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Mercedes in Albanien: Sieg der Sterne

Sieg der Sterne

Fotos und Text von DAVID KLAUBERT

20.09.2017 · Albanien ist das Land mit der höchsten Mercedes-Dichte. Wie zum Teufel kann das sein?

D er Tacho zeigt fast 100, dichter Verkehr strömt über die Schnellstraße, und Dionis führt vor, wie viel Feingefühl in seinem Hintern steckt. Er wippt auf dem Fahrersitz auf und ab, hin und her. Ziemlich weich, sagt er, kaum Spannung im Polster. Das spricht für viele Kilometer. Mehr als 200.000, sagt er.

Dann kratzt Dionis am Lenkrad, bis er schwarze Farbsplitter unterm Fingernagel hat. Nachträglich lackiert, nicht das Original, sagt er. Wahrscheinlich wegen eines Unfalls, bei dem der Airbag herausgeplatzt ist. Draußen rauscht das Umland der albanischen Hauptstadt Tirana vorbei, Möbel- und Autohäuser vor allem und Baustellen, die aussehen, als würden auch sie bald Möbel- und Autohäuser. Dionis greift zur Tür. Statt sie zu öffnen, macht er aber nur: Tupp.

Tupp, sagt Dionis, ist gut. So klingen Autotüren, die wenig benutzt wurden. Die Türen alter, heruntergefahrener Kisten machen: Taaauu. Dann schaut er endlich wieder auf die Straße.

In den Straßen von Tirana, der Hauptstadt des 2,8-Millionen-Einwohner-Landes

Wenn man zum ersten Mal nach Albanien kommt, in dieses kleine, verrufene, stolze Land, dann fällt einem als erstes auf: Die Fahrweise der Albaner ist genauso, wie man sich das vorgestellt hat. Fast and furious, schnell und wild. Als zweites fällt auf, und das überrascht dann doch: die große Begeisterung der Albaner für Deutschland. Dionis, 26 Jahre alt, die Haare so schnittig wie die Fahrweise, holt einen am Mutter-Teresa-Flughafen ab und zieht sofort sein Smartphone aus der Tasche, als er erfährt, woher der Fahrgast kommt. Er spielt Videos ab: die Isar im Schnee, er selbst im Schnee und er selbst beim Putzen. Ein paar Monate, erzählt er, hat er in München gearbeitet, im italienischen Restaurant eines albanischen Freundes. Als eine Polizeikontrolle auftaucht, nimmt er das Handy kurz runter. Korrekt wie in Deutschland, mein Freund, sagt er und lacht sein rundes Gesicht noch breiter.

Überall in Tirana Zeichen dieser Begeisterung: Hotel Jurgen, Werbeplakate der Firma Deutschcolor, Mobilje Gjermane, die Bar St. Pauli. Ein Polizist zeigt auf seinem Handy ein Foto von sich und seiner Tochter während der Fußballweltmeisterschaft: ganz in Schwarz-Rot-Gold. Selbst in den nordalbanischen Alpen, zwei polternde Geländewagen-Stunden von Shkodra, der nächsten Stadt, hebt ein hagerer Bergbauer die Arme zum Gruß: Du bist herzlich willkommen, mein Freund. Ich liebe Deutschland. Weiter als bis Shkodra ist er selbst in seinem siebzigjährigen Leben zwar noch nicht gekommen, und Gott bewahre, das ist schon weit genug. Aber sein Sohn, erzählt er, der sei nach Deutschland ausgewandert. In welcher Stadt er lebt? Luxemburg, antwortet der fröhliche Alte. Und lädt auf ein Dosenbier in sein Haus, einen Kilometer Fußmarsch von der Schotterstraße entfernt.

Das Dritte, was einem in Albanien auffällt: der dreizackige Stern. Dionis fährt eine silberne C-Klasse. Und überall in den Straßen: Rentnerkarren, Protzkisten und Familienkombis, gebaut von Mercedes-Benz in Untertürkheim. Während einer Grünphase an einer zufällig gewählten Kreuzung im Zentrum Tiranas fahren vorbei: Mercedes – Bus (Marke: Mercedes) – Mercedes – VW – Audi – VW – Mercedes – Roller (Marke nicht zu erkennen) – Ford – Mercedes – Honda – Mercedes – Mercedes – Mercedes – Peugeot – Ford. Natürlich ist diese Stichprobe nicht repräsentativ, trotzdem: So viele Großverdienerfamilien, Rentner und Protze kann es in Albanien gar nicht geben. Der Mercedes-Benz ist hier Volkswagen. Wie zum Teufel kann das sein?

An einer Ausfallstraße am Rand Tiranas steht Auto Star, die offizielle Mercedes-Benz-Vertretung. Ein gläserner Klotz, der aussieht wie jede andere Mercedes-Benz-Filiale, Corporate Design eben: der Stern auf dem Dach, die hell geflieste Präsentationsfläche, die dunklen Holztische zur Kundenberatung, Verkaufsleiter Sokol Kodra. Er ist ein mittelalter Herr im weißen Hemd. Seine Krawatte ist dezent gescheckt, sein Deutsch auch, er hat es in Österreich gelernt. Nach dem Maschinenbaustudium im kommunistischen Albanien besuchte er dort die Tourismusschule. In Tirana baute er Mitte der Neunziger das Autohaus mit auf. Und die Geschichte, die er erzählt, hat alles, was ein schönes Märchen braucht: König und Königin, einen Bösewicht, lange Entbehrung und ein glückliches Ende. Herr Kodra ist eben ein guter Verkäufer.

Während des kommunistischen Regimes von Enver Hoxha waren Privatautos in Albanien verboten.

Auf seinem Computerbildschirm zeigt Herr Kodra ein Schwarz-Weiß-Foto, darauf: König Zogu I. von Albanien und seine Frau Geraldine in einer Limousine. Zogu trägt Uniform und Schnauzer und schaut damit aus wie Charlie Chaplin, was durchaus passt. Denn auch er gab, zunächst als Präsident, dann als selbst gekrönter König, den Diktator. Die Marke der Limousine ist auf dem Foto nicht zu erkennen. Doch Herr Kodra ist sich sicher: Zu seiner Hochzeit im September 1938 bekam das albanische Königspaar von Adolf Hitler einen prächtigen Mercedes- Benz 770 geschenkt.

Kein Jahr später wurde König Zogu von den Italienern verjagt. Wieder einmal wurden die Albaner von einem Nachbarvolk drangsaliert, wie schon von Griechen, Römern, Byzantinern, Osmanen. Und als wäre das nicht genug, folgte dann Enver Hoxha, der die Sozialistische Republik Albanien ausrief und sich erst von Jugoslawien, dann von der Sowjetunion und schließlich von China abwandte, weil die ihm alle viel zu offen waren. Hoxha bunkerte sein Land ein. Wie Metaphern für seine Politik ließ er 168.000 Betonbunker bauen, sechs pro Quadratkilometer. Die Straßen bröckelten derweil vor sich hin, angeblich auch weil der Diktator fürchtete, dass feindliche Invasionstruppen darauf landen könnten. Und während die Menschen anderswo im Kommunismus jahrelang auf einen Lada oder einen Trabi warteten, war in Albanien sogar das Warten verboten. Privatautos gab es nicht.

Erst in den neunziger Jahren, nach dem Ende des kommunistischen Regimes, kamen wieder Autos ins Land. Europäische Marken, Fiat, Peugeot, Opel. Doch die albanischen Schlaglochpisten wurden mit allen fertig. Die fielen auseinander, sagt Herr Kodra. Die einzigen Autos, die unsere Straßen überlebten, waren die von Mercedes-Benz.

Und das schien nicht nur der Mercedes-Benz-Verkaufsleiter so zu sehen. Nach den langen Jahren der Entbehrung liefen die Albaner dem Stern bald hinterher wie sonst nur die Könige aus dem Morgenland. Der Marktanteil, schätzt Herr Kodra, lag bei 70 Prozent.

In den vergangenen Jahren haben die anderen Automarken aufgeholt. Doch die Liebe der Albaner zum Mercedes hält – auch, wie das in langen Beziehungen eben so ist, aus praktischen Gründen. Jeder Dorfmechaniker kennt sein Innenleben. Ersatzteile sind überall zu bekommen, viel günstiger als bei anderen Marken. Und so ist die Mercedes-Dichte in Albanien bis heute sehr hoch, höher als in jedem anderen Land. Für diesen Rekord hat zwar auch Herr Kodra keine Statistik, aber bis zum Beweis des Gegenteils wird er hier kühn weiterverbreitet.

Zum Abschied präsentiert Herr Kodra noch sein Lieblingsmodell: ein S500 Cabriolet, acht Zylinder, 455 PS. In jedem Scheinwerfer 38 Swarovski-Kristalle. Nichts ist unmöglich. Für 145.900 Euro.

  • Die Liebe der Albaner zum Mercedes rostet nicht.
  • Vielen ist noch anzusehen, wo sie ihre Jahre als Neuwagen verbracht haben.
  • Dieser Linienbus am Busbahnhof in Tirana fuhr einst im bayerischen Wald.
  • Auch alte Schmuckstücke kann man entdecken.
  • Und sogar beim letzten Geleit prangt meist ein Stern auf der Kühlerhaube.

Für den Otto-Normal-Albaner freilich ist das so wenig erreichbar wie ein Stern am Himmel. In Tirana wachsen zwischen kommunistischen und italienisch-faschistischen Klötzen neue Hochhäuser. Die Fassaden vieler Wohnblocks sind bunt angemalt – doch zum Sanieren der maroden Wohnungen dahinter fehlt das Geld. Die Cafés in der Innenstadt sind voll, morgens, mittags, abends. Lieber noch als im Mercedes sitzen die Albaner zusammen beim Kaffee. Auf den Straßen davor verkaufen Mütterchen selbstgedrehte Zigaretten. Einzeln. Der Fortschritt rumpelt sehr unterschiedlich schnell voran.

Als Dionis nach 30 Kilometern die Schnellstraße verlassen hat, reißt er plötzlich am Lenkrad. Eine Herde Schafe springt auf den Teer. Und hinter dem nächsten Schlagloch: eine ganze Armada funkelnder Autos. Sie stehen rechts und links der Straße, in ordentlichen Reihen auf staubigen Plätzen. Die Autohändler, die sich am Rand der Hafenstadt Durres zu Dutzenden angesiedelt haben, brauchen keine Autohäuser.

Auf einer Holzbank sitzt Elis, verspiegelte Sonnenbrille, Tanktop, die Schultern so breit, dass er nur knapp in den Schatten des Bäumchens hinter ihm passt. In der Reihe vor ihm stehen ein Ford und zwölf Mercedes. Alle gehören ihm. Elis ist Kleinunternehmer, Im- und Export, nur ohne Export. Albanien, lautet ein Sprichwort, ist das Land, in dem der Mercedes stirbt.

Ersatzteile sind überall zu bekommen, viel günstiger als bei anderen Marken.

Fast alle seine Autos haben deutsche Kennzeichen, die Zulassungsplaketten abgekratzt, Ulm, Stuttgart, Braunschweig, Aachen. In Deutschland war Elis noch nie. Er hat dort einen Kontaktmann, wahrscheinlich ein Cousin, sagt Dionis, der übersetzt, und der sucht im Internet nach Anzeigen für Gebrauchtwagen und kauft für ihn ein. Zehn, fünfzehn Jahre alt, denn dann gelten sie – deutsches Kraftfahrzeugsteuergesetz! – als Dreckschleudern und sind zu Schleuderpreisen zu haben. Für seinen, erzählt Dionis, hat er in München 4000 Euro gezahlt, es ist ein C220 CDI, Jahrgang 2004, 243.000 Kilometer, Klimaanlage und Soundsystem.

Das Geld für die Autos gibt Elis Busfahrern mit, die zwischen Albanien und Deutschland pendeln. Sobald sein Geschäftspartner zehn, elf Wagen zusammengekauft hat, lässt der sie auf einen Laster packen, ab nach Triest und von dort weiter mit dem Schiff zum Hafen von Durres. 700 bis 800 Euro koste der Transport pro Auto, sagt Elis. Hinzu kommen Zoll und Steuern in Albanien, weitgehend unabhängig von Abgasnormen, Euro 6, Euro 5, is’ egal, Euro 4, Euro 3, is’ egal, is’ egal.

Als erstes reibt Elis seine Gebrauchtwagen dann mit einer großen Portion Politur ein. An die Innenspiegel hängt er Duftbäumchen. Und jeden Morgen wieder wäscht er den Staub ab, damit der Lack in der Sonne funkelt. Auch er ist ein guter Verkäufer.

Die Schlüssel der Autos stecken in einer Herrenhandtasche, auf der Giorgio Armani steht und die auf Elis’ Brust spannt wie ein Sicherheitsgurt. Einen Schlüssel kramt er heraus, um sein aktuelles Premiummodell vorzuführen: eine silberne E-Klasse 220, Jahrgang 2005, 160.000 Kilometer. 7000 Euro, sagt Elis. Kurze Spannungspause. Aber da können wir auch noch mal drüber reden. Oder hier, ein Schnäppchen: E-Klasse 220, Jahrgang 2001, 250.000 Kilometer. 3600 Euro. Bar auf die Hand, natürlich, gern auch albanische Lek, Dollar oder Pfund.

Den Kilometerangaben traue ich nie, sagt Dionis auf der Rückfahrt nach Tirana. Da lässt sich dran drehen. Deshalb sollte man die Autos immer selbst unter die Lupe nehmen. Oder halt unter den Hintern.

An der Einfahrtsschranke zum Mutter-Teresa-Flughafen bremst Dionis scharf. Durchs offene Fenster beginnt er, mit dem Mitarbeiter zu diskutieren, der ihm den Parkschein aus dem Automaten reicht. Ein junger Kerl, er mustert das Auto. Sätze sausen hin und her. Die Zeit drängt. Gibt es Probleme?

Nein, nein, mein Freund, sagt Dionis. Er will nur meinen Mercedes kaufen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 20.09.2017 10:30 Uhr