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Veröffentlicht: 04.06.2014, 14:19 Uhr

App „Flatastic“ Mit dem Smartphone gegen das WG-Chaos

Schon wieder dreckiges Geschirr in der Spüle. Und wer ist eigentlich mit dem Einkauf dran? Eine Smartphone-App will das Zusammenleben in Wohngemeinschaften verbessern.

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© epd-Bild Wer macht was? Diese drei WG-Bewohner erwecken nicht den Eindruck, als ob sie an der Aufgabenverteilung verzweifelten.

Nur ein Beispiel, das zeigen soll, was in einer Wohngemeinschaft schieflaufen kann. Der Ort: eine WG im Berliner Osten. Die Besetzung: drei um die 20 Jahre alte Männer. Zwei davon nahezu komplett sozialverträglich, einer ein menschlich tadelloser Typ, aber ein WG-technischer Totalausfall. Nennen wir ihn Peter. Eines Tages kommen die beiden anderen nach Hause, als Peter am Küchentisch sitzt und liest. Die anderen zerkleinern Zwiebeln, Gurken, Tomaten, doch dann fehlt die Salatschüssel. Sie finden sie nicht im Schrank, sie finden sie nicht im Geschirrberg, den Peter wieder einmal nicht abgespült hat, obwohl er dran war.

Martin Gropp Folgen:

„Peter, hast du die Salatschüssel gesehen?“

„Welche Salatschüssel?“

„Die große blaue.“

„Darin“, sagt Peter, „mache ich gerade mein Fußbad gegen Schuppenflechte.“ Dann hebt er mit leisem Plätschern unter dem Tisch die Füße aus dem Wasser.

Peter sorgte damals, Anfang der Nullerjahre, nicht nur dafür, dass wir uns eine neue Salatschüssel anschaffen mussten. Er zeigte uns auch, wie man irrsinnige Ausreden erfindet („Der letzte Joghurt kam zu mir ins Zimmer, und verlangte, dass ich ihn sofort esse“). Und er machte uns weniger sozialverträglich. Das mit dem dreckigen Geschirr unter seiner Bettdecke war nicht nett, aber es hatte mehr Wirkung als Worte - zumindest für eine Weile.

29532348 © Flatastic Vergrößern Die App „Flatastic“ soll der WG zu mehr Harmonie verhelfen.

Einer wie Peter ist kein Einzelfall. Typen wie ihn gab es schon immer, und es gibt sie noch. Generationen von WG-Bewohnern kennen Mitbewohner wie ihn: freundlich von Natur, aber leider hemmungslos und ignorant in all den kleinen Alltagsdingen, die das Zusammenleben verträglicher machen können. Oder eben nicht.

Die Abrechnungsfunktion könnte die Freundschaft retten

Wie mit einem wie Peter umgehen? Im Zeitalter der Smartphones tun sich neue Lösungsmöglichkeiten auf. So gibt es seit neuestem ein Programm, das dafür sorgen soll, dass sich die Peters dieser Welt nicht mehr so negativ auf die WG-Atmosphäre auswirken. Flatastic heißt die Anwendung, die vier junge Männer aus Deutschland und der Schweiz erdacht haben. „Wir wollen das Zusammenleben vereinfachen und harmonischer machen“, sagt Mitgründer Malik El Bay.

Genau dem steht einiges im Wege, wie eine Umfrage der Immobilien- und WG-Portale Immobilienscout24 und Noknok vom Herbst 2012 zeigt. Damals wurden 500 WG-Bewohner über mögliche Probleme befragt, die das Zusammenleben mit sich bringt. Dabei war Schmutz für 73 Prozent der Befragten der ärgste Stimmungskiller. Mehr als zwei Drittel gaben an, dass sie es als besonders störend empfinden, wenn sich Mitbewohner nicht an den Putzplan halten. Dass die Mitbewohner nicht abspülen wollen, bedeutete für 65 Prozent der Befragten WG-Stress.

Solches Unbehagen will Flatastic eindämmen. Harmonie schafft die Anwendung über ein paar Eigenschaften, die das Smartphone-Zeitalter so mit sich bringt: ständiger Zugriff auf das Internet, Transparenz, Effizienz und gegenseitige Kontrolle. Flatastic bietet zum Beispiel eine Einkaufsliste. Fehlt Toilettenpapier, kann der Mitbewohner, der das letzte Blatt abgerollt hat, das in die Liste eintragen. Ist ein anderer WG-ler im Drogeriemarkt, kann der gleich eine neue Packung mitbringen.

Wer zahlt was und, wenn ja, wie viel? Solche Fragen, haben schon die besten WG-Freundschaften zerbrechen lassen. Über die Abrechnungsfunktion der App soll jeder Mitbewohner die Übersicht behalten, welche Kosten für Miete, Internetzugang oder Einkäufe aufgelaufen sind.

Auch die Einkaufsliste ließe sich zu Geld machen

Und dann wäre da noch der Putzplan, aus dem hervorgehen soll, wer zuletzt gefeudelt hat und wer als Nächstes dran ist. „Es soll kein starres Korsett sein, das dem WG-Spießer in die Hände spielt“, wehrt El Bay Bedenken ab. Trotzdem könnte die App zumindest etwas Struktur in das Hygieneverhalten der Hausgenossen bringen - und Übersprungshandlungen verhindern. Zum Beispiel dreckiges Geschirr im Bett.

Die Frage der Sauberkeit brachte El Bay auf die Idee, die Anwendung zu programmieren. Der 25 Jahre alte Student der Interdisziplinären Naturwissenschaften hat selbst innerhalb von sechs Jahren in sieben verschiedenen Wohngemeinschaften gewohnt. Auf Station in Berlin fand er sich irgendwann plötzlich in einem klassischen Putzstreit wieder. „Der eine wollte nicht sauber machen, dem anderen war es zu dreckig, und ich stand mittendrin“, erzählt er, und dass er sich danach gefragt habe, ob man solche Probleme nicht mit einer App lösen könnte.

In der Schweiz nutzen schon mehr als 3.500 WGs mit mehr als 10.000 Mitbewohnern die Anwendung. Seit dem 20. Mai ist das Programm nun auch in Deutschland erhältlich. Inzwischen ziehen in der Woche 1.000 neue Menschen in die virtuellen WGs. Zwischen 2 und 6 Millionen Menschen, schätzt El Bay, leben in Deutschland, Österreich und der Schweiz in Wohngemeinschaften. Es gibt also Wachstumspotential und damit auch die Möglichkeit, mit der Anwendung irgendwann Geld zu verdienen. Premium-Partnerschaften mit Werbekunden kann El Bay sich vorstellen, die dann einzelne Funktionen sponsern.

Auch die Daten auf der Einkaufsliste ließen sich theoretisch zu Geld machen. Wer dort einträgt, dass er gerade Saft, Milch Klopapier oder Eier braucht, wäre wohl auch für Sonderangebotsanzeigen von Supermärkten empfänglich. Dort könnten dann auch Haushaltswarenhändler inserieren. Zum Beispiel für Salatschüsseln, für die ganz harten Fälle.

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