06.02.2007 · Michael Greis hat bei der Biathlon-WM die Silbermedaille im 20-Kilometer-Rennen gewonnen. „Ich habe erst gar nicht gemerkt, dass ich so schnell unterwegs war“, sagte der 30 Jahre alte Olympiasieger.
Von Claus Dieterle, AntholzAm Tag, als sich die Sonne im Antholzer Biathlonzentrum zur Abwechslung einmal hinter grauen Wolken versteckte, fiel zum ersten mal bei diesen Weltmeisterschaften Glanz auf die deutschen Skijäger. Michael Greis, der Olympiasieger von Turin im Einzelwettkampf, zeigte am Dienstag in Südtirol, dass ihm dieser Wettbewerb liegt. Da tat es nichts zur Sache, dass der 30 Jahre alte Nesselwanger über die 20 Kilometer einem Konkurrenten den Vortritt lassen musste.
Gegen einen Raphael Poirée kann man verlieren, der Franzose hat schon sieben WM-Titel gewonnen. „Es war kein perfektes Rennen, aber ein gutes“, sagte Poirée. „Ich war sehr konzentriert am Schießstand, aber bei dem stumpfen Schnee war ich froh, als es zu Ende war.“ 26,8 Sekunden machten den Unterschied zwischen Gold und Silber aus. Auf Rang drei landete der Tscheche Michal Slesingr, der schon im Sprint Rang zwei belegt hatte.
„Michael Greis hat alles richtig gemacht“
Der tatsächliche Unterschied zwischen Titel und Platz zwei lag diesmal am Schießstand. Zwanzigmal legte der 32 Jahre alte Franzose an, zwanzigmal fielen die Scheiben in 50 Metern Entfernung. Sein deutscher Kollege leistete sich beim zweiten und vierten Schießen, jeweils im Stehendanschlag, je eine „Fahrkarte“. Und beim Einzelwettkampf, diesem Dinosaurier unter den Biathlon-Disziplinen, wird jeder Fehler gleich mit einer Strafminute belastet. „Bei den zwei Fehlern hat mir die Ruhe gefehlt“, gestand Greis, „ich habe sie zu schnell weggeschossen. Ich hätte mir mehr Zeit nehmen müssen. Aber jetzt bin ich einfach froh über Silber.“
Eine „Fahrkarte“ weniger, und der Olympiasieger wäre auch Weltmeister geworden. Denn die Laufleistung des Allgäuers war überragend. „Ich habe erst gar nicht gemerkt, dass ich so schnell unterwegs war“, sagte er. Erst als vor ihm Slesingr, aufgetaucht sei, habe er erkannt, wie gut er im Rennen gewesen sei. „Es waren eigentlich langsame Bedingungen heute, aber die Techniker haben mir einen super Ski gebastelt.“ Bundestrainer Frank Ullrich, der sein Lächeln wieder gefunden hat, hätte seinen besten Mann fast umgerissen, so groß war die Erleichterung. Auch wenn sich sein Fazit im Wortlaut eher nüchtern anhörte: „Es ist schön, dass die Medaille gekommen ist, aber wir müssen jetzt weiter hart arbeiten. Michael Greis hat alles richtig gemacht, obwohl ich nicht gedacht hätte, dass man mit zwei Fehlern eine Medaille gewinnen kann.“ Die Welt der deutschen Skijäger ist jetzt wieder halbwegs in Ordnung.
Wie ein „nervöser Schuljunge“
Zumal auch Ricco Groß, der erst am Sonntag aus dem Trainingslager im kaum 80 Kilometer entfernten Ridnaun angereist war, einen Wettkampf lieferte, der dem Bundestrainer „Respekt und ein Riesenkompliment“ abnötigte. Bei dem 36 Jahre alten Wahl-Ruhpoldinger war es genau umgekehrt wie beim Kollegen Greis. Am Schießstand tadellos mit hundertprozentiger Trefferquote, auf der Strecke bei weitem nicht flott genug, um in seinem letzten WM-Rennen über 20 Kilometer in Medaillennähe zu gelangen. Doch Groß, der wie Poirée am Saisonende seine Karriere beendet, war eigentlich ganz zufrieden. „Den Kampf am Schießstand habe ich gewonnen, den auf der Strecke habe ich verloren.“
Obwohl er vorher gestanden hatte, „nervös wie ein Schuljunge“ zu sein, strahlte er am Schießstand eine unglaubliche Sicherheit aus, wenngleich er hinterher von einem harten Kampf sprach: „Ich habe gerastet wie wild, vor allem beim ersten Liegendschießen.“ Aber seine Reaktion auf den leicht wechselnden Wind war richtig. „Wer bei den Bedingungen viermal null schießt, vor dem ziehe ich den Hut“, sagte der Bundestrainer. Er hatte zwar gehofft, dass sein Senior aus der Tatsache, dass er noch ausgeruht war, einen Vorteil ziehen könnte. Groß war da anderer Meinung: „Ich glaube, mir hat das erste Wochenende gefehlt, denn kein Training kann Wettkämpfe ersetzen.“
Der Branchenführer unter Zugzwang
Kaum eine andere Disziplin bietet soviel Raum für Überraschungen wie der Einzelwettkampf. Diesmal forderte er ein prominentes Opfer: Ole Einar Björndalen. Diesmal hat sich der Norweger, der am Wochenende wie selbstverständlich seine WM-Titel acht und neun abgeholt hatte, schlichtweg verspekuliert. Die Wetterprognosen hatten für den Nachmittag leichten Schneefall vorhergesagt. Und während sich die Deutschen wie fast alle Top-Skijäger für die erste Startgruppe entschieden, weil sie darauf spekulierten, dass der Schnee erst im Laufe des Rennens einsetzen würde, gingen Norweger gingen von umgekehrten Voraussetzungen aus.
Deshalb hatte Björndalen die Startnummer 89 gewählt. Es kam zwar gar kein Schnee, aber just in dem Moment, als Spätstarter Björndalen das erste Mal den Schießstand anlief, bekam er mit, wie Poirée seine letzte Nullserie schoss. So etwas bringt auch einen Branchenführer unter Zugzwang. Er wurde 32.