25.01.2010 · Ein grauer Tag, ein Selbstversuch: acht Stunden Wintersport. Es wird nicht umgeschaltet. Jedes Quartal gehen unsere 53,94 Euro auf Nimmerwiedersehen an die GEZ. Mal schauen, welch komische Disziplinen damit am Leben erhalten werden.
Von Christian Eichler„Der große Wintersport-Freitag im Ersten“, so nennt es einer der feschen Ansager mit den rosigen Wangen und den roten Thermo-Jacken. Über acht Stunden TV-Wintersport en suite, das ist ein fast schon unmoralisches Angebot, sich mal aus der Steigerung des Sozialprodukts auszuklinken. Und einen Arbeitstag lang mal anderen bei der Arbeit zuzuschauen. Denn Arbeiter, das sind sie, die Wintersportler.
Es geht lange nicht mehr um den Reiz des Kampfes mit Naturgewalten; nicht um alpine Romantik aus Toni-Sailer-Filmen oder um nordische Sagenwelten mit Riesen, die sich mit ihren eisverkrusteten Bärten beim wuchtigen Diagonalschritt auch von einem Elch nicht aus der Loipe werfen ließen. Anders als ein Mercedes. Die TV-Helden heutiger Wintersporttage sind Werbeträger mit fünf bis sieben Firmenaufklebern; Festangestellte der Leistungsgesellschaft, die sich im Sommer mit fleißigem Training ein Leistungskonto ansparen, von dem sie nun „Leistung abrufen“. Wir schauen dabei zu.
9.55 Uhr, Cortina, Sonne, Super G der Damen. Der Reporter begrüßt uns am „Anfang eines imposanten, faszinierenden, tollen Wintersporttages hier im Ersten“. Er betont die „Promi-Dichte“ von Cortina. Leider sind kaum Zuschauer da. Als Promi kann man eben nicht so einfach den Tag verplempern wie wir. Das Rennen beginnt, wir lernen, dass ein Skifahrer „die Geschwindigkeit mitnehmen muss“.
Manchmal ist es umgekehrt, da nimmt die Geschwindigkeit den Skifahrer ganz schön mit. Maria Riesch geht es dabei wie Hänsel und Gretel, und unser Reporter klingt wie ein Bruder Grimm: „Sie hat sich im Lärchenwald verfahren.“ Oder im Märchenwald? Im Starthaus sehen wir die Österreicherin Elisabeth Görgl, sie befindet sich in einem Zustand der Weltabwendung und Tiefenentspannung, von dem wir noch etwa fünf Fernsehstunden entfernt sind.
11.15 Uhr, weiter nach Kitzbühel, zu den alpinen Herren, wo das Wetter grau ist. „Der Promi-Faktor hier“, so der Reporter, „wird nur übertroffen von einer Oscar-Verleihung.“ Zum Beweis ein Film, in dem Hansi Hinterseer in einer Gondel singt. Der Prominenz auf der Piste geht es wie Maria Riesch in Cortina, mit leichter Abwandlung des Ortes: „Bode Miller verfährt sich im Lärchenschuss.“
12.40 Uhr, Tagesschau. Der Sprecher ist das erste werbefreie TV-Bild unseres Tages und wird es bleiben. Wer sich noch an einen anderen ARD-Klassiker erinnert, „Am laufenden Band“ mit Rudi Carrell, kann nun in den folgenden Zeilen eine kleine Aufgabe lösen. Erst diese Wortfolge lesen:
Warsteiner, Milka, Gösser, Iglo, Audi, A 1, Red Bull, Rolex, WKO, bwin, Uniqa, Visa, Intersport, Baumarkt, Citroën, Mennekes, Viessmann, Polar, Lukoil, Rauch Säfte, Raiffeisen, DKB, Ricoh, bet-at-home.
Nun bitte den letzten Absatz abdecken und so viele gelesene Wörter wie möglich aufsagen. Schwierig? Es ist eine unvollständige Sammlung der an einem TV-Wintertag auf uns losgelassenen Firmennamen. Dazu die vielen Ski- und Bekleidungsmarken und mittelständischen Privatsponsoren. Ob von alldem was bei uns hängenbleiben wird?
12.50 Uhr, Innsbruck, Skeleton der Frauen, endlich ein deutscher Erfolgssport. Er wird auf dem Bauch betrieben, weswegen die Werbung am Gesäß klebt. Ein Film erklärt, dass man auch bäuchlings im Bett mit dem Smartphone Sport treiben kann: Anja Huber studiert so die Strecke und simuliert Steuerbewegungen. Der Reporter an der Bahn macht einen Herrenwitz: „Im Bett ist sie auf jeden Fall schon mal die Nummer eins.“ Sie ist es dann auch im Bob.
13.15 Uhr, Nordrussland, Skilanglauf bei minus 14 Grad und Schneetreiben. Es wird kuschlig. Die Läufer tragen Bären auf der Brust und dampfen. Die slowenische Siegerin bietet beim Interview neben ihrem Lächeln elf Werbebotschaften auf Mütze, Anzug und Ski.
14.05 Uhr, Antholz, stahlblauer Himmel, Gemsen auf Felsen. Biathlon, die deutsche Sonnen-Disziplin. Die Überlegenheit von Magdalena Neuner ist so früh erkennbar, die Läuferinnen gleiten so entspannend gleichmäßig vorbei, dass wir wegdämmern. Wir haben zwischendurch etwas zu gut gegessen. Der Reporter unseres Vertrauens verrät uns, dass deutschen Biathletinnen schon Obstler aus dem Zillertal geholfen hat. Den hätten wir nun gern zur Verdauung.
Irgendwann nach 15 Uhr. Wir sind nun im Zustand völliger Tiefenentspannung. Dank Wintersport im Warmen. Und zucken wieder hoch, als die Biathletinnen von Bobfahrerinnen abgelöst sind. Frauenbob, ein junger Sport. Und schon eine deutsche Domäne. Wie man überhaupt sagen muss, dass kein anderes Land solch tüchtige Winterfrauen hat. Ohne sie bekäme die ARD ihr Programm nicht voll.
Nur das weibliche Skispringen ist noch nicht so weit, weshalb die Schaltung nach Zakopane um 16 Uhr den V-Männern gilt. Endlich schwappt etwas Après-Ski-Stimmung in die Stube. An der Schanze stampfen Fans sich bei Hütten-Hits die Füße warm. Aus einem Beitrag über magere Springer lernen wir, dass zwanzig Prozent der Menschen von Natur Leichtgewichte seien. Die werden Skispringer. Wir, die anderen, sind zum Zuschauen da.
Und dann, irgendwo zwischen Bobbahn und Schanze und knapp vor Handball gegen Schweden, klingt er aus, unser TV-Freitag. Der Bob-Reporter geht „auf die Suche nach den verlorenen Hundertstelsekunden“. Und wir auf die Suche nach den verlorenen Stunden eines angenehm vorbeigeglittenen Arbeitstages. Olympia kann kommen. Aber wer braucht bei diesem Programm noch Olympia?