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Achtundsechziger-Architektur : Der Anspruch half nicht beim Entwerfen

Spielerisch, farbenprächtig, fröhlich: Ehemaligen Gasometer wurden von Architektenteam Coop Himmelb(l)au zu Wohnhäusern ausgebaut. Bild: Julia Zimmermann

Der Zeitgeist der Architektur von 1968 ist auch heute noch in vielen Städten deutlich zu spüren. Schufen die Architekten damals einfach bessere Bauwerke?

          Eine Revolution? Oder auch nur eine Revolte? In der Architektur? Warum denn nur? Es war doch alles da im Jahr 1968. Die Neue Nationalgalerie in Berlin wurde eröffnet, gewissermaßen der Schlussstein der Klassischen Moderne in Deutschland, das Vermächtnis Ludwig Mies van der Rohes. Mit dem skulpturalen Wallfahrtsdom in Neviges im Bergischen Land stellte Gottfried Böhm – unter Protektion des Kölner Kardinals Frings – ein Meisterwerk in Sichtbeton fertig. Und in München wurde der Entwurf von Günter Behnisch für das Olympiastadion genehmigt, das 1972 mit seiner kühnen Dachkonstruktion das neue, leichte, offene Deutschland verkörpern sollte.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Das ist der Geist in der Architektur von 1968: Die Meister des Fachs lieferten staunenswerte Entwürfe in ganz unterschiedlichen ästhetischen Haltungen, und die mächtigen Bauherren aus Staat, Kirche und Sport gingen ästhetisch wie funktional ins Risiko. Was will man mehr? Und doch erfasste die Studentenbewegung auch die Architekturfakultäten, nicht zuletzt die renommiertesten in Berlin, München und Darmstadt. Man hatte nur noch wenig übrig für die Vergötterung der Entwerfer-Genies, das Konzept wurde als bürgerlich verworfen. Dem Geist der Zeit entsprach die Arbeit im Kollektiv.

          Das Ergebnis dieser Zurückhaltung ist auf den ersten Blick ziemlich ernüchternd. Die Architektur von 68 ist das Nicht-Bauen, so hat es Dieter Hoffmann-Axthelm 1998 formuliert. Der Theologe, später einer der klügsten Architekturkritiker, war 1968 teilnehmender Beobachter der Proteste in Berlin. Er nahm wahr, dass sich viele der damaligen Architektur-Studenten als Sozial-Ingenieure verstanden. Sie wollten nach dem Studienabschluss gesellschaftliche Arbeit leisten, statt die Welt mit spektakulären Bauten zu beglücken. Und es lag ja tatsächlich einiges im Argen, wenn man den Blick von Prestigeprojekten auf den Architekturalltag lenkt. Mit dem Begriff der Flächensanierung wurde damals der Abriss ganzer Altbau-Quartiere bemäntelt. Es entstanden anonyme Großsiedlungen am Stadtrand, deren Scheitern absehbar war: das Märkische Viertel in Berlin, Neuperlach in München, bald auch Kranichstein in Darmstadt. Die Menschen, denen angeblich Gutes getan werden soll, wurden in den Riesenbauten nicht heimisch. Entsetzt von der Rücksichtslosigkeit der Bauwirtschaft und ihrer willfährigen Baumeister, ging es dem sozial engagierten Nachwuchs eher darum, schlechte Architektur zu verhindern, als selbst Besseres zu entwerfen. Und so endete manche Begabung in Großbüros, in den Planungsabteilungen von Immobilienunternehmen und in Bauämtern.

          Helden des Neuen Bauens

          Aber 1968 herrschte erst einmal die Hochstimmung einer extrem verdichteten Zeit. Dauernd unterwegs, tags studiert und demonstriert, nachts gelesen und diskutiert, wenig geschlafen. So beschreibt der Architekturhistoriker Werner Durth, der sich 1967 an der Technischen Hochschule Darmstadt einschrieb, sein Leben in den Jahren der Studentenunruhen. Aus Durths Bericht, den er im November 2017 anlässlich seiner Emeritierung vortrug, wird deutlich, welch hohen intellektuellen Anspruch auch die Studenten der Architektur an sich selbst hatten. Durth spricht von autodidaktischer Aufrüstung und wissensgierigem Größenwahn. Die Klügeren unter den Studenten spürten den Horror intellektuellen Unvermögens und versuchten, sich ein theoretisches Fundament zu geben, indem sie soziologische und philosophische Seminare besuchten. In den meisten Fällen blieb es beim Dilettieren. Beim Entwerfen half das alles nur bedingt.

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          Ist also tatsächlich nur der kritische Impuls geblieben, das Ungebaute, die Architektur ex negativo? Ganz so kurz war die Geschichte dann doch nicht. Manche Studenten machten sich nach dem Examen an die Entwurfsarbeit. Zunächst glaubten sie an die Macht der planerischen Vernunft und an den gesellschaftlichen Fortschritt, auch wenn Helden des Neuen Bauens wie der große Ernst May am Drama der tristen Großsiedlungen beteiligt waren. Die Jungen reagierten auf die Misserfolge des rationalen Bauwirtschaftsfunktionalismus, indem sie die Komplexität der Planung steigerten. Die aufkommenden Computer halfen dabei. Das Entwerfen wurde auf wissenschaftliche Grundlage gestellt, subjektive Entscheidungen sollten durch rechnerische Bewertung vieler Parameter ersetzt werden. Fertigteile sollten so geschickt gehandhabt werden, dass sich auch individuelle Wünsche der Bewohner erfüllen lassen.

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