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Gartensaison : Plötzlich im Zwiebelfieber

  • -Aktualisiert am

Der richtige Umgang mit den Blumen ist eine wahre Kunst. Bild: Jacqueline van der Kloet

Blumenzwiebeln galten lange als öde. Dann kam Jacqueline van der Kloet. Die Niederländerin ist Künstlerin im Umgang mit Tulpen und Narzissen. Ein Besuch in ihrem Garten.

          Jacqueline van der Kloet hat die Ruhe weg. „Blumenzwiebeln lasse ich immer in der Erde“, sagt die Gartendesignerin. „Dann schaue ich, wie sie sich machen.“ Die tiefblauen Hyazinthen zum Beispiel, die fast ein ganzes Beet in ihrem Garten einnehmen, haben über die Jahre ihre wuchtige, pompöse Form aufgegeben, sie tragen deutlich weniger Glöckchen am Stiel als üblich. Das tut ihrer Schönheit jedoch keinen Abbruch, im Gegenteil: „Sie sind mir sonst viel zu dominant, eigentlich mag ich Hyazinthen gar nicht“, gesteht van der Kloet. Doch so, wie sie jetzt im Beet stehen, könnte man sie auch in der Natur finden.

          Zwar arrangiert Jacqueline van der Kloet Pflanzen kunstvoll, doch sind ihre Beete von der Natur inspiriert. Die Niederländerin ist Expertin, was Zwiebelpflanzen angeht. Bekannt ist sie für ihren Stil, der mal als impressionistisch, mal als „Millefleurs“-, mal als „Konfetti“-Pflanzung bezeichnet wird. Die Gärtnerin setzt die bunt blühenden Zwiebeln nicht, wie noch vielerorts heute üblich, in klassischen Farbblöcken zusammen.

          Vielmehr streut sie sie so in die Beete ein, dass es aussieht, als wären sie rein zufällig am richtigen Ort gelandet. Vor allem aber pflanzt van der Kloet sie zwischen Stauden, deren Austrieb sich geschickt mit den Frühlingsblüten kombiniert. So entstehen Bilder, die kunstvoll, gleichzeitig aber auch natürlicher wirken als etwa ein breites Band roter Tulpen auf brauner Erde. Keine Magie, aber zauberhaft.

          Korrespondenz der Farben

          Im „Modeltuin“, van der Kloets Schaugarten im nordholländischen Städtchen Weesp, stehen die Narzissen zwischen allmählich verblühenden Lenzrosen, blauem Lungenkraut, den scharfen Spitzen der austreibenden Hosta und dem jungen Laub eines Schaumkrauts, dem Fieder-Zahnwurz (Cardamine heptaphylla). Tulpen öffnen ihre Knospen zwischen frischem Storchschnabel, purpurfarbenem Goldlack, Euphorbien und den gelbgrünen Spitzen des Gold-Flattergrases (Milium effusum ’Aureum‘). Ins Beet gesät hat die Gärtnerin die Stängelumfassende Gelbdolde (Smyrnium perfoliatum): „Ihre gelbgrünen Blätter sind ein sehr schöner Hintergrund für die Tulpen.“

          Farben korrespondieren, wie die einer lachsfarbenen Tulpe ohne Namen, die falsch geliefert wurde, mit den dunkelroten Trieben der Pfingstrosen. Oder sie bilden einen frischen Kontrast wie die hellgelben Blüten der Hohen Schlüsselblume (Primula elatior), die zwischen den blauen Hyazinthen stehen. Kaum zu glauben, dass dieser Garten, 30 Jahre alt, einmal ohne Blumenzwiebeln angelegt worden war. Anfangs gab es hier vor allem Stauden unter den großen Gehölzen.

          12.000-Quadratmeter-Grundstück südlich von Amsterdam

          Jacqueline van der Kloet ist Landschaftsarchitektin, mit zwei befreundeten Kollegen suchte sie in den achtziger Jahren nach einem Grundstück, auf dem sie arbeiten, leben und einen Schaugarten anlegen könnten. Fündig wurden sie in Weesp, südöstlich von Amsterdam. Ihr 12.000-Quadratmeter-Grundstück ist eine alte Bastion, die mit einem hohen Deich umgeben ist. Oben grasen Schafe unter hohen Bäumen, der Garten liegt geschützt und ist stets einige Grad wärmer als die Umgebung. Ganz unterschiedliche Bedingungen finden sich hier.

          Wo Regenwasser vom Deich abläuft, ist es feucht, dort fühlen sich Narzissen wohl. Tulpen gedeihen eher auf den trockeneren und sonnigeren Flecken. In den ersten Jahren setzte Jacqueline van der Kloet vor allem Stauden. Zu den Blumenzwiebeln kam sie, trotz des kulturellen Erbes ihres Heimatlandes, erst Anfang der neunziger Jahre. „Ich schrieb eine Kolumne für ein Magazin. Da wurde die damals existierende International Bulb Society auf mich aufmerksam.“

          Ob sie nicht mal über Blumenzwiebeln schreiben wolle? Sie sagte zu – und begann sich der Blumenzwiebeln anzunehmen. Bald kamen Kisten voller Zwiebeln, die sie im Garten verteilte. Das erste Frühjahr konnte sie gar nicht abwarten, und dann wurden ihre Erwartungen übertroffen: „So viele Farben, Formen und Höhen, ich war sofort überzeugt.“ Jacqueline van der Kloet war vom Zwiebelfieber ergriffen.

          „Blumenzwiebeln hatten immer ein schlechtes Image“

          Von Anfang an hatte sie ihren ganz eigenen Stil und setzte die bloembollen, wie sie auf Niederländisch heißen, genau wie Stauden in natürlich wirkende Gruppen. „Blumenzwiebeln hatten immer ein schlechtes Image“, sagt die Gärtnerin. „Sie galten als altmodisch, wurden in Farbblöcken gepflanzt, und wenn sie verblüht waren, war ein Loch im Beet.“ Das wollte van der Kloet anders machen – und fand damit großen Zuspruch. Für die Expo 2000 in Hannover legte sie einen Garten an, auch bei der Floriade 2002.

          Grüne Leidenschaft: Jacqueline van der Kloet hat sich ganz ihren Pflanzen verschrieben.
          Grüne Leidenschaft: Jacqueline van der Kloet hat sich ganz ihren Pflanzen verschrieben. : Bild: Ina Sperl

          Der Keukenhof, der bekannteste Zwiebelblumenpark der Niederlande, ließ 2005 seine Beete von ihr umgestalten. International bekannt wurde Jacqueline van der Kloet auch durch den Battery Park in New York und den Lurie Garden in Chicago, zwei großen Projekten Piet Oudolfs, an denen sie beteiligt war. Mit ihrem Landsmann verbindet sie seit Jahren eine enge Freundschaft. Auch für Bad Driburg, einem weiteren Oudolf-Garten, hat sie Beete gestaltet, außerdem in Schloss Ippenburg und in einem privaten Park „Am blauen See“ in Königswinter (der an einigen Tagen im Jahr, unter anderem diesen Sonntag, geöffnet ist).

          Jacqueline van der Kloet arbeitet alleine, ohne Team. So ist sie frei, sich Zeit zu nehmen und zum Beispiel für ein kleines, sehr emotionales Projekt nach Japan zu fliegen. „Nach dem Tsunami 2011 wurde ich gefragt, ob ich bei der Neuanlage eines Gartens in einem zerstörten Dorf helfen könnte. Das Erste, was sich die Menschen dort wünschten, waren Blumen. Sie waren sicher: Alles andere kommt dann von alleine wieder.“

          Auch für sie selbst sind Pflanzen und Garten lebenswichtig. „Er ist ein Lebensfaden. Ohne ihn könnte ich nicht leben. Ich fürchte mich vor November und Dezember. Ich kann es immer gar nicht abwarten, bis es Frühling wird und ich die neuen Anfänge sehe.“

          Bei Tee und Gewürzkeksen

          Wenn Jacqueline van der Kloet bei Tee und Gewürzkeksen über Blumenzwiebeln spricht, springt der Funke ihrer Begeisterung unweigerlich über: „Sie sind die Ersten, die im Frühjahr blühen - denken Sie nur an Schneeglöckchen und Winterlinge. Sie überbrücken die Zeit, bis die Stauden kommen. Und sie sind so unkompliziert. Fast alle kommen Jahr für Jahr zurück.“ Wildtulpen sind sowieso robust, aber auch einige der langstieligen Kultivare blühen verlässlich ein ums andere Jahr wieder auf. Gute Erfahrungen hat die Expertin unter anderem mit den Sorten ’White Triumphator‘, der zarten ’Apricot Beauty‘ und der roten ’Couleur Cardinal‘ gemacht. „Pflanzen Sie sie nur tief genug, etwa 15 Zentimeter tief, und an den richtigen Ort. Tulpen brauchen viel Sonne. Schneiden Sie die alten Blüten heraus. Dann kommen die meisten wieder“, lautet ihr Tipp.

          Der Boden sollte gut durchlässig sein. Vor allem nach der Blüte brauchen Tulpen viel Licht, damit die Pflanze über das Laub Kraft für die Zwiebel tanken kann. Im Februar, wenn die ersten Spitzen aus der Erde schauen, sollten die Blumen mit organischem Dünger versorgt werden. Ist der Boden allzu sandig, benötigen sie viele Nährstoffe, am besten Kompost und Mist. Während Tulpen nicht gerne in nasser oder torfiger Erde wachsen, kommen Fritillarien wie die Schachbrettblume oder Kaiserkronen, aber auch Knotenblumen (Leucojum) und Narzissen damit bestens zurecht.

          Ein Spiegelbild des Menschen

          In den Beeten in van der Kloets Schaugarten finden sich interessante Kombinationen, die farblich abgestimmt sind und viele Wochen lang blühen. Die Narzissen ’February Gold‘ und ’Sabine Hay‘ passen gut zu Turkestanischen Tulpen und der lilienblütigen Tulpe ’White Triumphator‘. Später im Mai kommt noch die weiße ’Maureen‘ dazu. „Sie blüht aber erst, wenn schon viel Grün der Stauden da ist, sonst fände ich sie auch zu auffällig.“

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          In einem anderen Beet wachsen gelbe Krokusse mit brauner Zeichnung, ’Gipsy Girl‘, neben der zart orangefarbenen Tulpe ’Shogun‘, der rötlichorangen ’Jimmy‘, der Zwerg-Tulpe ’Bright Gem‘ und der Tulpe ’Orange emperor‘. Auch kontrastreiche Kombinationen zaubert die Gärtnerin, etwa mit den Tulpen ’White triumphator‘ und ’Purissima‘, der dunkelvioletten ’Black Hero‘sowie hellblauen Prärielilien (Camassia).

          Doch auch in Weesp funktioniert nicht alles nach Plan. „Es ist schön zu sehen, wie störrisch so ein Garten sein kann. Man kann die Natur nicht zwingen“, sagt van der Kloet. Pflanzen machen, was sie wollen. Unbedingt wollte die Gärtnerin den Glöckchenlauch (Allium triquetrum) haben. Erst tat sich der Lauch schwer, jetzt ist er überall. Aus dem Beet wagt er sich in den Kiesweg vor und an Stellen, wo er eigentlich nicht wachsen soll. „Ein richtiges Unkraut. Aber ich lasse ihn einfach.“ Ein guter Garten ist für Jacqueline van der Kloet „ein Garten, der das Wesen eines Menschen widerspiegelt“, sagt sie. Ihrer ist warm, freundlich, bunt und steckt voller Überraschungen.

          Quelle: F.A.S.

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