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Berlin : Problemkiez im Wandel

Viele Straßen wandeln sich zusehends - auch ohne Luxussanierung Bild: Hoang Le, Kien

Das Berliner Viertel Neukölln hatte lange einen schlechten Ruf. Nun kommen die an Kreuzberg grenzenden Straßenzüge in Mode. Das treibt die Immobilienpreise - und gefällt naturgemäß nicht allen.

          Die Kellnerin, jung, roter Mund und lange Locken, lächelt den älteren Herrn an, der gerade das kleine Café in der Pannierstraße betreten hat. „Na Günther“, fragt sie, „haste ’ne neue Frisur?“ „Sieht man das?“, antwortet er gerührt. Draußen, vor der „Croissanterie“ in der Pannierstraße, sitzen amerikanische Touristen auf Holzbänken in der Sonne und essen Hörnchen, die mit weißer Schokolade und Himbeermarmelade gefüllt sind. Die Aufkleber im Ladenfenster weisen das Café als Tipp der einschlägigen Stadtmagazine aus.

          Henrike Roßbach

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist ein Laden, der in den Reuterkiez passt, diesen kleinen Zipfel Neukölln, der sich so sehr verwandelt hat. Hip, ein bisschen öko und ostentativ entspannt. Von Problembezirk jedenfalls ist nichts mehr zu spüren rund um den Reuterplatz. Thomas Blesing steht vor einer Neukölln-Karte und regt sich ein bisschen auf. „Neukölln ist mehr als der Reuterkiez“, sagt er und tippt mit dem Finger auf ein kleines Dreieck im Norden des Bezirks, das nach Kreuzberg hineinragt und das er „Entenschnabel“ nennt. „Alle - entschuldigen Sie die Wortwahl - geilen sich immer an den Umbrüchen dort auf und denken, das sei Neukölln.“ Er macht eine Pause.

          „Vom Nichts zum Szenebezirk“

          „Ist es aber nicht.“ Das da oben sei letztlich Kreuzberg, und am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg zu wohnen sei schon vor zwanzig Jahren teuer gewesen. „Warum sollte es hundert Meter weiter anders sein?“ Lange war es aber anders. Das weiß der SPD-Politiker Blesing, der seit siebeneinhalb Jahren Stadtbaurat in Neukölln ist, und erzählt von jener Zeit, als der Reuterkiez kein prosperierendes Viertel war, sondern durch das Quartiersmanagement aufgepäppelt werden musste. Viel Geld sei geflossen, in Kindergärten, Schulen, Spielplätze und in die Sozialarbeit.

          Nun ist das nicht mehr nötig. In sieben Jahren habe sich die Gegend „vom Nichts zum Szenebezirk“ gewandelt, sagt Blesing. Ende 2016 fällt der Reuterkiez daher aus der Quartiersförderung heraus. Ähnlich wie der Reuterkiez entwickeln sich auch Rollberg- und Schillerkiez.

          In Blesings Büro im Neuköllner Rathaus steht ein Foto des jungen Willy Brandt etwas prosaisch auf den Kabelschächten neben den Telefonsteckdosen. Er gucke ihm bei der Arbeit zu, sagt Blesing, der ganz herrlich berlinert. Dann erzählt er noch, dass er auf der Straße immer mal wieder mit Günther Jauch verwechselt werde und dass er um die Ecke wohne, in einer Genossenschaftswohnung.

          Der derartiger Hype sei nicht nachvollziehbar

          Womit er wieder beim Thema wäre: „Ich kenne den Kiez so lange ich leben. Wie die Leute heute auf die Idee kommen, zehn Euro netto pro Quadratmeter zu zahlen, ist mir schleierhaft.“ Überhaupt ist es Blesings leichteste Übung, Anekdoten zur Entwicklung des Wohnungsmarktes in Neukölln zum Besten zu geben. Zum Beispiel wie ein Kollege eine früher unverkäufliche Wohnung neu vermieten wollte und von den anderen Eigentümern bekniet wurde, wenigstens 7,60 Euro kalt für den Quadratmeter zu verlangen - um ihnen nicht die Preise zu ruinieren.

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