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Veröffentlicht: 04.01.2013, 10:50 Uhr

Wintersport Die Vermessung der Bob-Welt

Der technische Vorteil der Deutschen ist offenbar dahin - durch Spione im Eiskanal? Schlechter startete die Bob-Nation Deutschland lange nicht mehr in den vorolympischen Winter. In Altenberg sollen die Athleten die Kurve kriegen.

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© Foto Universität Udine Abgeschaut? Der deutsche Bob (unten) im Vergleich mit Italiens Modell

Spionage im Bob-Sport? Es sind schon Spitzbuben an den Hammelbeinen aus den deutschen Schlitten herausgezogen worden. Aber in der Regel nutzte die Kopfüber-Recherche wenig. Denn die Experten für Bob-Konstruktionen, überwiegend Deutsche, stellten in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder überragende Siegermodelle auf Kufen. Was zusammen mit der geballten menschlichen Antriebskraft und der Steuerkunst exquisiter Piloten zur umfangreichsten Medaillensammlung unter den Nationen führte: Gold, Silber, Bronze, Weltmeisterschaften und Weltcup-Siege in steter Regelmäßigkeit.

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Der Bob- und Schlittensportverband (BSD) wird deshalb als eine Art Erfolgsversicherung der deutschen Olympiamannschaft betrachtet. Jetzt aber tauchen erste Zweifel auf, ob es auch bei den Winterspielen in Sotschi 2014 wieder für glänzende Resultate reicht. Bei allen Männer-Teams im Zweier und Vierer sowie bei den in der vergangenen Saison dominanten Frauen, die an diesem Freitag im Zweier in Altenberg an den Start gehen, reichte es in bislang fünf der neun Weltcup-Rennen nur zu zwei zweiten Rängen: Schlechter startete die Bob-Nation Deutschland lange nicht mehr in einen vorolympischen Winter. Haben Spione ganze Arbeit geleistet?

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Harald Schaale staunte nicht schlecht, als er das kleine, etwa zwanzig Seiten starke Dossier auf den Tisch bekam. Jedes der Blätter trägt den Stempel der Universität von Udine. „Look at competitors!“, schreiben die Italiener, „Schau die Gegner an“. Eine kleine Gruppe italienischer Areodynamiker hatte sich 2007 zum Ziel gesetzt, den italienischen Zweierbob für die Winterspiele in Kanada 2010 zu beschleunigen, ein Spitzenmodell zu formen. Die Hilfe von Wissenschaftlern ist verbreitet. Schon lange arbeiten deutsche Bob-Konstrukteure mit Universitäten und Automobilkonzernen zusammen, nutzen etwa das Wissen von BMW-Aerodynamikern und den Windkanal der Bayern. Engländer kooperierten mit der Formel-1-Schmiede McLaren, Italiener suchten Hilfe bei Ferrari.

Diesmal aber begann die Analyse im Lager der Deutschen. Auf den letzten Seiten des wie ein Power-Point-Vortrag angelegten Berichtes entdeckten Schaale und Kollegen zunächst einen alten Bekannten auf einem der Fotos, den damaligen Bundestrainer, Raimund Bethge. Der erfolgreichste Bob-Coach taucht allerdings nur als flüchtige Randfigur neben dem aufgebockten deutschen Zweierbob auf. Perspektive und Objekte lassen erahnen, in welcher Mission der Fotograf unterwegs war. „Im Parc fermé können wir die Bobs nicht verstecken“, sagt Schaale, Direktor der Forschungsstelle für Entwicklung von Sportgeräten (FES), also mithin der renommierten staatlichen deutschen Bob-Schmiede und räuspert sich: „Eingeladen haben wir den Fotografen aber sicher nicht.“

„So haben sie einiges rekonstruieren können“

Schaale ist angetan. Die Schärfe der Fotos, die Ausschnitte, die erkennbaren Details der Kufen reichen Experten, die Maße hochzurechnen und daraus die äußere Form des deutschen Modells, vor allem die Form der Haube, abzuleiten: „Eine saubere Arbeit, keine Frage“, sagt der FES-Chef: „So haben sie einiges rekonstruieren und überprüfen können.“ Mit der akribisch zusammengetragenen Datensammlung fütterten die Italiener ihr Simulationsprogramm. Und doch haben sie nicht gleich die ganze Bobwelt der Deutschen oder Amerikaner vermessen und sich dazu einen Spitzenpiloten formen können. So ist der Olympiasieg in Vancouver ein Traum geblieben. „Aber sie sind in dieser Saison etwas näher dran“, sagt Schaale, „so wie überhaupt die Leistungsdichte viel größer geworden ist.“ Inzwischen stehen Amerikaner, Schweizer oder Russen regelmäßig vorne.

Die Konkurrenz fährt also mit den Deutschen Schlitten? Rainer M. Jacobus widerspricht energisch. „Mit dem aktuellen Material sind wir durchaus wettbewerbsfähig. In den ersten Rennen hat uns eine Mischung aus allem nicht den gewohnten Erfolg gebracht“, sagt der BSD-Vizepräsident. Schwache Startleistungen und Fahrfehler selbst von Siegertypen hätten erheblich zu den Resultaten beigetragen: „Das Material ist sicher sehr wichtig, aber der Einfluss der Bremser und Piloten wird stark unterschätzt. Es gibt sicherlich im Moment eine gewisse Nervosität.“ Ein Rückstand von 0,2 Sekunden nach dem Anschub wächst, eine fehlerfreie Fahrt der Gegner in einem gleich schnellen Bob vorausgesetzt, je nach Strecke um das Doppelte bis Dreifache. „Das holt man nicht mehr auf“, sagt Jacobus. Es sei denn, das Material gleicht die Schwäche des Menschen aus. Auffallend häufig sprach Jacobus in der vergangenen Woche von den „aktuellen“ deutschen Versionen, von den Modellen der vergangenen Saison, umgebaut nach einer Reglements-Änderung rund um die Achsen.

Testfahrten zwischen Weihnachten und Neujahr

Nun soll der technische Vorteil der Deutschen dahin sein. Das Gerücht, im BSD-Lager sei deshalb neben der FES-Entwicklung ein Zweierbob auf Privatinitiative als internes Druckmittel gebaut worden, hält Jakobus für „Blödsinn. Wenn da was dran wäre, dann wüsste ich davon.“ Stattdessen werde mit dem gesamten Team en détail gefeilt. Zwischen Weihnachten und Neujahr schossen die Deutschen bei eigens angesetzten Testfahrten im Kunsteiskanal von Altenberg zu Tale. Mit den zusätzlichen Übungstouren auf der schwierigsten deutschen Bahn sollen die Deutschen die Kurve kriegen, zumindest könnten sie zu ersten Siegen fahren. Nur wird man vorerst kaum erfahren, was so ein Triumph zum Auftakt des Jahres wert sein würde. Denn am Mittwoch wurde bekannt, dass Amerikaner, Russen und Schweizer ihre Teilnahme abgesagt haben. Sie trainieren lieber in St. Moritz, für die WM am Ende des Monats. Von den Deutschen haben sie wohl vorerst genug gesehen.

Quelle: F.A.Z.

 

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