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Wintersport-Kommentar Deutschland sucht den Biathlon-Star

09.01.2012 ·  Plan A war einfach: Nimm eine mittelmäßige Langläuferin, drücke ihr ein Gewehr in die Hand, fertig ist die Biathletin. Doch so geht es nicht mehr. Der Skiverband braucht im Neuner-Land einen Notfallplan.

Von Claus Dieterle
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© dpa Nie war sie so wertvoll wie in den kommenden beiden Jahren: Andrea Henkel

Der Zuschauerstrom - insgesamt 100.000 Fans an fünf Wettkampftagen - ist genauso ungebrochen wie die Begeisterung, die Einschaltquoten sind unverändert hoch, und die deutschen Skijäger feiern Erfolge in der Biathlon-Kapitale Oberhof. Und doch überschattet eine große Sorge die tollen Tage: dass das deutsche Frauen-Biathlon schon bald international nicht mehr konkurrenzfähig sein könnte. Dass die Medaillenflut versiegt, dass eine zwanzig Jahre lange Erfolgsserie abrupt zu Ende sein könnte, wenn am Saisonende Magdalena Neuner die Flinte ins Korn wirft. Weil - zwei Jahre vor Olympia in Sotschi - die Siegertypen ausgehen.

Biathletinnen verzweifelt gesucht, heißt es darum ausgerechnet in Neuner-Land. Es ist kein Aufruf zum Skijäger-Casting, wenngleich der Deutsche Skiverband so etwas in der Art im Sinne hat. Mit einem Notfallplan, der zu retten versucht, was bis Sotschi kaum noch zu retten ist. Aber der Erfolgsdruck ist so hoch, dass jetzt schießwillige Langläuferinnen flugs die Lücken schließen sollen, die vier Rücktritte und eine Schwangerschaft innerhalb von zwei Jahren gerissen haben. Es ist der Rückgriff auf ein altbekanntes Modell. Nimm eine mittelmäßige Langläuferin, drücke ihr ein Gewehr in die Hand, fertig ist - Schießtalent vorausgesetzt - die Biathletin.

Es hat durchaus schon funktioniert: Magdalena Forsberg, Uschi Disl, Kati Wilhelm waren Quereinsteigerinnen. Aber die Zeiten haben sich geändert. Heute kommen fertig ausgebildete Biathleten oben im Weltcup an, die Weltspitze ist enger zusammengerückt, und läuferisch - das ist immer noch die Grundlage des Erfolgs - sind viele Biathleten mittlerweile so stark, dass sie umgekehrt sogar bei den Langläufern Erfolge feiern. Die Rechnung „passable Langläuferin wird im Crash-Kurs zur Spitzen-Biathletin“ geht immer weniger auf. Wobei die Auswahl an deutschen Skilangläuferinnen ohnehin bescheiden ist. Die paar guten braucht Bundestrainer Jochen Behle selbst, die weniger guten werden seinem Kollegen Uwe Müssiggang kaum weiterhelfen. Langfristig, beim Neuaufbau im Nachwuchsbereich, verspricht die Kooperation tatsächlich Synergieeffekte, mehr Konkurrenz und deswegen deutliche Fortschritte.

Angst vor dem Sturz ins Mittelmaß

Der Notfallplan ist dagegen der Versuch, eine Erfolgsbranche vor dem jähen Sturz ins Mittelmaß zu bewahren. Deutschland spielt nach wie vor eine Hauptrolle im Biathlon, die Sponsoren sind deutsch, das Medieninteresse hierzulande ist größer als anderswo, und der Deutsche Skiverband verdankt einen guten Teil seiner Einnahmen den Biathleten - beziehungsweise ihren Erfolgen. Wenn die auf die Dauer ausbleiben, bedeutet das auch einen herben wirtschaftlichen Verlust. Jetzt geht es darum, Versäumnisse der Vergangenheit im Eiltempo nachzuholen. Dem DSV kann man allerdings nur bedingt Vorwürfe machen.

Natürlich verführen Siege der Spitzenathleten dazu, es beim Nachwuchs ein bisschen entspannter angehen zu lassen. Das war im Skispringen so, das war auch bei den Biathlon-Männern so. Damals griff der Verband rechtzeitig ein, was ihm heute zugute kommt, aber bei den Frauen war der Qualitätsverlust in kürzester Zeit viel höher. Deshalb war eine Nachricht des Wochenendes für den Verband viel wert: Doppel-Olympiasiegerin Andrea Henkel macht bis 2014 weiter. In der letzten Mohikanerin aus großen Biathlon-Zeiten haben ihre potentiellen Nachfolgerinnen - ob Quereinsteiger oder nicht - wenigstens noch eine Leitfigur.

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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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