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Zweierbob-WM Friedrich, der Ruhige

Der 22 Jahre alte Francesco Friedrich wird im Zweier-Bob jüngster Weltmeister der Geschichte – dank explosiver Starts und dem Nervenkostüm eines Siegertypen.

© dpa Hand drauf: Bob-Pilot Francesco Friedrich klatscht seinen Anschieber Jannis Bäcker ab

Francesco Friedrich? Deutsche Zaungäste zuckten mit den Schultern, als der Bahnsprecher bei der letzten Trainingsfahrt für die Zweier-Bob-WM am vergangenen Donnerstag die Zwischenzeiten des sächsischen Piloten bei der Talfahrt durch die Natureisbahn von St. Moritz ansagte. Den ehemaligen Bobstar André Lange, ja, den erkannten sie sofort. Ein Foto, bitte! Aber der Neue aus Sachsen sagte ihnen nichts. Das könnte nun anders sein. Francesco Friedrich fuhr der gesammelten Weltelite vier Mal vor der Nase her, dank explosiver Starts, fehlerfreier Touren durch das Kurvengeschlängel und dem Nervenkostüm eines Siegertypen: Seit Sonntagmittag ist der 22 Jahre alte Pirnaer nun der jüngste Weltmeister der Geschichte.

Anno Hecker Folgen:

Da tanzten die Deutschen im Ziel. Die stabil gebaute Trainerriege um den Chef Christoph Langen hüpfte vor Freude im Kreis angesichts des Coups auf fremden Terrain: Der Nachwuchsmann ein souveräner Champion (0,56 Sekunden Vorsprung) vor dem Schweizer Schwergewicht Beat Hefti; und der erfahrene Thomas Florschütz nach dem Ausfall seines besten Anschiebers Kevin Kuske wegen einer schweren Muskelverletzung im zweiten von vier Läufen doch noch Dritter. Zum Höhepunkt der Saison glänzten die Deutschen im Zweier. So ließen die Hartgesottenen um Friedrich ihren Gefühlen freien Lauf. Florschütz brach, auch wegen der verpassten Chance, unter Tränen ein Fernseh-Interview der ARD ab. Allein der Weltmeister wirkte in dem Trubel so unglaublich gelassen wie auf dem gesamten Weg zu seinem Triumph: „Nö, ich war ganz entspannt.“

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In der Szene ist Friedrich, der von der Bundeswehr in eine Ausbildung zur Bundespolizei wechselte, schon lange kein Unbekannter mehr. Er gewann dreimal die Junioren-WM, zweimal im kleinen, einmal im Viererbob. Seine Qualifikation für die deutsche Weltcup-Auswahl schien zwar zu Saisonbeginn gefährdet. „Aber wir haben uns das alles hart erarbeitet“, sagt Friedrich mit Blick auf seinen Hintermann Jannis Bäcker und Heimtrainer Gerd Leopold. Dabei spricht er ruhig, leise, konzentriert von seiner Karriereplanung. Als Jugendlicher ist Friedrich vom Mehrkampf der Leichtathletik in den Bob eingestiegen, animiert von seinem Bruder, obwohl ihn dessen Unglück 2005 eigentlich hätte verschrecken müssen, der Crash auf der Bahn des sächsischen Ortes Altenberg, dem tückischen Eiskanal: „Schädeltrauma dritten Grades, zwei Wochen Koma, drei Monate Rehabilitation, wieder rein in den Bob“, erzählt Friedrich, „so ist der Sport“.

Germany's pilot Friedrich and brakeman Baecker start the third run of the 2-men competition at the FIBT Bobsleigh and Skeleton World Championships 2013 in St. Moritz © REUTERS Vergrößern Schnell unterwegs: Francesco Friedrich und Jannis Bäcker

Eine halbe Stunde steht Friedrich in St. Moritz, kurz vor dem bedeutendsten Wettkampf seiner Laufbahn, Rede und Antwort. Dabei sitzt er aufrecht, bewegt seine 98 Kilogramm, verteilt auf 1,83 Metern, kaum: „Ich bin eben ein ruhiger Typ“, sagt er „das ist so schlecht nicht für das Bobfahren.“ Weil man bei Tempo 120 und mehr im Kanal gelassen bleiben muss, um die Einfahrt in die Kurven auf den Punkt zu treffen. „Mich fasziniert die Komplexität an diesem Sport. Wir müssen was von den Geräten verstehen, wir müssen nachdenken, wie man am besten fährt, wir müssen alles organisieren, uns auf die Veränderungen der Bahn einstellen und dann am Start die ganze Power reinlegen.“

Friedrich, dem Ruhigen, hat eine Blitzstartqualität zur Größe verholfen. Drei der vier Beschleunigungsschübe bis zum Einstieg gewann das Duo, beim vierten, dem die absolute Laufbestzeit des Wochenendes folgte, blieben die Deutschen als einzige sogar unter fünf Sekunden (4,98). „Wer heute oben nicht dabei ist, hat kaum noch eine Chance“, sagt Langen.

Nur wer fit ist, darf fahren

Friedrich gehört zu den ersten Piloten einer Generation in Deutschland, bei deren Auswahl die Bedeutung des Sprintschub-Potentials so hoch wie das Steuertalent eingeschätzt wurde. Das war lange nicht der Fall. Nachlässigkeiten beim Training werden inzwischen sofort bestraft, erst von der Konkurrenz und dann vom Boss. Langen ließ Manuel Machata, Weltmeister von 2011 im Vierer, diesmal daheim an der Fitness arbeiten.

22967322 © AP Vergrößern Einfache Rechnung im Eiskanal: Wer oben kräftig anschiebt, hat unten raus mehr Tempo

Bei den Damen aber gibt es kaum Alternativen. Obwohl Sandra Kiriasis die wohl beste Pilotin ist, wurde sie Dritte, wieder geschlagen von der athletischen Kaillie Humphries (Kanada) und der kraftvollen Amerikanerin Elana Meyers. Der fehlende Speed vor dem Einstieg wird sich bis Sotschi kaum ausgleichen lassen. Es sei denn, die Deutschen bringen in der Olympiasaison einen überlegenen Bob an den Start. Der von BMW Nord Amerika entworfene und gebaute Schlitten für Steven Holcomb gilt zwar als Modell mit Potential für Spitzenzeiten bei den Winterspielen 2014 in Russland. „Aber vielleicht war es ein Fehler, ihn so früh herauszuholen“, sagte Friedrich: „Wir haben ja auch noch Luft nach oben.“ Dabei dachte er nicht nur an den Zweier-Bob der staatlichen Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte: „Bis 26 kann man seine Sprintkraft ja noch entwickeln. Falls nichts passiert, wird jedes Jahr noch etwas dazu kommen.“ Nicht zuletzt Bekanntheit.

Quelle: F.A.Z.

 
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