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WM in Südafrika Hoffnungsträger Fußball

10.04.2010 ·  Die Weltmeisterschaft in zwei Monaten soll Südafrikas Wirtschaftsaufschwung beschleunigen. Doch die strikten Regeln der Fifa und mäßige Buchungszahlen schmälern die Euphorie. Hinzu kommt die Sorge über schwelende Rassenkonflikte.

Von Claudia Bröll
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Eigentlich wollte MTN die ausländischen Gäste ganz anders auf die Fußball-WM einschwören. Auf der Fahrt vom Johannesburger Flughafen in die Innenstadt empfangen riesige quietschgelbe Werbetafeln des Mobilfunkunternehmens die Besucher: lachende Fußballfans. Weiße und schwarze Menschen einträchtig vereint, mit Vuvuzelas in den bunten Farben der südafrikanischen Flagge an den Lippen. „Ayoba“ steht in dicken Lettern daneben – ein Slang-Ausdruck für überschäumende Freude.

In Südafrikas Medien bot sich in der vergangenen Woche ein ganz anderes Bild: In Ventersdorp, einem kleinen Ort, 200 Kilometer von Johannesburg entfernt, johlten wütende Gruppen von Schwarzen und Weißen rassistische Parolen, streckten bedrohlich die Fäuste in die Luft – nur getrennt durch einen schnell von der Polizei errichteten Stacheldrahtzaun.

Rassenkonflikte verschärfen sich

Auslöser der Unruhen ist der brutale Mord an dem weißen Rechtsextremisten Eugene Terre Blanche durch zwei seiner schwarzen Farmarbeiter. Die Gewalttat hätte für das Land, in dem in 61 Tagen die Fußball-WM angepfiffen wird, kaum zu einem ungünstigeren Zeitpunkt kommen können. Gerade schienen die Sorgen über die Sicherheit während der WM etwas abgeebbt. Gerade hatten viele Südafrikaner in Vorfreude auf das Ereignis angefangen, sich Fähnchen ans Auto zu hängen.

Doch statt sich für das Spektakel im besten Licht zu präsentieren, fragt man sich im WM-Gastgeberland, ob zwischen Weißen und Schwarzen doch ein ernsterer Rassenkonflikt brodelt als bisher gedacht, ob Bilder wie die aus Ventersdorp womöglich häufiger in den Medien zu sehen sein werden.

Das South African Institute for Race Relations warnte, dass sich die Spannungen in jüngster Zeit verschärft hätten. Regierung und Oppositionsparteien riefen zu Ruhe und Einigkeit auf.

In ausländischen Konzernen rauft man sich die Haare

Investoren freilich verfolgen die Ereignisse mit Sorge. In den Niederlassungen ausländischer Konzerne rauft man sich mit Blick auf künftige Investitionsentscheidungen die Haare über die Außenwirkung der Berichte. „Das Bild Südafrikas hat in der internationalen Öffentlichkeit großen Schaden genommen“, stellt David Shapiro vom Finanzdienstleister Sasfin fest.

Der Grund sei weniger der Mord an dem rechtsradikalen Apartheid-Verfechter, der vermutlich aus privaten Motiven begangen wurde. Noch dazu ist die Partei Terre Blanches in den vergangenen Jahren in Vergessenheit geraten. Die weißen Farmer haben sich auf ihre Bauernhöfe zurückgezogen oder sind ins Ausland abgewandert. „Aber vielen in der Wirtschaft geht langsam die Geduld aus.“

Die Geduld wird vor allem von einem Mann auf die Probe gestellt. Julius Malema, Führer der Jugendliga der Regierungspartei ANC, hat sich mit rassistischen Sprüchen als Meister der Provokation einen Namen gemacht. Nicht nur grölt er vor seinen Anhängern gerne die Liedzeile „Dubula ibhunu“ – was „Tötet den Buren“ oder „Tötet den weißen Farmer“ bedeutet – und schert sich wenig darum, dass ein Gericht das Lied als verfassungsfeindlich eingestuft hat.

Außerdem wird er nicht müde zu fordern, die gesamte Bergwerksindustrie Südafrikas zu verstaatlichen, verteidigt schwarze Führungspersönlichkeiten, die sich auf undurchsichtige Weise bereichert haben, und beschimpft kritische Journalisten, wenn es um die Herkunft seines eigenen Vermögens geht.

Malemas Ausbrüche helfen nicht

Am Donnerstag erst griff Malema in einer Pressekonferenz einen BBC-Reporter an, bezeichnete ihn als „Bastard“ und wies seine Sicherheitsleute an, „dieses Ding zu entfernen“. Zuvor hatte er ausgerechnet in Zimbabwe geweilt, um sich vom dortigen Machthaber Robert Mugabe Nachhilfeunterricht in „Black Economic Empowerment“-Politik geben zu lassen und mit ihm „Dubula ibhunu“ anzustimmen. Als Nächstes stehen „Bildungsreisen“ nach Kuba, China, Chile, Sambia und Botswana auf dem Programm.

Bisher hat der Heißsporn aus der Jugendliga Wirtschaftsvertreter höchstens geärgert. Er sei ein verrückter Hofnarr, glücklicherweise auch mit vielen älteren Mitgliedern des ANC auf Konfliktkurs, hieß es bei den Minenkonzernen.

Beruhigend wirkte auch, dass Zuma und die zuständige Minen-Ministerin Susan Shabangu einer Verstaatlichung der Bergwerksindustrie eine klare Absage erteilt haben. „Früher haben ihn nur wenige in der Wirtschaft ernst genommen“, sagt Shapiro. „Doch die Tatsache, dass ihn in dieser langen Zeit niemand zum Schweigen gebracht hat, ist besorgniserregend.“ Und kurz vor der WM helfen die Schlagzeilen über Malemas Ausbrüche auch nicht.

Eine „einmalige Chance“

Denn zuallererst ist den Südafrikanern an einem erfolgreichen Verlauf der Weltmeisterschaft gelegen. Sicherheitsminister Siyabonga Cwele beeilte sich, nach dem Mord an Terre Blanche zu versichern, dass WM-Besucher nichts zu befürchten hätten: „Der Vorfall gefährdet die WM in keiner Weise. Ich glaube nicht, dass irgendein Südafrikaner versuchen wird, sie zu stören. Die WM ist eine einmalige Chance für alle.“

Der Chef des lokalen Organisationskomitees der Fifa, Danny Jordaan, erinnerte, dass die „Medien und die Touristen das Land mit einem guten Eindruck wieder verlassen müssten“.

Kräftige Kapitalzuflüsse erwartet

Die WM gilt für viele immer noch als größter wirtschaftlicher Hoffnungsträger seit den ersten demokratischen Wahlen 1994. Ökonomen rechnen damit, dass das Turnier in diesem Jahr immerhin 0,5 Prozentpunkte zum Wirtschaftswachstum beisteuern könnte.

Im vergangenen Jahr rutschte Südafrika wegen der globalen Krise zum ersten Mal seit 17 Jahren kurzzeitig in eine Rezession, verzeichnete am Jahresende aber noch ein Wachstum von 2 Prozent. Die Prognosen für dieses Jahr liegen bei 2,8 Prozent, der Finanzminister erwartet 2,3 Prozent.

Wohl auch in Erwartung des Sportereignisses floss 2009 netto Kapital von 83 Milliarden Rand (8,3 Milliarden Euro) nach Südafrika nach einem Nettokapitalabfluss von 67 Milliarden Rand im Jahr zuvor. In diesem Jahr wird abermals ein kräftiger Nettokapitalzufluss erwartet, was die Landeswährung Rand weiter stärken dürfte.

Die Champagnerlaune ist leicht abgekühlt

Neben dem Marketingeffekt soll die Wirtschaft langfristig von dem milliardenschweren Infrastrukturprogramm profitieren, das die Regierung vor fünf Jahren gestartet hat. Ein großer Teil des Geldes floss in den Stadienbau. Gleichzeitig wurden Flughäfen ausgebaut, Autobahnen verbreitert und erstmals eine Nahverkehrsverbindung zwischen Johannesburg und Pretoria geplant, die allerdings erst nach der WM fertig sein wird.

Umgerechnet 38 Milliarden Euro will der staatliche Stromversorger Eskom in dringend benötigte neue Kraftwerke investieren. „Abgesehen von den Stadien, hätten diese Projekte ohnehin irgendwann gestartet werden müssen. Die WM aber hat die Verwirklichung beschleunigt“, sagt Jean-Franois Mercier, Chefökonom der Citi-Bank in Johannesburg.

Bei einigen Geschäftsleuten aber hat sich die anfängliche Champagnerlaune mittlerweile abgekühlt. Zwar wird überwiegend noch mit einem Gewinn aus der WM gerechnet, aber einem kleineren als zuvor. Nicht nur strömen wohl weit weniger als die zunächst erhofften 450.000 Besucher aus dem Ausland ans Kap. Eher werden es 300.000 sein.

Selbst in den wichtigen Austragungsorten Johannesburg und Kapstadt sind daher noch Hotelzimmer zu haben. Vielerorts wurden die zuvor in die Höhe getriebenen Preise wieder gesenkt. Derzeit sind noch 500.000 Tickets verfügbar, die vom 15. April an verkauft werden sollen. Das sei ein besseres Ergebnis als in Deutschland zum gleichen Zeitpunkt, beschwichtigt Jordaan.

Lokale Wirtschaftstreibende wollen sich nicht kontrollieren lassen

Für Enttäuschung sorgt auch das strikte Regelwerk der Fifa. Die Südafrikaner sind an relativ freie Marktbedingungen gewöhnt. Da lässt man sich nicht gerne ins Geschäft reinreden. „Wir müssen unser Einkaufszentrum schon lange vor jedem Spiel schließen“, beschwert sich Evans Ngwenya, Manager des China City Shopping Centre in unmittelbarer Nähe des Johannesburger Stadions. „Das wird das schlechteste Geschäft überhaupt. Wer wird uns all die Verluste ersetzen?“

Harold Spiro, Besitzer einer Apotheke in der Nähe, haut in die gleiche Kerbe: „Warum soll ich Abstriche machen? Dieses Geschäft gibt es hier seit Ewigkeiten, und jetzt will man es innerhalb eines Monats kaputtmachen. Es kann nicht sein, dass die Fifa unser Wirtschaftsleben kontrolliert.“

Unternehmen, die mit den für Johannesburg bekannten riesigen Werbeflächen an Hochhäusern werben, befürchten, selbst weiter von den Stadien entfernte Plakate während der WM verdecken zu müssen, weil sie den offiziellen WM-Sponsoren Konkurrenz machen könnten.

Nicht genug Arbeit für die Südafrikaner?

Ebenso sorgte für Missmut, dass angeblich WM-Maskottchen und 10.000 Flaggen zur Straßendekoration in China produziert würden. Gewerkschaften drohten daraufhin mit einem Boykott der WM. „Die Arbeit hätte niemals nach China ausgelagert werden dürfen“, sagte ein Sprecher des Gewerkschaftsverbands Cosatu.

Südafrika wirbt mit niedrigen Lohnkosten als wichtigem Standortvorteil. Von der WM hatten sich insbesondere die Millionen armen und gering qualifizierten Südafrikaner kurzzeitig eine Arbeit erhofft. Ähnlich beleidigt wie die Fähnchennäher ist die Musikindustrie, weil im offiziellen Eröffnungskonzert internationale Stars wie Shakira auftreten sollen, aber relativ wenige lokale Musikgrößen.

„Den ganz großen Reibach erwartet kaum noch jemand“, resümiert Shapiro. Die meisten seiner Landsleute hätten entschieden, die WM einfach zu genießen – und sich in guter südafrikanischer Manier über leere Hotels, strikte Fifa-Auflagen, die seit jeher schwelenden innenpolitische Probleme oder auch die Gesänge Malemas einfach nicht zu ärgern.

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