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„Allein unter Frauen“ : Der Südafrikaner darf noch ein Mann sein

Der Südafrikaner spielt Rugby Bild: Jan Bazing

In Hinblick auf die Gleichberechtigung hat Südafrika eine der fortschrittlichsten Verfassungen der Welt, 42 Prozent der Parlamentarier sind Frauen. Trotzdem halten sich Macho-Kultur und traditionelle Rollenmuster hartnäckig.

          Südafrikanische Männer sind keine Freunde vieler Worte. „All right, Boet“ (Bruder), „that’s it“, „no way“: Das reicht, um die wichtigsten Dinge des Lebens zu regeln. Wer jemals Handwerker im Haus hatte, weiß davon ein Lied zu singen. Womöglich sind wegen dieser Wortkargheit in südafrikanischen Cafés erstaunlich viele Tische nur mit Frauen besetzt. Männer schlagen in diesem Land lieber auf dem Golfplatz gemeinsam ein paar Bälle oder sinnieren am Braai (Holzkohlengrill) über Rugby, Cricket und über die eigenen Heldentaten, also Ultramarathons, Wettschwimmen im eisigen Atlantik oder halsbrecherische Abenteuer auf dem Mountain-Bike.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Je härter, um so besser. Klischees über Männer ähneln sich auf der ganzen Welt. Nicht umsonst hat ein Theaterstück wie „Caveman“ international für Furore gesorgt. Das Besondere an der Südspitze Afrikas: Die Klischees bewahrheiten sich dauernd. Zum Test haben wir eine schnelle Umfrage unter Müttern auf dem Parkplatz einer Kapstädter Schule gemacht. Auf die Frage nach dem südafrikanischen Mann antworten sie: Er ist sportversessen, begeistert sich für bullige Autos und hält sich für einen Vegetarier, wenn er eine Zeitlang nur Hühnchen isst.

          „Das sind bestimmt nicht die Typen, die Angst vor Spinnen haben“, sagt die Frau eines Hobbyjägers und Mutter von drei Kindern.Südafrika hat im Hinblick auf die Gleichberechtigung eine der fortschrittlichsten Verfassungen der Welt. 42 Prozent der Parlamentarier sind Frauen, mehr als im Bundestag. Die Frauenministerin feilt gerade an einem Gesetz, nach dem jeder zweite Management-Posten mit einer Frau besetzt werden muss. Schon jetzt sind hier mehr weibliche Aufsichtsräte zu finden als in vielen anderen Ländern.

          Düstere Seite des Männlichkeitskults

          Trotzdem halten sich Macho-Kultur und traditionelle Rollenmuster hartnäckig. Da verteidigt die Regierungspartei einen Gesetzentwurf, der Frauen faktisch aus traditionellen afrikanischen Gerichten verbannt. Da darf der mit vier Frauen verheiratete Staatspräsident Jacob Zuma sexistische Kommentare von sich geben. Zwar regen sich die Medien darüber auf. Zumas Karriere aber schaden sie genauso wenig wie Seitensprünge und ein Vergewaltigungsvorwurf. Der Männlichkeitskult hat auch eine düstere Seite. Südafrika kämpft mit chronisch hoher Kriminalität. Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2009 soll jeder vierte Mann schon einmal eine Frau vergewaltigt haben. Wie der Fall Oscar Pistorius gezeigt hat, beschränkt sich die Gewaltbereitschaft nicht auf unterprivilegierte Schichten in den Armenvierteln.

          Teils mag es an der Geschichte des Landes liegen. Unter den ersten weißen Einwanderern, die sich einst nach Afrika vorwagten, dürften zart besaitete Charaktere in der Minderheit gewesen sein. In der schwarzen Bevölkerung werden bis heute Männer wie Shaka Zulu verehrt, der wegen seiner Brutalität gefürchtete Zulu-Kämpfer. Aber auch die Apartheid hat Spuren hinterlassen. Die Erniedrigung der schwarzen Mehrheit hatte System. Wegen der Verbannung in „Homelands“ wurden Familien auseinandergerissen, Hunderttausende Männer mussten sich als Wanderarbeiter verdingen.

          Nur ein Drittel der Kinder wächst in Haushalten mit beiden Elternteilen auf. „Es fehlt an positiven männlichen Vorbildern“, sagt Rachel Jewkes, Wissenschaftlerin am South African Medical Research Council. Das Ideal des „tough guy“ wird bewusst gepflegt. So wird in den renommierten Privatschulen für Jungen der Sport großgeschrieben. Wer sich auf dem Rugbyfeld balgen kann, schafft den Abschluss auch ohne Literaturkenntnisse. Männlichkeitsrituale und Mutproben sind keine Seltenheit. Also werden die Sprösslinge schon im Kindergartenalter gestählt. Bestehen ist alles in dieser Welt aus Testosteron.

          Claudia Bröll berichtet seit sechs Jahren für die F.A.Z. über die Wirtschaft Südafrikas. Sie ist mit einem Südafrikaner verheiratet.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

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