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Veröffentlicht: 15.03.2017, 10:53 Uhr

Bosnische Möbel Voll auf dem Holzweg

Der Balkan ist bisher kein Hotspot des Möbeldesigns gewesen. Das soll sich jetzt ändern. Zwei bosnische Marken sorgen für Furore – mit schwedischer Hilfe.

von Christiane Tillmann
© Zanat Die internationale Hockermode kommt Zanat durchaus entgegen.

Handwerk hat goldenen Boden, sagt der Volksmund. Und schaut man sich auf den großen Möbelmessen um oder lässt sich durch Interior-Shops und -Blogs treiben, wird klar: Recht hat er! Feine Schnitzereien, dem Holz in stundenlanger Detailarbeit entlockt, kostbare Ziselierungen, zartes Flechtwerk oder handgearbeitete Keramiken mit ursprünglichem Charakter liegen aktuell im Trend. Als Zeichen der Zeit wider die Gleichmacherei befriedigen diese Produkte mit fast schon naivem Charme den Wunsch des Konsumenten nach Individualität und Authentizität. Denn wer das Besondere für sein Zuhause sucht, der legt entweder selbst Hand an, kauft Gutes aus Omas Zeiten auf dem Trödel oder aber wird bei Marken fündig, die es verstehen, traditionelle Handwerkstechniken ins Hier und Jetzt zu übersetzen.

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Dabei spielt neben dem heimlichen Star des Trends – dem Handwerker – auch der Werkstoff eine zentrale Rolle. Allen voran Holz. Versteckte sich das zuletzt noch schüchtern unter Hochglanz-lackierungen, offenbart es nun mehr und mehr seine natürliche Schönheit, beispielsweise durch Astlöcher, starke Maserungen oder sogar Baumrindenreste. Zusammengefasst ergibt sich die Trendformel „Holz plus Handwerk plus gutes Design gleich Verkaufserfolg“. Kein Wunder eigentlich, dass nun auch Marken aus Ländern Anschluss an den hiesigen Möbelmarkt finden, die man auf den ersten Blick nicht unbedingt als Design-Hotspots bewertet hätte.

Internationale Aufmerksamkeit in kürzester Zeit

Zanat und Artisan aus Bosnien-Hercegovina gehören dazu. Beide Labels haben es binnen kurzer Zeit geschafft, international auf sich aufmerksam zu machen. Denn „sie treffen ziemlich genau den Nerv der Zeit, machen gutes Marketing, gute Produkte und nicht zuletzt auch gutes Design“, fasst es Ursula Geismann, Trend- und Design-Expertin des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie (VDM), zusammen. Design werde nun auch endlich in Osteuropa, wo man sich vom sozialistischen Einheitsstil habe lösen müssen, anders, nämlich globaler bewertet, sagt sie.

Zanat hat sich dafür neu erfinden müssen. Die Wurzeln des Unternehmens liegen in Konjic, südwestlich von Sarajevo, und sind fast hundert Jahre alt. Sie basieren auf einer primitiven Handschnitz-Technik, dem „bosnischen Konjic-Stil“, den Gano Niksic für sich entdeckte und weiterentwickelte. 1927 gründete Ganos Sohn Adem dann ein Unternehmen für die Herstellung von Luxusmöbeln, das die Grundfeste von Zanat bildet und zwischen dem Zweiten Weltkrieg, dem Ende des Sozialismus und dem Bosnien-Krieg durch dessen Kinder am Leben gehalten wurde. 1995 eröffnete die Firma zuerst unter dem Namen „Rukotvorine“ wieder, bis die heutige, zwischenzeitlich vierte Niksic-Generation der Marke eine neue Identität überstülpte. „Die Vision, Strategie und Pläne für Zanat kamen von uns, also von innen“, sagt der heutige Chef der Marke, Orhan Niksic. Er ist es gewohnt, über den sprichwörtlichen Tellerrand zu schauen, und mit internationaler Zusammenarbeit hat er Erfahrung. Denn Niksic ist Ökonom und hat bei der Weltbank und anderen großen Organisationen gearbeitet. Sein Bruder Adem, der zweite Mann des Führungsduos, ist Architekt und hat das Produktions-Knowhow beigesteuert.

Für die beiden war klar, dass sie sich von der tradierten Gestaltung lösen musste – ohne jedoch die Herkunft der Marke aus den Augen zu verlieren. „Bosnien selbst besitzt keine wirklich starke Design-Tradition, besonders nicht, wenn es um modernes Produktdesign geht“, schränkt Niksic ein. Also suchte er Verbündete, die gelernt hatten, auf dem internationalen Parkett zu tanzen. So wie Monica Förster. Die schwedische Star-Designerin, die mittlerweile Creative Director von Zanat ist, sah vor allem die vielen Möglichkeiten, die der Aufbau der neuen Marke mit sich brachte. Aus der Verbindung von skandinavischem Ausdruck und dem hochwertigen bosnischen Handwerk ergibt sich gestalterisch ein spannender Kontrast, der sie reizt und der, wie sie hofft, etwas Neues und Besonderes auf dem Designmarkt darstellt.

„Hub für weitere bosnische Firmen“

Darüber hinaus soll Zanat aber noch für mehr stehen: „Wir möchten gern eine Art Hub für weitere bosnische Firmen sein“, sagt Förster. Das bestätigt auch Niksic, der sich als Unternehmer mit sozioökonomischer Mission sieht: „Wir wollen dabei helfen, die traditionelle Handwerkstechnik unserer Heimatstadt, die offiziell von der Regierung Bosnien-Hercegovinas zur Aufnahme auf die Liste des immateriellen Weltkulturerbes der Unesco vorgeschlagen wurde, weiter bekannt zu machen und zu schützen.“ Einerseits, sagt er, um die eigene Kultur zu bewahren. Andererseits aber auch, um Vollzeitjobs im Handwerk zu schaffen.

44994168 © Zanat Vergrößern Der „Konjic-Stil“ hat eine lange Tradition.

Neben Förster haben zwischenzeitlich mit Gert Wingårdh, Harri Koskinen und Ilse Crawford drei weitere Design-Größen sowie einige lokale Kreative für das Label entworfen. „In Bosnien arbeiten wir mit den talentiertesten Architekten, die für uns zum Beispiel Messestände kreieren oder Kooperationen mit Handwerkern aus anderen Bereichen realisieren, wie der Leder-, Metall- oder Wollproduktion“, erzählt Orhan Niksic, dessen Strategie seit dem Launch von Zanat vor etwas mehr als zwei Jahren aufzugehen scheint. Die Marke ist mittlerweile auf vier Kontinenten zu haben, und glaubt man dem Geschäftsmann, dann steigen die Verkaufszahlen stetig.

Traditionelles Handwerk und skandinavisches Design

Die Verbindung aus traditionellem Handwerk und skandinavischem Design liefert alle Zutaten für gutes Storytelling, ohne das kaum noch ein Produkt auskommt – schon gar nicht in der Welt des Möbeldesigns. Zanats Rezept, zurück zu den Wurzeln zu kehren und diese auf zeitgenössische Weise zu pflegen, hat dem jungen Label vom Balkan auch medial viel Aufmerksamkeit beschert und das Ansehen in Designer-Kreisen gesteigert. Allerdings, sagt Ökonom Niksic: Neben einer guten Strategie und professioneller kreativer Unterstützung sei ebenso die finanzielle Unterstützung eine wichtige Grundlage für Zanats Erfolg. Ohne die Förderprogramme der schwedischen Regierung sei die Gründung des Unternehmens kaum vorstellbar gewesen, stellt Niksic klar.

44994189 © Artisan Vergrößern Starkes Stück: Tisch „Tesa“

Auch Artisan – die zweite Erfolgsgeschichte aus Bosnien-Hercegovina – hat anfänglich von der Förderung profitiert und sich auf der internationalen Bühne etabliert. Dies auch, weil das Unternehmen es verstanden hat, die lange Handwerkshistorie Bosniens mit modernen Fertigungsmethoden zu verbinden. Damit habe man die Tür zu einem größeren Markt aufgestoßen, sagt Silva Vuksanović, Sales Managerin von Artisan. Mit der Automatisierung einiger Prozesse war es allerdings nicht getan.

Ehrgeizige Ziele

Wie Zanat bedient sich Artisan, das aus einer traditionellen Schreinerei hervorging, zur Eroberung des globalen Möbelmarktes der unausgesprochenen Trendformel. So holte man sich internationale Designer wie Karim Rashid und junge Einheimische ins Design-Team, das eine eigene, markante Formsprache entwickelte. Holz, der kostbare natürliche Hauptdarsteller in beiden Unternehmen, steht auch hier ganz klar im Fokus. Wobei viele der Stücke aus der Artisan-Kollektion, unter Leitung von Creative Director Ruder Novak-Mikulić, Merkmale des angesagten skandinavischen Mid-Century-Designs tragen.

44994175 © Artisan Vergrößern Massiver Auftritt: Stuhl aus der „Steek“-Linie von Karim Rashid

So ist der Red Dot prämierte Lounge-Chair „Neva“ (Design: Ruder Novak-Mikulićc und Marija Ružić) mit seinem geschwungenen, dunklen Holzgestell und der senffarbenen Polsterung ebenso wie das Tagesbett „Thor“ (Design: Fahmida Lam) mit hellen Eichenfüßen und einer gesteppten Auflage in Petrol ein typisches aktuelles Artisan-Produkt. Eins, das gleichzeitig modern wirkt, aber dennoch den Charme eines Vintage-Teils versprüht. Das kommt nicht von ungefähr, denn so entsteht – zusammengenommen mit dem Unikatcharakter eines handgefertigten Möbels – eine emotional aufgeladene Mischung, die das Produkt für den Käufer am Ende umso einzigartiger machen soll. Das funktioniert auch hier offenbar bestens. Startete Artisan 2007 mit 15 Mitarbeitern, sind es 2017 schon 170, es gibt 200 internationale Verkaufsstellen und drei eigene Showrooms in China. „Und das ist erst der Anfang“, gibt sich Sales Managerin Silva Vuksanović sicher. „Wir wollen weitermachen, uns optimieren und unser Ziel erreichen: die erste osteuropäische Möbelmarke zu werden, die man auf der ganzen Welt kennt.“

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