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Fischerei in Portugal : Auf schwerer See

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Krumm legen für die Sardinen: Fischer holen vor der portugiesischen Halbinsel Peniche das Netz ein. Bild: Gunnar Knechtel/laif

Weniger Fisch, tiefere Preise, mehr Konkurrenz: Die härtesten Fischer Portugals haben ihr Revier vor Peniche – der Hauptstadt der Wellenreiter. Nicht nur der Wind steht ihnen bei der Arbeit im Weg.

          Sie sitzen mal wieder an Land fest: auf viel zu kleinen Hockern, die Knie fast unterm Kinn, auf dem Pflaster neben ihrer Halle am Hafen von Peniche an der portugiesischen Atlantikküste. Inmitten riesiger Fischernetze, die dort ausgebreitet sind. Sie schweigen, flechten, flicken, schauen sich jede einzelne Masche an und sind erstaunlich fingerfertig, mit großen Händen und filigranen Werkzeugen.

          Allesamt kräftige Kerle, viele 60 Jahre und älter. In Karohemd, Jacke und Jeans, mit Drei-, Fünf- und Sieben-Tage-Bärten. Sie wirken etwas deplatziert hier, wie unfreiwillig festgehalten. Und ein bisschen ist es auch so: Es herrscht viel zu viel Wind, um rauszufahren. Wieder einmal. Wie so oft in dieser Gegend.

          Die Sardinenmänner von Peniche

          Nicht mal die Sardinenmänner von Peniche, die hartgesottenen unter den Atlantikfischern, trauen sich jetzt auf den Ozean hinaus - die Kerle, deren Mägen alles abkönnen, die bei Durchschnittsstürmen einfach weitermachen, als wäre alles ganz normal, wenn anderswo längst nichts mehr geht, die Kutter doppelt und dreifach am Kai vertäut sind. Aber jetzt hat es auch die Sardinenmänner von Peniche, 100 Kilometer nördlich von Lissabon, erwischt. Nicht mal die großen Fangschiffe fahren noch raus.

          Die meisten von ihnen sind von Kindesbeinen an mit Booten auf dem Meer unterwegs. Sie sind mit den gewaltigen Wogen aufgewachsen, die heute Wellenreiter aus aller Welt anlocken. Peniche ist „Wave Capital of the World“, „Welthauptstadt der Wellen“. In den Läden der Innenstadt kann man T-Shirts und Rucksäcke mit dem Slogan kaufen. Und es ist mehr als ein Werbespruch.

          Die Dünung entsteht nicht allein durch die Stürme. Auch die Strömungen tragen dazu bei und die Beschaffenheit des Meeresbodens. Jeder einzelne der Fischer von Peniche ist viel gewohnt. Die Sardinenmänner stellen sich mit ihren Kuttern den riesigen Sardinenschwärmen in den Weg, die von April bis September hier durchkommen, westlich der vorgelagerten Berlengas-Inseln, wo das Wasser besonders kalt ist und tief. Der Fisch von dort schmeckt am besten. Und dort sind die Wellen am schlimmsten. Ein einziges Wogen auch bei Windstille, ein unaufhörliches Auf und Ab. Dagegen ist jede Jahrmarkt-Schiffsschaukel ein schlechter Aprilscherz.

          Im Juni sind die Sardinen besonders lecker

           Manchmal müssen die Sardinenmänner der rot-weiß getünchten „Aventureiro“ („Abenteurer“) die Netze nur ins Wasser fallen lassen, um sie wenig später mit leistungsstarken Seilwinden prallvoll wieder an Bord hieven zu können. Am besten gelingt das im Juni, dann sind die Sardinen groß und dick - und besonders lecker.

          So ähnlich muss das immer gewesen sein. Schon im ersten Jahrhundert siedelten sich die Römer hier an. Sie fingen Fisch, verarbeiteten ihn, konservierten ihn in Salz und schafften ihn nach Rom. Heute sind die Glanzzeiten der Fischerei vorbei. „Der Fisch ist seltener geworden“, erzählt Jacinto Galego von der „Aventureiro“. „Und die Schwärme nehmen andere Wege, kommen unserer Küste nicht mehr so nah. Die Preise sind niedrig, die Konkurrenz draußen ist groß. Es war immer hart. Aber es ist noch härter geworden.“

          „Der Fisch ist seltener geworden“: Fischer Jacinto Galego
          „Der Fisch ist seltener geworden“: Fischer Jacinto Galego : Bild: Anja Menzel

          Mit seinen riesigen Fingern knotet er das dunkelrote Netz. Die anderen Sardinenmänner hocken um ihn herum, fummeln mit einem kleinen Instrument in jeder Hand an den roten Kunstfasern des Netzes herum, prüfen jede Masche, wie seltsam maskuline Strickerinnen mit zu breiten Schultern. Ihre Knie pressen sie zusammen, um das Netz zu fixieren. Die härtesten Fischer Portugals hocken an Land wie Schulmädchen, denen man beigebracht hat, die Beine zusammenzuklemmen, damit ihnen keiner unter den Rock gucken kann.

          Besseres Gespür als die Wettervorhersage

          Aber morgen, spätestens übermorgen, soll endlich alles besser werden. Der Sturm wird durchgezogen sein. Sagen die Meteorologen. Die Fischer lachen darüber. Sie kennen das Meer besser. „Die Wetterleute“, sagt einer, „haben ihre Instrumente und ihre Satelliten. Aber sie waren nie da draußen. Sie kennen das Meer nicht. Der Sturm wird bleiben. Noch mindestens vier, fünf Tage. Wie fast immer in dieser Jahreszeit.“

          „Wir haben Angst vor der See“: Bootskapitän Gonçalo Completo.
          „Wir haben Angst vor der See“: Bootskapitän Gonçalo Completo. : Bild: Anja Menzel

          Auf dem Höhepunkt der Sardinenfischerei gab es in Peniche 60 Fischerboote wie die „Aventureiro“, heute sind es noch 15. Auf einigen fahren nur Rentner - weil sie nicht vom Ozean lassen können, sich an die Wellen gewöhnt haben, den Kick brauchen und das Geld natürlich.

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