Biathlon is coming home. Das könnte der Slogan für die Biathlon-Weltmeisterschaft in Ruhpolding sein, auch wenn die Oberhofer sofort Einspruch erheben würden. Aber der oberbayerische Ort hat dem Thüringer Biathlonzentrum eines voraus: Er ist deutscher Rekordhalter als WM-Ausrichter, und wird international nur von Antholz in Südtirol übertroffen.
An den vier Weltmeisterschaften, die bislang im Chiemgau stattgefunden haben, lässt sich der Biathlon-Boom hierzulande bestens festmachen. 1979 waren die knapp 90 Athleten aus 23 Nationen beinahe unter sich, Medieninteresse kaum vorhanden, Fernsehen überhaupt kein Thema.
1985 war das schon anders, nach dem Olympiasieg von Peter Angerer in Sarajevo ein Jahr zuvor. Immerhin 30.000 Zuschauer an drei Wettkampftagen, inklusive Liveübertragung im Fernsehen. Damals war Biathlon noch reine Männersache.
1996 waren auch die Frauen dabei. Und die dritte Biathlon-WM unter dem Zirmberg sprengte alle Dimensionen. Sie war mit mehr als 50.000 Zuschauern an fünf Wettkampftagen und hohen Einschaltquoten im Fernsehen der Beginn des Biathlon-Booms. Es war auch der Anfang eines Reformprozesses, der den Skijägern fernsehgerechte Erfolgs-Wettbewerbe wie Verfolgung, Massenstart und später auch die Mixed-Staffel brachte und eine stete Erweiterung auch im olympischen Programm.
In der Spitze bis zu 12 Millionen Zuschauer
Im Jahr 2012 lächelt man über 1996, denn wieder wird Ruhpolding ein neues Maß setzen. Inzwischen passen in die ständig erweiterte Arena 30000 Zuschauer, man rechnet mit 200.000 Besuchern an acht Wettkampftagen. Mehr als 400 Biathleten aus 45 Nationen kämpfen um elf Titel, das Fernsehen erwartet in der Spitze bis zu 12 Millionen Zuschauer. Wieder dürfte Ruhpolding ein Superlativ gebühren.
Die 16 Millionen Euro, die der Umbau der Chiemgau-Arena gekostet hat, sind eine Investition in die Zukunft, eine Standortsicherung. Der Biathlon-Markt wird globaler. Immer mehr Bewerber drängen in den lukrativen Weltcup, in Russland ist gerade in Tjumen eine supermoderne Anlage entstanden.
Was gestern noch als Nonplusultra galt, ist heute überholt, und selbst ein Zuschauermagnet wie Oberhof, 2004 letzter deutscher WM-Ausrichter, muss seine Hausaufgaben machen, um künftig die Standards der Internationalen Biathlon-Union zu erfüllen.
Noch einmal ein rauschendes Fest
Es ist auch kein Gesetz, dass Deutschland auf ewig als einziges Land zweimal im Weltcup vertreten sein muss. In der Hinsicht hat Ruhpolding jetzt einen deutlichen Standort-Vorteil. Dennoch hat man beim Umbau mit mobilen Tribünen Augenmaß bewiesen, weil es unrealistisch ist, im normalen Weltcup-Geschäft mit 30000 Zuschauern zu kalkulieren.
Zumal die Internationalisierung des Biathlon den deutschen Markt in einer Phase trifft, in der nach einer langen Erfolgssträhne sportlich erstmals seit der Wende eine Durststrecke droht. Es deutet - vor allem dank Magdalena Neuner - einiges darauf hin, dass die WM in Ruhpolding nicht nur wegen der perfekten infrastrukturellen Rahmenbedingungen noch einmal ein rauschendes Fest für die deutschen Biathleten werden dürfte.
Aber danach, wenn Miss Biathlon in den selbstgewählten Ruhestand geht, könnte der Sportart mangels erfolgreicher und charismatischer Nachfolgerinnen schon ein wenig die Luft ausgehen.