31.08.2003 · Der VW-Konzern hält am Supersportwagen Bugatti Veyron 16.4 fest: Im April 2004 soll das erste Exemplar ausgeliefert werden - es geht an einen Rentner.
Von Wolfgang Peters
Bei der Vorstellung des Golf V fiel uns VW-Chef Bernd Pischetsrieder in die Hände. Er hatte zwar mit der Premiere des neuen VW Golf an diesem Tag im Kundencenter der Marke in der Wolfsburger Autostadt gut zu tun, aber über Bugatti läßt sich mit ihm immer reden. An der Fortführung des vielleicht ehrgeizigsten Serien-Sportwagenprojektes der Neuzeit gebe es nichts zu rütteln, meint Pischetsrieder. Es gehe mit den Arbeiten an der Technik in die letzten Abstimmungsrunden, das erste Exemplar aus der Veyron-Serie werde 2004 ausgeliefert. Er selbst habe die für August geplante Fahrpremiere des Super-Sportwagens verschoben, die Lenkung arbeitete nicht so, wie er sich das vorstelle. Probleme mit der Haltbarkeit von Motor oder Kraftübertragung habe es nicht gegeben: "Uns ist kein Getriebe geplatzt", sagt Pischetsrieder, und auf den Prüfständen gebe die Sechzehn-Zylinder-Maschine eine Leistung von über 1200 PS ab. Für bessere Alltagstauglichkeit werde aber darüber nachgedacht, die Höchstgeschwindigkeit der Straßenversion zurückzunehmen. Eine Entscheidung über die Veränderung der Führungsspitze bei Bugatti sei getroffen worden, sagt Pischetsrieder. Der jetzige Bugatti-Chef Karlheinz Neumann habe längst die Altersgrenze erreicht, und zur IAA werde der Nachfolger genannt.
Ein Ortswechsel in Sachen Bugatti Veyron 16.4 bringt die Erkenntnis: Ohne Kalifornien sähe die Autowelt anders aus. Nirgendwo sonst auf der Welt läßt sich ein 1001-PS-Auto mit ähnlicher Selbstverständlichkeit präsentieren wie in diesem autoverrückten Teil der Vereinigten Staaten. Wenn protestiert wird, dann gegen die knapp gehaltene Auflage von 300 Exemplaren. Auf der Bugatti-Empore am Rand des Concorso Italiano während des Oldtimer-Wochenendes von Pebble Beach herrscht nicht nur am Buffet das übliche Gedränge. Es riecht nach hochwertigem Catering, es duftet nach Geld, der Dunst von altem Reichtum liegt in der Luft. Und es gibt tatsächlich Menschen, die sich um Gesprächstermine wegen des Erwerbs eines Veyron bemühen. Rund 1,2 Millionen Euro soll der Bugatti in Europa kosten, er wird in Amerika nicht billiger sein. Ein Paar drängt zum Tisch von Bugatti-Chef Neumann, starke Signale ausgeprägter Kaufwilligkeit sind zu registrieren. Es werden Getränke gereicht, Unterlagen vorgelegt, Termine ausgemacht, es gibt small talk, über Geld wird nicht geredet. Jedenfalls nicht lauter, als der warme Wind von der Küste herüber in die uralten Eichen weht. Der Mann sieht aus, als verdiente er sein Geld mit dem Im-und Export von Südfrüchten, die Frau ist vor den Achseln überaus gut entwickelt und war in jüngeren Jahren vielleicht Siegerin in einem Schönheitswettbewerb an ihrer High School in Minnesota. Ob sie den Millionen-Dollar-Betrag in kleinen Scheinen schon mit sich führen, ist ihnen nicht anzusehen.
Aber es existieren weitere, durchaus ernsthafte Unklarheiten. Da gibt es zum Beispiel die Frage der Reifen. Bei der angestrebten Maximalgeschwindigkeit von knapp 410 km/h müssen die Pneus die Qualitäten von Formel-1-Reifen aufweisen. Gleichzeitig sollen sie aber bei ausreichenden Komforteigenschaften mit einem Leergewicht von etwa 1,6 Tonnen umgehen können. Zudem haben sie beim Betrieb des Bugatti auf öffentlichen Wegen den Zulassungsvorschriften der Straßenbehörden zu entsprechen. Deshalb müssen sie auch ein Profil aufweisen, damit können fast profillose Slicks, wie sie während der Formel-Rennen üblich sind, nicht aufgezogen werden. Wie sich ein Bugatti Veyron mit dieser Leistung bei Regen fährt, war noch nicht herauszufinden. Ob man nach einer zügigen Fahrt von Frankfurt nach München vor der Rückfahrt besser einen Reifenwechsel einplanen sollte? Vielleicht gibt es für Veyron-Vergnügungen am Autobahnende in München dann eine Art von Boxengasse, wo vierzehn Mechaniker in 8,3 Sekunden die Reifen wechseln und das Auto auftanken. Allerdings denken die meisten Kaufinteressenten nicht an einen Betrieb ihres Bugattis auf öffentlichen Straßen. Sie besitzen häufig Landgüter mit eigenem Straßennetz, oder zu ihrem Umschwung gehört wie selbstverständlich eine eigene Rennstrecke.
An diesem Wochenende Mitte August ist der Sportwagen im trockenen Laguna Seca unterwegs. Keiner weiß, wann es hier zum letztenmal geregnet hat. Der eine Autostunde von der kalifornischen Küste entfernt liegende Rennkurs ist keine moderne Strecke. Es gibt tückische Kurven, in der Korkenzieher-Kombination haben sich schon schwere Unfälle ereignet, eine knapp bemessene Gerade führt an den Tribünen vorbei. Der Bugatti Veyron 16.4 wird aus einem kleinen Zelt herausgerollt. Das Auto soll vor dem Auftritt eines unglaublich reich bestückten Schwarms von Bugatti-Rennwagen aus den Jahren 1919 bis 1939 ein paar Runden drehen. Der 16-Zylinder-Motor erwacht mit einem sanften Zischen zum Leben, seine Äußerungen sind nicht zu überhören, aber hier reißt kein Tier an seiner Kette. Nachdrücklich, aber ohne Spektakel akzeleriert der Bugatti, verschwindet in der Kurve, zieht eine sanfte Steigung hoch, es sieht für einem Moment aus, als fliege er der kalifornischen Sonne entgegen. Dann verschwindet das skulpturhafte Gebilde, es läßt das Bild eines Autos auf dem Auge zurück, wie es noch für eine Straße gebaut wurde. Wenig später taucht es wieder auf der Tribünengeraden auf, beim scharfen Beschleunigen aus der Kurve heraus entsteht eine leichte Unruhe, das Auto ist von einem Zischen und Sausen umgeben, es jagt einem unsichtbaren Ziel entgegen. Man wird uns später berichten, der Bugatti habe sich schon in der ersten Runde auf schmierigem Belag in einer Kurve gedreht. Das blieb ohne unmittelbare Folgen, aber im VW-Konzern hat es Pischetsrieder zum Anlaß genommen, den Technikern abermals die Lenkungsarbeit auf den Stundenplan zu setzen.
Bis ins Frühjahr 2004 hinein reicht die Frist für den Bugatti Veyron 16.4. Für VW-Chef Pischetsrieder ist dieser Premierentermin wohl auch eine Frage der Ehre. Denn der erste Kunde für den Wagen ist natürlich kein Rentner im konventionellen Sinn. Eher ein Pensionär mit Hintergrund. Ferdinand Piech wird den Bugatti Veyron 16.4 übernehmen. Der einstige Konzernvisionär in einem Auto mit ultimativer Vergangenheit.
| Name | Kurs | Prozent |
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| Dow Jones | 12.419,90 | −1,28% |
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| Rohöl Brent Crude | 103,00 $ | −0,24% |
| Gold | 1.540,00 $ | −2,50% |