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Modemacher Adrian Runhof : „Ein Bart ist die totale Erotisierung des Alltags“

  • -Aktualisiert am

Aller Liebe Anfang: Die Metamorphose des Modemachers Adrian Runhof begann mit einem Besuch im Nagelstudio „Hammer & Nagel“ in München. Bild: Andreas Müller

Früher dachte ich: Bart ist uncool. Heute sind meine Gesichtshaare eine ausgewachsene Obsession. Die Geschichte einer Verwandlung.

          Ich habe Interessen. Aber keine ernstzunehmenden Hobbys. Von Passionen ganz zu schweigen. Zumindest dachte ich das ein halbes Jahrhundert lang. Bis es zum dritten Coming-Out meines Lebens kam. Nummer 1 hatte ich mit elf: Capri ist besser als Brauner Bär. Nummer 2 mit neunzehn: Männer sind begehrenswerter als Frauen. Nummer 3 vor sechs Monaten: Bart zu tragen ist aufregender als glattrasiert zu sein – um es zurückhaltend auszudrücken. Denn in Wirklichkeit ist es formidabel und adorabel, spektakulär und extraordinär, phänomenal und epochal.

          Doch zurück zur Contenance und einer kultivierten Beschreibung meiner neuen Lebenssituation. Versuchen wir es faktisch: Frauen tragen Dekolleté. Ich trage Bart. Der Effekt ist derselbe: bewundernde Blicke, handfeste Komplimente, die totale Erotisierung des Alltags. Aber im Gegensatz zu Frauen, die früh um die Wirkung ihres Ausschnitts wissen, bin ich Spätzünder in punkto Bart-Appeal. Und noch immer erstaunen mich die Reaktionen auf meinen neuen Look. Statt Begrüßungen beginnen Befragungen: Hast du was machen lassen? Hast du abgenommen? Hast du einen neuen Schneider? Selbst alte Freunde, die Komplimente für pure Zeitverschwendung halten, reagieren liebevoll bis euphorisch. Herrlich.

          Wie die Verwandlung begann

          Damit wäre das Verblüffendste zu meinem barbe nouveau schon gesagt – aber längst nicht alles. Denn inzwischen sprechen wir nicht mehr nur von Liebe, sondern von einer ausgewachsenen Obsession. Nie habe ich etwas mit mehr Inbrunst betrieben als die Kultivierung und Zurschaustellung meiner Haarpracht. Mein Leben ist ein anderes. Ich bin ein anderer. Ein neuer Mensch: Adrian mit einem Bewusstsein für Körperbehaarung. Früher war ich Ignorant. Heute bin ich Besitzer diverser Scheren, Rasierer und Pflegemittel, die enthemmt zum Einsatz kommen.

          Wie meine Metamorphose begann? Mit einem Spaziergang in der Nachbarschaft und der Entdeckung von „Hammer & Nagel“. Ein einschlägiges Etablissement für Männer, das sich „die Harley-Davidson unter den Nagelstudios“ nennt. Was anderswo Maniküre und Pediküre heißt, ist hier purer – maskuliner – Lifestyle. Nach einem dreißigminütigen Aha-Erlebnis war ich nicht nur restlos begeistert, sondern auch Freund großer Gesten. Seitdem tanzen und wirbeln meine Hände à la Stummfilmdiva durch die Luft. Meine glänzend-polierten Fingernägel reflektieren die Sonnenstrahlen, und meine babyzarten Füße kennen nur noch ein exhibitionistisches Habitat: Flip Flops.

          Damit war die Saat ausgebracht für ein Geständnis mit Folgen. Mein Freund Eric offenbarte mir tout à coup seine ausgeprägte Vorliebe für Bärte. Bei sich, bei anderen und womöglich auch bei mir. Wham! Ein Statement, das mich zunächst verunsicherte (er findet mich verbesserungswürdig?), dann herausforderte (kannst du haben, Baby). Peu à peu ließ ich ihn mir also wachsen, meinen Bart. Nach zehn Tagen überraschte ich ihn mit einer markanten Gesichtsbehaarung – und der Erfolg überraschte wiederum mich. Dass Bärte Aphrodisiaka sein können, war mir bis dato unbekannt. Was für eine, pardon, geile Erfahrung.

          Meine Frisur hat die Funktion eines Side-Kicks

          Inzwischen ist aus diesem Geschenk eine Aufgabe geworden. Ich gehe öfter zum Trimmen als unser Hund Cooper und pflege Badezimmerrituale. Ausgiebig. Jeden Tag. Unter faszinierten und belustigten Blicken meines Umfelds bin ich zum personifizierten Test für Produkte mutiert, deren Existenzberechtigung ich früher anzweifelte: Spezialbürsten, Pomaden, Bartfärbemittel, Bartshampoos, Bartöle. Mein aktueller Favorit ist das zitronenduftende Öl der Brooklyn Soap Company – übrigens auch fürs restliche Gesicht.

          Erstaunlicherweise brauche ich morgens nur viereinhalb Minuten länger als früher. Aber es bleibt natürlich nicht bei der Bartpflege allein. Meine Frisur hat neuerdings eine Funktion als Side-Kick und muss dementsprechend zur Gesichtsbehaarung passen. Was ich von jeher extrem einfach hielt, ist jetzt äußerst komplex. Deckhaar nach links oder rechts? Gel oder naturbelassen? Kürzer oder länger? Schneiden oder rasieren? Und, ja, ich gebe es zu: Auch mein Brusthaar kommt bisweilen in den Genuss eines Makeovers.

          Tipps für Barber-Shops in New York

          Seit meiner Initiation als Bartträger weiß ich übrigens auch, dass unser Aufzug einen Spiegel hat. Inzwischen bin ich nämlich vor allem eins: verdammt eitel. Ergo ist eine Liftfahrt keine Liftfahrt mehr, sondern ein narzisstisches Lehrstück. Mon Dieu, steht dort etwa ein Haar ab? Dieses soignierte Schwarz-Grau mit aufblitzenden Nuancen von Weiß: Ist es vielleicht nicht vollkommen? Und erst meine Mimik. Denken Sie an Ben Stiller in „Zoolander“ – Bingo!

          Wer hätte das gedacht? Ich bestimmt nicht angesichts meiner Bart-Historie, die keine ist. Früher trugen sowas Lehrer. Die uncoolen. Aus den Siebzigern. In Cordhosen. Dann verband ich es mit Faulsein und rasierfreien Tagen im Urlaub. Nicht mal die unvermeidlichen Hipster machten bleibenden Eindruck. Und heute bin ich selbst ein beardie type. Gesichtsbehaarung ist nicht nur ein Spleen, sondern mein raison d'être. Ich entblöde mich nicht sogar zu fragen: Wie findest du meinen Bart?

          Man tauscht Adressen von Barber-Shops, in New York empfehle ich zum Beispiel „Frank's Chop Shop“ oder die Kette „Fellow Barber“. Letztere scheint komplett in russischer Hand zu sein – ein Erlebnis. Wer, wenn nicht Rasputins Erben, versteht was von Bärten?

          Ja, ich weiß, die Welt hat andere Sorgen, kennt andere Herausforderungen, findet nichts so unwichtig wie meinen Bart. Bis auf das F.A.Z.-Magazin. Dafür ein Dankeschön mit Diener. Damit mein Bart beim Aufrichten noch besser zur Geltung kommt. Übrigens: Wie gefällt er Ihnen?

          Quelle: F.A.Z.

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