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WM 2006 : Radmann gerät unter Generalverdacht

  • -Aktualisiert am

Gute Freunde: Fedor Radmann und Franz Beckenbauer Bild: dpa/dpaweb

Fedor Radmann, Vizepräsident des Organisationskomitees für die Fußball-WM 2006, hält Amt und Privatinteressen scheinbar nicht korrekt auseinander. Was weiß sein Förderer Franz Beckenbauer?

          Anfang März hat Fedor Radmann, der Vizepräsident des Organisationskomitees für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, gejammert, daß „die Vorbereitung eines solchen Großereignisses nicht nur ausschließlich mit Freude und Lust verbunden ist“.

          Da war er gerade in die Kritik geraten, weil ein Beratervertrag mit dem Kirch-Konzern bekannt geworden war, der bis zu seiner Insolvenz Fernsehrechte der WM besaß und damit im Grunde Geschäftspartner der Organisatoren war. Nun ist Radmann die Freude ganz vergangen. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ am Mittwoch berichtete, gibt es weitere Verbindungen, die den Verdacht nähren, daß er Amt und Privatinteressen nicht ganz korrekt auseinanderhält.

          Noch ein „geheimer“ Vertrag

          So hat Radmann neben der Kirch-Gruppe einen weiteren WM-Geldgeber beraten, den Sportartikelkonzern „Adidas“, für den er früher gearbeitet hat. Diesen Vertrag habe der 58 Jahre alte Marketing-Fachmann erst bei einer Sitzung mit seinen OK-Kollegen und führenden Funktionären des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am 11. März offengelegt und auf deren Bitten hin ruhen lassen. Was Radmann nicht mitteilte, war seine Beteiligung an einer Münchner Agentur, die an sich nicht anrüchig ist. Brisant wird sie erst dadurch, daß auch der Münchner Andreas Abold Anteile daran hält, und Abold wiederum für das Organisationskomitee arbeitet: Er hat unter anderem das umstrittene WM-Logo entworfen.

          Radmann ist zwar im OK für das „visuelle Erscheinungsbild“ zuständig, bestreitet aber vehement direkte Geschäftsverbindungen mit Abolds Agentur: „Das grenzt an eine massive Schädigung des Rufes.“ Zwar arbeite er seit „elf, zwölf Jahren immer mal wieder mit ihm bei Projekten zusammen“, aber stets unabhängig voneinander und mit getrennten Aufträgen; zwar residiert die Agentur mittlerweile auch in der selben Münchner Villa wie das Organisationskomitee. „Aber eine Vernetzung in der behaupteten Form gibt es nicht“, sagt Radmann.

          Das vierköpfige OK-Präsidium mit Franz Beckenbauer an der Spitze sei sich einig gewesen, Abold zu engagieren, der schon bei der Bewerbungskampagne hilfreich gewesen sei. Was die Zusammenarbeit angehe, so versicherte Radmann: „Ich habe keinen Vorteil davon. Ärger habe ich, das ist alles.“

          Druck aus der Politik

          Der Ärger erreicht sogar politische Dimensionen. Radmann ist im OK auch zuständig für das Kulturprogramm, und das wird mit Steuergeldern finanziert: Dreißig Millionen Euro sind vom Bund zugesagt, die Länder haben bis zu weiteren dreißig Millionen in Aussicht gestellt. „Wir verfolgen die Situation mit steigendem Argwohn“, sagt Dagmar Freitag, die sportpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Bundestag. Auch ihrem CDU-Kollegen Klaus Riegert ist nicht recht wohl bei der Sache. Zum einen hält er die Summe generell für zu hoch, zum anderen irritiert ihn, daß die WM-Organisatoren unlängst selbst auf Nachfrage, wofür sie das viele Geld verwenden wollten, „nur Gedanken, keine Konzeption, keine Details“ mitteilten.

          Außerdem gab der Abgeordnete aus Göppingen zu bedenken: „Jeder, der einen Auftrag von Radmann erhält, steht jetzt unter Generalverdacht. Das können die besten Büros sein, das kann alles in Ordnung sein, aber es wird immer ein G'schmäckle haben.“ Weil die Abgeordneten im Sportausschuß lieber „konstruktiv über die WM diskutieren und uns nicht dauernd mit irgendwelchen Verquickungen beschäftigen“ wollen, glaubt Dagmar Freitag, „daß es der Sache dienlich wäre, wenn man einen Schlußstrich zieht. Das OK muß sich erklären, mit abwiegelnden Bemerkungen ist es nicht mehr getan“. Das kann man als Aufforderung zur Entlassung Radmanns interpretieren, auch wenn Freitag und Riegert betonen: „Das entscheiden nicht wir, das ist Sache von DFB und Organisationskomitee.“

          Das OK wird sich in den nächsten Tagen intern mit den neuen Vorwürfen beschäftigen, ließ dessen Vizepräsident Wolfgang Niersbach am Mittwoch mitteilen: „Das ist ein neuer Sachverhalt.“ Den wollte auch sein Kollege Horst. R. Schmidt noch nicht weiter kommentieren, immerhin gab er zu, daß ihn die Situation sorgt: „Ich hoffe nicht, daß wir am Ende mit einem Imageschaden dastehen.“

          Wer am Mittwoch gar nichts sagte, war OK-Präsident Franz Beckenbauer. Nur dem mußte Radmann bei seiner Anstellung im OK von vornherein alle Geschäftsverbindungen offenlegen. Beckenbauer hätte also Bescheid wissen müssen, und wenn er es getan hat, stellt sich die Frage nach seiner Rolle in Radmanns weitverzweigtem Geschäftsgeflecht.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 73, 27.03.2003

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