04.06.2002 · „Fevernova“ steht bei der WM 2002 im Mittelpunkt. „Wenn du das Ding voll triffst, wird es richtig scharf“, sagt Carsten Jancker.
Von Frank HellmannDer Ball ist rund und Garant für eine Gehirnerschütterung. So war es noch vor drei Jahrzehnten als der Ball aus Leder bestand. Immer wenn sich die Kugel mit Wasser voll gesogen hatte, spielte bei jedem Kopfball latente Gesundheitsgefahr mit.
Jetzt ist der Kopfball das beste Rezept zur Gesundung der geschundenen Fußball-Nation Deutschland. Deutsche Tore 2002 fallen in Hülle und Fülle, seit es den „Fevernova“ mit der Hülle aus syntaktischem Schaum gibt. Die „Feuerkugel“, die WM-Sponsor „Adidas“ für den regulären Kaufpreis von 100 Euro zur WM auf den Markt gebracht hat, soll seinen Teil zur Torflut beigetragen haben. Oliver Brüggen, PR-Mann beim Hersteller „Adidas“ ist davon überzeugt. „Das kann kein Zufall sein“, glaubt er, „der Ball ist so präzise.“
„Er fliegt zu weit“
„Wenn du das Ding voll triffst, wird es richtig scharf“, glaubt auch Carsten Jancker. Der Ball macht Tore? Da hat sogleich die mächtige Fraktion von „Nike“ Einspruch erhoben. Ein furchtbarer Streit entbrennt. „Es ist wirklich der präziseste Ball, den ich bisher kennen gelernt habe“, schwärmt der Engländer David Beckham. „Er fliegt viel zu weit“, meckerte Rivaldo. Er ist zu groß und zu leicht“, monierte Stürmer Edilson. Wie überhaupt alle Brasilianer ein gespanntes Verhältnis zum Spielgerät haben.
Verhärtet scheinen die Fronten zwischen Zauberball und zaubernden Ballartisten. Was kann der Ball dafür? Gar nichts: Ballkünstler Beckham steht bei Adidas unter Vertrag, alle Brasilianer bei Nike. Das Spielgerät ist zwangsläufig Spekulationsobjekt.
Gewöhnungszeit
Vor allem für die Torhüter. „Der flattert nicht“, versichert Oliver Kahn dem deutschen Zeugwart Manfred Drechsler. Was soll der in Adidas-Ausrüstung gekleidete deutsche Tormann auch sagen. Antwort aus dem diplomatischen Dienst: „Die Flugbahn ist schon ein wenig anders. Man kann sich aber schnell daran gewöhnen.“
Findet sein Vor-Vor-Vorgänger aber nicht. „Der sehr offensive Fußball und die vielen Tore liegen auch an den Leuten, die diesen Ball entwickelt haben“, glaubt Toni Schumacher. „Der Ball ist nicht so beliebt bei den Torhütern, weil er eine andere Flugkurve hat.“
Unberechenbare Kurve
Freistoß-Experte Ian Harte warnt Deutschland: „Das Flugverhalten unterscheidet sich deutlich von Konkurrenz-Produkten. Bei Schüssen aus gut 20 Metern wird es für die Torhüter schwer, die Flugbahn zu berechnen“, meint der Abwehrspieler von Leeds United. Auch erneuerte der russische Schlussmann Ruslan Nigmatullin die Kritik seiner Kollegen: „Er ist sehr schnell und die Flugkurve häufig unberechenbar. Ich bin nicht der einzige Torhüter, der sich darüber beklagt.“ In der Tat kommen Schüsse schärfer, Flanken härter an ihr Ziel.
Die Fifa ist im Zwiespalt der Ausrüster in der Zwickmühle. Es gilt den Partner Adidas, der seit 1970 den WM-Ball herstellt, nicht zu verprellen. „Jedes teilnehmende Team hat vor der WM hundert Bälle bekommen“, erklärt Fifa-Sprecher Keith Cooper, „es ist deshalb nicht so, dass die Spieler hier das erste Mal in ihrem Leben mit dem Ball spielen.“
Blutige Nase
Außerdem habe sich Hersteller korrekt an die Fifa-Vorschriften für das Sportgerät gehalten. Für Gewicht, Druck und Umfang gibt es nur geringe Toleranzen. Was aber zu weitläufigen Meinungen führt. „Es kommt drauf an, wie er aufgepumpt ist. Voll aufgepumpt ist er größer“, meint Bernd Schneider, der filigrane Techniker am runden Objekt. „Mir ist er gleich. Ich habe kein Problem damit“, glaubt gleichmütig Jens Jeremies, eher der Mann für die grobe Ballbehandlung.
„Dieser Ball ist wie eine Waffe“, meint Freistoß-Spezialist Jörg Böhme. Sein Schalker Vereinskollege, der Belgier Marc Wilmots, hegt ähnliche Befürchtungen: „Da werden sich manche Torhüter bei scharfen Schüssen eine blutige Nase holen.“
Heute Hightech
Davor holt sich jedes Spielgerät seinen Feinschliff in Deutschland. Made in Germany werden die Ausgangsteile fabriziert, dann wird alles in Kartons verpackt nach Marokko gebracht und dort zusammen genäht, ehe die Endabnahme wieder im deutschen Stammsitz vonstatten geht. 4800 Test sind für einen Ball notwendig.
Das offizielle Spielgerät „Fevernova“, ist ein Hightech-Spielzeug. Entwickelt wurde das Material beim Chemie- und Pharma-Konzern Bayer. Dort hat man getestet, entwickelt, produziert. Der Grund für die Eigenschaften des Balles liegen in seiner Hülle.
Kokosnüsse, Coladosen, Totenschädel
Während sich die Form des Balles früher immer nach einem Schuss verformte, bleibt er jetzt permanent rund. Eine dichte, regelmäßige Matrix aus gasgefüllten, einzeln abgeschlossenen Mikrozellen soll die Energie an jeder Stelle gleichmäßig wiedergeben. Auch das Design wurde revolutioniert.
Die eigentliche Revolution des Spielgeräts hatte schon früher eingesetzt: Wenn man sich vergegenwärtigt, was früher als Spielball durchging: Kokosnüsse, Lederhüllen mit Haar- oder Wollfüllungen sowie Tierblasen, auf dem Schulhof auch mal Coladosen - und bei kultischen Ballspielen Totenschädel.