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Veröffentlicht: 28.11.2016, 12:30 Uhr

Ausmisten Hey, das kann man doch noch brauchen!

Der eine trennt sich nur ungern von Sachen. Der andere wirft alles weg. Was, wenn diese beiden zusammenwohnen? Über das Aufeinandertreffen zweier Daseinsformen.

von
© Getty Es ist ein großer Unterschied, ob wir Liebesbriefe aus der Jugend aufbewahren oder die X-Box-Fifa-Version 2013.

Vor kurzem hat Petra Hertel* beim Ausmisten ganz hinten im Kleiderschrank ihres Mannes einen alten Adidas-Trainingsanzug gefunden. Er war glänzend und dunkelblau, mit weinroten Bordüren. „Er hat ihn vermutlich Ende der siebziger Jahre das letzte Mal getragen. Ich habe keine Sekunde gezögert und das Ding in den Secondhandladen gebracht“, erzählt Hertel. Zu ihrer großen Überraschung war die Inhaberin entzückt, weil der Anzug so „retro“ sei; sie verkaufte ihn für 80 Euro.

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Als Hertel ihrem Mann stolz von ihrer Tat berichtete, entgegnete der entsetzt: „Wieso hast du mich nicht gefragt?“ Sie antwortete: „Weil du gar nicht mehr wusstest, dass du diesen Trainingsanzug noch besitzt.“ Aber in Wirklichkeit ging es bei diesem Wortwechsel um etwas anderes, meint Hertel: um die Frage, ob er, der Horter, oder sie, die Wegschmeißerin, im Recht war. Oder anders gesagt: um die Verteidigung einer Daseinsform.

Die Horter und die Wegschmeißer

Jeder kennt sie: Menschen, die prall gefüllte Umzugskisten im Keller horten, in denen sich vergilbte mathematische Lehrbücher und Formelsammlungen aus ihrer Studienzeit befinden und in die sie seit einem Vierteljahrhundert keinen Blick mehr geworfen haben. Gestandene Männer, die sich nicht von Postern aus den frühen Achtzigern trennen, oder Frauen, die ganz hinten im Schrank noch Geschirr besitzen, das sie sich vor dreißig Jahren bei Ikea gekauft haben.

Und jeder kennt auch das Gegenstück zu diesen Menschen: Leute, die alles entsorgen, was sie nicht mehr interessiert. Bücher, die ihnen nicht gefallen haben, landen bei Amazon und die alten Spielsachen ihrer Kinder auf Ebay. Diese Menschen finden es befreiend, wenn sie Pakete zur Post bringen und wissen, dass sie deren Inhalt nie wiedersehen werden. Sie finden es herrlich, wenn in ihren Schränken und Regalen so viel Platz ist, dass sie leicht alles wiederfinden und herausholen können, und wenn nichts Unnützes herumsteht und vollstaubt.

Prägende Erfahrungen

Aber woran liegt das eigentlich, ob wir Aufbewahrer oder Wegschmeißer sind? Kommen wir schon so auf die Welt? Ein wenig machen die genetischen Anlagen sicher aus, sagt Beate Dick, Psychiaterin, Psychotherapeutin und Supervisorin aus Frankfurt und selbst eher eine Wegschmeißerin: „Aber darüber hinaus gibt es noch ganz viele andere Einflüsse.“ Eine Rolle spielt zum Beispiel, was die Eltern uns vorgemacht und anerzogen haben – selbst wenn man diese Haltung dann später ins Gegenteil verkehrt.

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Erfahrungen, die man im Laufe seines Lebens gemacht hat, haben ebenfalls einen Einfluss darauf, wie schwer oder leicht wir uns von Sachen trennen. „Wer zum Beispiel im Krieg Hunger oder Mangel erlebt hat, wird eher ein Bewahrer sein“, so Dick. Auch Menschen, die in ihrer Kindheit besonders verunsichernde Erfahrungen gemacht haben, etwa dass „die Mutter nachts immer weg war und der Kuschelhase der Einzige war, der die Stellung gehalten hat“, werden tendenziell eher an liebgewonnenen Gegenständen festhalten, weil die ihnen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln.

Schwierigkeiten für Paare

So meint etwa Eva, 32, dass ihr Freund Alex, 34, deswegen ein Horter ist, „weil Gegenstände für ihn Sicherheit und Beständigkeit bedeuten: Er hatte eine eher instabile Kindheit, seine Eltern haben sich häufig gestritten und schließlich scheiden lassen.“ Schuhe mit Löchern schmeißt Alex zum Beispiel grundsätzlich auch dann nicht weg, wenn er schon neue gekauft hat: Er schont die neuen lieber noch ein bisschen. „Und sein altes Portemonnaie trägt er auch immer noch mit sich rum, obwohl meine Mutter ihm ein neues geschenkt hat“, sagt Eva, die davon „total genervt“ ist.

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