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Veröffentlicht: 07.03.2017, 13:32 Uhr

Gärtnerin im Gespräch „Wir reißen übereifrig alles raus“

Bärbel Oftring ist Gärtnerin mit Leib und Seele. Im Interview verrät die Biologin, was verantwortungsvolles Hobbygärtnern, schöne Wildpflanzen und Jäten mit Augenmaß bedeuten. Denn nicht alles, was wie Unkraut aussieht, sollte auch weg.

von
© privat Biologin Bärbel Oftring: Lieber etwas weniger jäten!

Mögen Sie eigentlich Unkraut – oder wie oft sind Sie als Biologin schon selbst beim Jäten verzweifelt?

Nadine Oberhuber Folgen:

Ziemlich oft, schon als Kind musste ich immer meinem Vater beim Unkrautjäten helfen und habe das sehr ungern getan. Ich verbinde das immer mit Rückenschmerzen. Vielleicht entstand daraus auch die Frage: Lasse ich das, was da keimt, vielleicht doch lieber wachsen? Das ist viel weniger Arbeit für den Hobbygärtner.

Stimmt, man kann sonst jede Woche aufs Neue jäten, und es hört einfach nicht auf.

Man kann denken: Es wird nie fertig, das hat diesen negativen Touch. Eigentlich steckt dahinter aber etwas Schönes. Man sieht, welche Kraft die Pflanzen haben, indem ständig etwas Neues keimt und aufblüht. Energie zum Wachsen ist ja auch etwas Schönes.

Für diese Einstellung muss man aber Optimist sein, oder?

Vielleicht, aber es ist auch der Blick der Biologin auf die Natur: Wir sehen bei der Zahl der Insekten einen Rückgang um 80 Prozent in den vergangenen 50 Jahren. Das ist auch dem Umstand geschuldet, dass wir Menschen übereifrig einfach alles rausreißen, was von der Natur kommt. Da kann man sich schon Szenarien ausmalen, was passiert, wenn es überhaupt keine blütenbestäubenden Insekten mehr gibt.

Wir jäten also eher zu viel als zu wenig?

Jaja, auf jeden Fall viel zu viel. Nun kann man sich als Gärtner zwar zurücklehnen und sagen: 51 Prozent der deutschen Flächen sind ja Landwirtschaft, ich bin also gar nicht schuld. Die Landwirtschaft sorgt dafür, dass nur noch angebaut wird und keine Wildpflanzen mehr an Wegrändern und Heckenstreifen wachsen. Aber man ist als Gärtner schon auch in der Verantwortung: Gärten machen zwar nur zwei bis drei Prozent der deutschen Fläche aus, aber sie liegen wie ein großes Netz über dem ganzen Land. Wenn man sich vorstellt, dass in jedem Garten Inseln mit Wildpflanzen sein könnten, die Insekten und Vögeln Nahrung bieten, bekommt es eine andere Dimension.

45173372 © dpa Vergrößern Unkraut oder nicht?Der Löwenzahn ist einerseits ökologisch wichtig, andererseits neigt er auf Wiesen dazu, alles andere zu verdrängen.

Früher waren Wildgärten eher in Mode, warum haben wir die Lust daran verloren?

Es ist absurd: Einerseits haben wir eine unglaublich große Sehnsucht nach der Natur. Andererseits entstehen gerade überall diese modischen Kiesgärten. Man versteht nicht wirklich, warum der Mensch gegen seine eigene Sehnsucht arbeitet. Vielleicht ist es Unkenntnis, vielleicht soll einfach alles aufgeräumt sein.

Ist Ihr Buch „Wird das was oder kann das weg?“ ein Plädoyer zum Rausreißen oder Wachsenlassen?

Es ist ein Plädoyer zum Genauer-Hinschauen, um dann zu entscheiden: Was reiße ich raus? Und was lasse ich eine Weile stehen? Unkraut ist ja nur ein Kraut, das an der falschen Stelle wächst. Schnittlauch im Balkonkasten wäre demnach auch ein Unkraut oder die Birke, die sich dort selbst ausgesät hat. Die Vogelmiere ist ein schönes Beispiel, sie kann lästig werden, weil sie das ganze Jahr über blüht und Samen bildet. Aber man kann sie als Gründünger unterheben und sogar essen. Sie ist außerdem ziemlich hübsch und wird von Bienen besucht, von Hummeln und Schwebfliegen, von ihren Samen ernähren sich Finken. Deswegen ist es sinnvoll, ein paar davon stehenzulassen, gerade auf brachliegenden Flächen im Garten. Dort deckt und schützt sie den Boden – und notfalls wird man sie schnell wieder los.

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