22.12.2006 · Die Vierschanzentournee ist eine Ikone des Wintersports und steht in den Einschaltquoten höher als die viel flippigere oder innovationsfreudigere Konkurrenz. Die Fernsehzuschauer schätzen das Ritual zur Jahreswende. Eine starke „Marke“.
Von Jörg HahnEs gibt Erfindungen, die man kaum verbessern oder zerstören kann, Ideen, die alle Veränderungen und Moden überdauern. Wie die Vierschanzentournee. Marketingfachleute stellen staunend fest, wie bekannt und anerkannt dieser Wettbewerb ist. Eine starke „Marke“. Nur Fußball, Formel 1 und Olympia faszinieren nach einer aktuellen Umfrage von „Sport und Markt“ hierzulande sportinteressierte Fernsehzuschauer mehr.
Die Tour de France ist, wenig verwunderlich, ins Dopingabseits geraten. Selbst Menschen, die Sport im allgemeinen und Skispringen im besonderen für langweilig oder nebensächlich halten, müssen zugeben, hinzuschauen in den Tagen rund um dem Jahreswechsel. Da mag mancher ruhig witzeln, die Vierschanzentournee sei etwa so modern wie die Armlehnenschoner auf den Sesseln im Wohnzimmer der Großmutter.
Publikumsliebling
Die Sprungserie hält sich die bisweilen viel flippigere oder innovationsfreudigere Konkurrenz noch immer locker vom Hals. Sie profitiert von einem idealen Zeitpunkt; das Publikum liebt in diesen Tagen Rituale und Zeremonien, schätzt die Wiederkehr des Immergleichen – vom Kartoffelsalat an Heiligabend über „Dinner for one“ an Silvester bis eben zu den Skispringen mit den so vertrauten Bildern aus Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen. Wahrscheinlich könnte das Fernsehen wieder in Schwarz-weiß senden und würde auch damit ankommen.
Schrittmacher und Spiegelbild des Skispringens ist die Tournee seit 1953. Zum ersten Mal wurde ein Tournee-Wettbewerb am 1. Januar 1956 übertragen. Im Archiv der ARD ist die Einschätzung zu finden, die Sendung sei so hervorragend gewesen, daß „selbst Skisprungexperten die Qualität als dem Originalbild ebenbürtig bezeichneten“.
Starke Werbelokomotive
Mittlerweile ist es eher so, daß der Zuschauer an der Schanze enttäuscht wird von der Wirklichkeit, die mit dem Fernseh-Event kaum mehr konkurrieren kann. Eine bemerkenswerte Entwicklung: Als das Fernsehen sich zu interessieren begann für die Tournee, zögerten die Veranstalter mit ihrer Zustimmung, fürchteten sie doch einen „Zuschauerklau“ durch zeitgleiche Übertragungen.
Als Einnahmequelle und Werbelokomotive sah das Fernsehen erst einmal niemand. In diesem Punkt ist schließlich sogar die traditionelle Tournee angekommen in der modernen Medien- und Warenwelt. Die Vierschanzentournee ist eine Ikone des Sports. Aber auch Ikonen müssen gepflegt werden. Deshalb wurden inzwischen drei von vier Schanzen neu gebaut oder komplett modernisiert. Nun muß Garmisch-Partenkirchen nachziehen, Schönheitsreparaturen helfen der alten Olympiaschanze von 1936 nicht mehr.
Skispringen ist nicht planbar
Vierschanzentournee, die Fünfundfünfzigste: die Veranstaltung ist und bleibt in den Augen der Aktiven wie der Zuschauer der Höhepunkt dieses Sports. „Mittendrin wünschst du dir nichts sehnlicher, als daß es endlich vorbei ist. Und nach dem letzten Sprung bist du schon traurig, daß es nicht mehr weitergeht“, so beschreibt der frühere Spitzenspringer und Tourneesieger Dieter Thoma den Spannungszustand von Athleten wie Trainern.
Man kommt nicht los vom Fluidum der Tournee. Skispringen ist kein Ausdauersport, in dem man sich leicht auf den Höhepunkt vorbereiten könnte. Es bleibt beim Versuch, letztlich zählen aber viele andere Faktoren. Wind und Wetter sind Teil der Unwägbarkeiten, die über strahlende Sieger und verzweifelte Verlierer mitentscheiden. Im Skispringen ist fast nichts planbar, schon gar nicht solch ein Triumph, wie er Sven Hannawald 2002 mit seinem Vierfacherfolg gelang.