inszeniert ist. Mauern, Wege, Treppen oder Gartenmöbel werden hier zu Statisten, die die Bühne den Pflanzen überlassen.

          Dan Pearson ist einer der gefragtesten Gartendesigner dieser Zeit. Seine Beete, seine Landschaften treffen einen Nerv. Sie befriedigen die Sehnsucht nach Natur, einer möglichst unberührten. Es ist ein kunstvolles Spiel mit Gewächsen, die aussehen, als würden sie einfach so dort wachsen - was sie in den meisten Fällen auch könnten, da die Pflanzen jeweils passend zum Standort ausgewählt werden. Nur eben nicht so schön.

          Viele Designer versuchen sich im naturalistischen Stil. Pearson aber gärtnert schon immer so, ist seit vielen Jahren Meister in seinem Fach und zählt, ähnlich wie Beth Chatto und Piet Oudolf, zu den führendsten Vertretern des New Perennial Movement. 2013 widmete ihm das Londoner Garden Museum eine Ausstellung. Im vergangenen Jahr machte sein Felsengarten bei der Chelsea Flower Show Furore als perfekte Illusion eines Stücks verwilderten Parks. Längst ist Pearson seinem Heimatland Großbritannien entwachsen, betreut Projekte in China, Japan und Hawaii.

          Duft nach getrockneten Kräutern

          Zum Interview lädt er in sein Studio in London, nicht weit der Waterloo Station. Es duftet nach getrockneten Kräutern, große Sträuße Lavendel hängen an der Wand, in einem Regal stapeln sich Muster von Gestein, Belägen. Obwohl dieses Studio ein gut funktionierendes, international agierendes Unternehmen beherbergt, in dem auch spätnachmittags die Mitarbeiter noch konzentriert vor den Rechnern sitzen, erinnert es an ein Atelier. Denn der Kern von Pearsons Arbeit liegt im Künstlerischen. Sein Vater war Maler, die Mutter unterrichtete Textildesign, sein Bruder Luke ist ebenfalls Designer und entwirft Möbel. „Ich hatte überlegt, Kunst zu studieren“, erzählt Pearson.

          Doch dann besann er sich, auf Anraten seiner Mutter, auf das, was ihm am meisten am Herzen lag: das Gärtnern. Schon parallel zu seiner Ausbildung – einer gärtnerischen in Wisley, dem Hauptgarten der Royal Horticultural Society, sowie einem Studium in den Royal Botanic Gardens in Kew, London, gestaltete er Gärten. Die Textildesignerin Frances Mossman, Kollegin seiner Mutter, war seine erste Klientin. „Eine große Verbündete, fast 20 Jahre haben wir zusammengearbeitet.“ Verbündete im Geiste eines naturnahen Gärtnerns, das damals noch nicht verbreitet war.

          Fanatischer „plantsman“ seit der Kindheit, ging Pearson in seinen Zwanzigern auf Reisen, sah, wie Pflanzen an Naturstandorten wie zum Beispiel den Picos de Europa in Spanien oder der Wüste Israels wuchsen, brachte dieses Wissen in seine Gestaltungen ein. „Ich hatte die Pflanzengemeinschaften gesehen und wusste, dass ich in Kombinationen pflanzen wollte. Der nächste Schritt war dann, mit Pflanzen zu designen.“ Stauden, Gräser, Gehölze sind seine Akteure, ihnen weist er Rollen zu und ihr Schauspiel im Garten ruft Stimmungen und Gefühle hervor. Sie stehen nicht alleine, sondern fügen sich auf ideale Weise in ihre Umgebung ein, dennoch sind sie die Stars.

          Die Arbeit eines Perfektionisten

          So leicht, spielerisch und natürlich die Gärten wirken mögen, sie sind Produkt der Arbeit eines Perfektionisten, der kaum etwas dem Zufall überlässt. Gleichzeitig empfindet es der 52-Jährige als größtes Kompliment, wenn ein Garten aussieht, als wäre er gar nicht designt. Doch warum überhaupt gestalten und nicht alles der Natur überlassen?

          Star-Gärtner Dan Pearson über seine Arbeit: „Design erhöht den Geist des Ortes und ermöglicht dem Menschen, Teil davon zu werden.“
          Star-Gärtner Dan Pearson über seine Arbeit: „Design erhöht den Geist des Ortes und ermöglicht dem Menschen, Teil davon zu werden.“ : Bild: Jason Ingram

          „Design erhöht den Geist des Ortes und ermöglicht dem Menschen, Teil davon zu werden.“ Dan Pearson, ein zurückhaltender Mensch, ist sehr ernst, wenn er über seine Arbeit spricht. „Die Natur heißt uns nicht immer willkommen“, sagt er. „Wir sind domestizierte Tiere, wir fühlen uns nicht immer wohl an Orten, die nicht für uns geschaffen sind. Der Designprozess ermöglicht, dass wir uns wohl fühlen.“ Als Designer adaptiere, zähme er die Natur, schaffe einen Platz darin. Mal ist der Eingriff größer, wie im Hausgarten, mal reicht eine ganz leichte Hand - etwa, wo Ländereien in die Umgebung übergehen.

          „Ich reagiere intuitiv sehr schnell auf einen Ort und weiß, wie er gestaltet werden soll.“ Die Kunst sei dann, aus den Vorgaben des Klienten, des Budgets und der Umgebung das Bild zu erschaffen. „Mein Arbeitsprozess ist wie Kampfkunst. Ich finde eine Bewegung, die die vorhandene Energie verwandelt. Ich suche die Pflanzen, die dort richtig sind, so dass sie nicht kämpfen müssen.“

          Ein Auge für Schönheit wilder Pflanzen

          So etwas kann nur gutgehen, wenn man sich mit der Flora auskennt, denn die Balance, die bei solchen Prozessen entsteht, ist zart und darf nicht gestört werden. Und man braucht ein Auge für die Schönheit wilder Pflanzen.

          „Als ich zehn Jahre alt war, zogen wir in ein Haus mit einem alten, verwilderten Garten. Das war für mich eine sehr wirkungsvolle Umgebung.“ Der Junge versuchte dort zu gärtnern: „Ich habe schnell gemerkt: Wenn man die Wildnis zu stark bekämpft, schlägt sie umso stärker zurück.“ Eine ins Laubdach geschlagene Schneise führte dazu, dass sich Brennnesseln und Brombeeren umso stärker vermehrten. „Der vernünftigste Ansatz für mich war: Pflanzen auszusuchen, die gerne im Schatten wachsen.“ Es gelte, eine Balance zu finden zwischen dem Gärtnern und der Natur. „Dieser Garten war verloren, aber immer noch schön. Er hat mich gelehrt, auf die Zwischentöne zu achten.“

          Dan Pearson Millennium Forest auf der japanischen Insel Hokkaido
          Dan Pearson Millennium Forest auf der japanischen Insel Hokkaido : Bild: Ryogo Oizum

          Das verbindet ihn mit Beth Chatto, der großen Gärtnerin, die schon in den 1970er Jahren vehement ihr Credo „right plant, right place“ vertrat. Pearson begegnete ihr 1976 auf der Chelsea Flower Show. „An ihrem Stand bei der Chelsea Flower Show sah ich eine blassgelbe Butterblume, ich glaube es war Ranunculus acris ,Citrina‘. Nur eine Butterblume, aber in einer hellgelben Version, was sie vom bloßen Unkraut abhob.“ Manchmal sind es die subtilen Unterschiede, die eine große Wirkung haben.

          Über die Jahre hat sich Pearsons Stil verändert, verfeinert. Sein Interesse verschiebt sich vom Gärtnerischen immer mehr hin zur natürlich gewachsenen, nur wenig vom Menschen beeinflussten Umgebung. Sein liebstes Projekt ist der Millennium Forest in Japan: Auf 240 Hektar Land ist ein Park entstanden, der den Menschen die Natur, den Wald zugänglich machen soll. Der Initiator, ein Zeitungsmagnat, ließ hier den Sekundärwald, der durch Abholzung von Bäumen im 20. Jahrhundert entstanden war, auf höchst künstlerische Weise renaturieren. Pearson entfernte Bambus, der sich dort ungehemmt ausgebreitet hatte, woraufhin wieder andere einheimische Pflanzen zu sprießen begannen. Von diesen ließ er sich zu einem Wiesengarten inspirieren. „Wir haben Einheimisches neben Stauden wie Wasserdost oder Rutenhirse gepflanzt. Diese Stauden sind ein Werkzeug, das ermöglicht, auch das einheimische Unkraut wieder mit anderen Augen zu sehen. Es wird aufgewertet.“

          Landschaft voller Überraschungen

          Bei seinem eigenen Grundstück geht es sogar noch weiter. War sein erster eigener Garten, ein Londoner Stadtgarten in Peckham, bis auf den letzten Quadratzentimeter ausgeklügelt bepflanzt, so besteht sein heutiger, in den Hügeln nördlich von Bath, eher aus einer Reihe von Wegen, auf denen der Mensch Teil der Umgebung werden kann. „Der Ziergarten wird nur etwa so groß“, Pearson zeichnet einen fingernagelgroßen Fleck auf eine handtellergroße Fläche, die sein Grundstück darstellt. Auf seinen acht Hektar Land gibt es Wäldchen, zum Teil neu angepflanzt, einen Nuss- und einen Obstgarten, trockene Wiesen, feuchte Wiesen, ein Flüsschen.

          „Man kommt mit verschiedenen Bereichen in Berührung. Der Spaziergang ist der Garten.“ Doch streut er in die Landschaft Überraschungen ein, zum Beispiel die Sumpfschwertlilie, Iris robusta ,Gerald Darby‘ – eine nordamerikanische Verwandte der gelben europäischen Sumpfschwertlilie. „Die meiste Zeit des Jahres über fällt sie nicht auf, weil sie genau wie die einheimische aussieht. Aber dann bekommt sie wundervolle blaue Blüten – ein magischer Moment!“

          Millennium Forest: Eine 240 Hektar große Anlage auf der japanischen Insel Hokkaido. An der Gestaltung des Jahrhundert-Waldes hat der Engländer zehn Jahre lang gearbeitet.
          Millennium Forest: Eine 240 Hektar große Anlage auf der japanischen Insel Hokkaido. An der Gestaltung des Jahrhundert-Waldes hat der Engländer zehn Jahre lang gearbeitet. : Bild: Ryogo Oizumi

          Um solche Momente geht es dem Briten. Um Feinheiten, um Schönheit. Damit stößt er auf großen Zuspruch. Nicht nur in seinen Gestaltungen, auch in seinen Artikeln und Büchern. Lange Jahre war er Kolumnist, für „The Daily Telegraph“ und „The Observer“. Gerade gestartet ist sein eigenes neues Magazin, online abzurufen, das er gemeinsam mit seinem Partner in Leben und Arbeit, Huw Morgan, gegründet hat: Dig Delve, ein Wortspiel aus Graben und Sich-vertiefen. Dan Pearson hält Vorträge, ist Berater bei der Neugestaltung Sissinghursts und erschuf an der Kunstgalerie in Compton Verney ein an William Morris angelehntes Wildblumenparterre.

          Noch kein Dan-Pearson-Garten in Deutschland

          Auch bei der umstrittenen Garden Bridge ist sein Name im Spiel. Sein Studio ist für die anspruchsvolle Bepflanzung der Brücke zuständig, von einer Reminiszenz an die ehemalige Marschflora am Südufer der Themse bis zum Park voller Exoten an der Nordseite. Ein Projekt, das ihn sehr reizt: „Es wird ein einzigartiger Ort sein, der uns erlaubt, mitten in der Stadt etwas bedeutungsvolles zu pflanzen.“ Er hofft, dass die Brücke, wenn sie fertig ist, genauso angenommen wird von den Menschen wie das auch lange umstrittene London Eye.

          Nur in Deutschland gibt es noch keinen Dan-Pearson-Garten. „Warum, weiß ich gar nicht. Vielleicht brauchen Sie mich nicht, Sie machen sich ja so auch schon gut“, sagt er, ernst und doch auch zugleich mit einem Hauch von Ironie. Der New German Style, der auf der Kenntnis von Pflanzengesellschaften basiert, ist viel wissenschaftlicher motiviert. „Sie sind strenger, wir romantischer. Es ist ein ganz anderer Ansatz, aber das Endprodukt fühlt sich gar nicht so anders an.“

          Quelle: F.A.S.

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