Home
http://www.faz.net/-gtl-14crq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

WM-Qualifikation Die Hand Henrys

19.11.2009 ·  Nach dem Skandaltor von Saint-Denis und der damit für Frankreich geöffneten Tür zur WM ist es höchste Zeit, die Macht der Schiedsrichter durch eine höhere Instanz überprüfen zu können: den Videobeweis. Ein Kommentar von Roland Zorn.

Von Roland Zorn
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Irren ist menschlich. Diesem sprichwörtlich humanen Grundsatz sind die Präsidenten der obersten Fußball-Behörden bisher immer gefolgt, wenn in einem entscheidenden Augenblick Recht und Gerechtigkeit überhaupt nicht mehr zueinander finden wollten. So wurden und werden immer wieder Fehlentscheidungen verständnisvoll kommentiert, um nur ja nicht auf der Höhe der Zeit die Macht der Schiedsrichter durch eine noch höhere Instanz überprüfen zu können: den Videobeweis bei strittigen Toren.

Joseph Blatter, der Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa), und Michel Platini, der Präsident der Europäischen Fußball-Union (Uefa), gaben sich in ihren anachronistischen Einlassungen dabei stets als Anwalt des Fans, dem etwas fehle, wenn er am Stammtisch nicht mehr die Schwächen der Unparteiischen und das krass regelwidrige Verhalten der Stars diskutieren könne. Gern ist dabei so argumentiert worden, als halte die elektronische Überprüfung einer womöglich falschen Entscheidung das Spiel über Gebühr lange auf.

Von wegen ausgleichende Ungerechtigkeit

Wer indes am Mittwoch gesehen und miterlebt hat, wie das vorsätzliche Handspiel des Fußballstars Thierry Henry den Ausgang der Weltmeisterschafts-Relegation zwischen Frankreich und Irland auf groteske Weise beeinflusste, kann nicht mehr guten Gewissens auf den alten Grundsatz verweisen, dass sich im Leben wie im Fußball letztlich alles ausgleiche. Den Iren ist im Stade de France ihre große Chance auf die Teilnahme an der WM 2010 in Südafrika „geraubt“ worden, wie Verteidiger Sean St. Ledger ganz richtig befand.

Henrys vom schwedischen Schiedsrichtergespann unbemerktes doppeltes Handspiel leitete das 1:1 durch Gallas ein, und so kam Frankreich nach einem 1:0-Erfolg im Hinspiel ans Ziel - unter Vorspiegelung falscher Tatsachen. Ein Videobeweis wäre in diesem Fall in Sekundenschnelle zu haben gewesen wie auch bei vielen anderen Gelegenheiten. Und am Stammtisch wäre Henrys Sünde gegen den Sportsgeist am nächsten Tag trotzdem noch heftig diskutiert worden.

Wo das menschliche Auge von der optischen Täuschung überlistet wird

So reisen nicht nur die Franzosen schlechten Gewissens nach Südafrika, auch die Fifa muss sich beim Blick auf ihr lukratives Milliardenspiel längst fragen, ob sie die verhängnisvollen Irrtümer der Schiedsrichter weiter unkorrigierbar schützen will. Das einzige, wozu sich Fifa und Uefa nach wachsenden Protesten an der unzeitgemäßen Ausschöpfung vorhandener Fehlerminimierungsstrategien bereit fanden, waren die in dieser Saison zusätzlich eingesetzten Torrichter in den Gruppenspielen der Europa League. Ein Experiment, mit dem die gelegentlichen Sehschwächen der Unparteiischen nachweislich nicht behoben werden konnten. Und das in einer schnellen, manchmal unübersichtlich anmutenden Sportart, die als Marktführerin alles dafür tun könnte und müsste, sich wie andere Disziplinen - Rugby, American Football oder Eishockey - Hilfe zu holen, wo das menschliche Auge von der optischen Täuschung überlistet werden kann.

Hier endlich zu reagieren, ist nach dem Skandaltor von Saint-Denis und der damit geöffneten französischen Tür zur WM überfällig. Andernfalls nährt die Fifa, ob gerechtfertigt oder nicht, das am internationalen Stammtisch nach dem jüngsten Vorfall weltweit verbreitete Vorurteil, dass zu den großen Festen dieses Sports zuerst und vor allem die traditionell reichen und erfolgreichen Fußball-Nationen herzlich eingeladen seien.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1945

Jüngste Beiträge

Stürmer in der Defensive

Von Michael Ashelm

Die Anforderungen an Angreifer haben sich stark verändert – und damit die Auswahl des Personals. Der Stürmertyp, der vorne wartet, bis er bedient wird, stirbt aus. Mehr 1