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Yoga Suche nach Maß und Geduld

23.04.2002 ·  Stress, Übertreibung, Alltag. Wer kennt das nicht? Acht Tage Yoga-Urlaub als Gegenanzeige. Stille. Einkehr. Ausgleich. Ein Selbstversuch von FAZ.NET.

Von Simone Grabs
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Ich hatte es mit dem Stress mal wieder übertrieben und legte nun all meine Hoffnung in den Yoga-Urlaub am Luganer See. Acht Tage mußten reichen, um festzustellen, ob Yoga was für mich ist oder nicht.

In Ponte Tresa ist der Himmel grau. Eine unauffällige 60iger-Jahre Villa in einem kleinen Park am See beherbergt die Yogaschule. Bei schönem Wetter ein hübsches Fleckchen. Die Begrüßung der Gastgeber und Yoga-Lehrer Rolf und Susy Heim ist sehr herzlich, das Zimmer spartanisch aber gemütlich.

Erster Tag, 19 Uhr: Abendmeditation

Im Treppenhaus brennen Räucherstäbchen, im Flur steht ein Regal mit Farbtherapie-Fläschchen, auf einem Tisch liegen Halbedelsteine und Yoga-Bücher zum Verkauf. Verunsicherung: „Bin ich hier auf einer Kaffeefahrt für Alt-Hippies?“ Oder: „Ist Yoga doch nur was für hysterisch-esoterische Typen?“

Hinter dem Empfangstresen sitzt Susi Heim. Sie lächelt, ganz natürlich und ehrlich. Ich fühle mich wohler. Im Yoga-Saal herrscht Stille. Rolf Heim, der Yoga-Meister, sitzt vor einem Halbkreis von 13 Kursteilnehmern. Augen geschlossen, Hände auf den Knien und der Rücken kerzengerade. Sein Gesicht strahlt fernöstliche Zufriedenheit aus.

Anfänger-Gefühle

Ich suche einen freien Stuhl, versuche eine aufrechte Haltung einzunehmen. Der Stuhl knarrt. Ich fühle mich wie ein Anfänger. Bin ich auch. Aber ich will es kaschieren, indem ich souverän die Augen schließe.

Dann erhebt der Meister die Stimme: kräftig aber sanft, langsam aber eindringlich. Was er sagt, bekomme ich vor lauter Zuhören kaum mit. Irgendwann bemerke ich die Stille. Wohin die Gedanken führen? Ins Herz? Ich versuche es. Aber sie strömen überall hin, sie vollführen Loopings, teilen sich durch drei, schießen an fünf Orte gleichzeitig ... Völlig entnervter Blick auf die Uhr: es sind erst fünf Minuten von 30 vorbei! Der Rest ist ein Geduldsspiel.

Nächster Morgen, 8 Uhr: Yoga-Stunde

Erst jetzt bemerke ich die schöne Aussicht vom Saal auf den See. Die Sonne strahlt mich an. Im Gegenlicht sitzt der Meister im weißen Yogi-Anzug. Nach einer kurzen Begrüßung und einem Spruch eines indischen Weisen beginnen die Atemübungen.

Erste Erkenntnis: 31 Jahre meines Lebens habe ich falsch geatmet! Die richtige Atmung geht durch den Bauch in die Rippen bis in die obersten Lungenspitzen.

Zweite Erkenntnis: meine Kindheit und Jugend habe ich in Turnhallen und Ballettsäälen verbracht, aber die 70-jährige Dame neben mir schlägt mich in allem: ihre Nase berührt mühelos das Knie ihrer gestreckten Beine, Spagat scheint ihre Lieblingsposition zu sein.

Dritte Erkenntnis: nach einer Stunde intensiver Yoga-Übungen habe ich keinen einzigen Schweißtropfen vergossen, bin fit wie ein Fisch im Luganer See.

Restliche Woche: Yoga total

Jetzt will ich´s wissen, decke mich mit Yoga-Büchern ein und lese: über den Gründer dieser Yogaschule - einen Inder, der als Kind schwach und krank war und dank Yoga zu einem stattlichen Mann wurde; ich lese, dass Yoga frei macht und offen für alles, was mit Natur, Erde und Universum zu tun hat. Und ich lese alles über die Wirkungen der Yoga-Übungen. Kaum widerstehe ich der Versuchung, jede sofort auszuprobieren.

Eines morgens dann, während der Yoga-Stunde, fährt mir ein stechender Schmerz in den Nacken. Das Ehepaar Heim hilft mit Kräutersalbe und wertvollen Tipps. Als der Schmerz nachlässt, folgt die Suche nach der Ursache. Könnte es sein, dass ich die Warnungen nicht ernst genommen habe?

Restliches Leben: Yoga im Alltag

„Vorsicht, nicht übertreiben!“ - solche Sätze werden gerne überlesen oder überhört. Aber das waren wohl die wichtigsten: Übertreiben war schon immer eine meiner Schwächen.

Yoga lehrt das Maßhalten und die Geduld. In den Gesichtern des Yoga-Ehepaars Heim zeigt sich, wie zufrieden es macht. Und das spornt mich an. Jetzt muss ich es nur noch schaffen, Yoga in den Alltag hinüber zu retten. Mit Maßhalten und viel Geduld.

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