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Mid-Century Modern : Der Mad-Men-Effekt

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Welch schöner Kontrast: In der Serie „Mad Men“ um Werbeprofi Don Draper war das Rollenbild verstaubt, das Design jedoch wegweisend. Bild: INTERTOPICS/LMKMEDIA Ltd.

Seit der Fernsehserie „Mad Men“ sind Möbel aus der Mitte des 20. Jahrhunderts richtig angesagt. Der große Trend heißt: Zurück in die Zukunft.

          Mad Men ist Geschichte. Die letzte Staffel der amerikanischen Fernsehserie um den Werber Don Draper ist abgedreht und vor Monaten ausgestrahlt. Kein Schattenriss mit Aktenkoffer mehr, der im Vorspann in bodenlose New Yorker Straßenschluchten fällt, vorbei an Schönheit bejubelnden Werbetafeln. Vorbei auch an sehr vielen Drinks und Zigaretten auf den Büroetagen, an stilsicheren Anzugträgern, Frauen mit Hochsteckfrisuren und Spitztüten-BHs – und auch an Eames-Chairs, Knoll-Sofas und Saarinen-Tischen. Welch schönen Kontrast die Serie ihren Zuschauern bot – die Rollenbilder deutlich verstaubt, das Design wegweisend.

          Das ist es auch, was nach acht Jahren Mad Men und dem in Erinnerung gerufenen Optimismus der Fifties und Sixties in unseren Wohnungen zurückbleibt: die Möbel dieser Zeit, die zum Trend wurden. Auch wenn der Begriff, unter dem sie gefasst sind, in Europa deutlich unbekannter ist als es die Namen der Designer sind. Während fast jeder von Ray und Charles Eames, von Harry Bertoia, Eero Saarinen oder Arne Jacobsen gehört hat, erntet man bei „Mid-Century Modern“ fragende Blicke. Es erstaunt nicht, wenn Händler der Bezeichnung ein erklärendes „die Zeit von Mad Men“ hinzufügen.

          Entwürfe rund um die Fünfziger im Trend

          Doch was war zuerst da? Die Henne oder Jacobsens Egg Chair? Wurde eine Kultserie wie Mad Men nicht gedreht, weil man sich schon zuvor für die Zeit interessierte, wenn auch in einem engeren Kreis? Keiner will behaupten, dass nicht schon ehe die Geschäftsmänner aus der Madison Avenue auf unseren Bildschirmen erschienen, Menschen von Eames’ Aluminium Chair oder Saarinens Tulip Stuhl besessen waren.

          Gubi hat unlängst den Spiegel Randaccio von Carlo Ponti wieder aufgelegt.
          Gubi hat unlängst den Spiegel Randaccio von Carlo Ponti wieder aufgelegt. : Bild: Hersteller

          Ein kontinuierlich zunehmendes Interesse an der Zeit beobachtet man tatsächlich schon seit vielen Jahren. Trotzdem lassen sieben Staffeln die Sehgewohnheiten der Zuschauer nicht unberührt – die Möbel bekamen ein Setting und eine Story, wurden greifbar und mehr Menschen vertraut. Auch solchen, die sich nicht unbedingt für Möbeldesign interessieren.

          Dass die Entwürfe rund um die Fifties im Trend liegen, beweist nicht nur der Blick in Wohn- und Lifestyle-Magazine sondern auch ins Programm der Möbelhersteller. Man stellt Klassikerkollektionen mit Mid-Century-Schwerpunkt zusammen. Vergessen geglaubte Modelle kommen wieder in die Produktion. Teils benennen die Unternehmen einen Anlass, wie ein Firmenjubiläum oder den Geburtstag eines Designers aus der Zeit.

          Zu Ehren des Hundertsten von Hans J. Wegner etwa haben sowohl das Unternehmen PP Møbler als auch Carl Hansen & Søn alte Modelle des Dänen neu auf den Markt gebracht – darunter der Stuhl CH 88, der seit 1955 nur als Prototyp existierte und den „Tub Chair“, der dank technischer Fortschritte erst heute in Serie produziert werden kann. Zum Centennial von Harry Bertoia hat Knoll International eine Geburtstagsedition des „Plastic Side Chairs“ herausgebracht.

          „Gefragter denn je“

          Auf der Kölner Möbelmesse im Januar wird das deutsche Unternehmen Walter Knoll den „Easy Chair 375“ von 1957 als Reedition vorstellen, nachdem sie bereits den „Votteler Chair“ von 1956 wieder auflegten. „Die Klassiker aus den späten Vierzigern und Fünfzigern sind gefragter denn je“, sagt der Vorstand Markus Benz. Und zwar so gefragt, dass es sich lohnt, sie im großen Stil zu kopieren. Vor wenigen Wochen erst zerstörte der norwegische Zoll tausend chinesische Repliken eines berühmten Wegner-Stuhls, die ein Restaurant geordert hatte.

          Walter Knoll zeigt in zwei Wochen auf der Kölner Möbelmesse den Sessel „375“ als Reedition.
          Walter Knoll zeigt in zwei Wochen auf der Kölner Möbelmesse den Sessel „375“ als Reedition. : Bild: Walter Knoll

          Dass die Ära Mid-Century Modern heißt, ist vor allem der amerikanischen Journalistin Cara Greenberg zuzuschreiben. Sie hat 1983 unter diesem Titel das erste Überblickswerk herausgegeben. Um den Zusatz „die Möbel der fünfziger Jahre“ kam sie damals nicht herum, so wenig bekannt war die Bezeichnung. Die Wortwahl hatte ein paar entscheidende Vorteile: Sie knüpft an die Moderne des Bauhauses und Le Corbusiers an. Sie war zeitlich nach allen Seiten offen – man konnte getrost sogar die Dreißiger oder die Siebziger hineinpacken, falls gewünscht.

          Wie hätte man den Stil auch sonst nennen sollen? Nachkriegsdesign? Die Marketingleute in der Mad-Men-Werbeagentur hätten sich die Haare gerauft. Wer würde je schwärmerisch vom eigenen Faible für Nachkriegsdesign sprechen? Auch Nierentisch-Zeitalter ist nicht gerade ein Wort, das Herzen höher schlagen lässt. Dann doch lieber der Anglizismus, den man international übernahm.

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