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Vierschanzentournee Rechenspiele für die Gerechtigkeit

Äußere Einflüsse führten beim Skispringen oft zu kuriosen Ergebnissen. Das ist nicht gut für das Image. Eine komplexe Windmesstechnik verhindert nun das Glücksspiel unter freiem Himmel.

© AFP Vergrößern Kein Glücksspiel unter freiem Himmel: Die Skispringer bei der Vierschanzentournee

Für Maximilian Mechler war die Situation nicht einfach. Hochkonzentriert saß der Springer aus Isny im Allgäu in 140 Meter Höhe auf dem schmalen Balken und schaute bei der Qualifikation hinunter ins mäßig gefüllte Olympiastadion von Garmisch-Partenkirchen. Gleich wollte er sich abstoßen, um mit der Beschleunigung eines Sportwagens die Anlaufspur hinunterzufahren.

Doch die Startampel blieb rot. Mechler musste wieder zurück auf die Stufen. Zu heftig blies der Wind von hinten, das Unfallrisiko wäre zu groß gewesen. Nach unendlich lang erscheinender Wartezeit durfte Mechler dann seinen Sprung durchziehen.

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Einige Meter neben dem Aufsprunghügel befindet sich der Arbeitsplatz von Miran Tepes. Doch nur selten schaut der Renndirektor-Assistent des Internationalen Skiverbandes durchs Fenster hinaus auf den Hang. Seine Blicke wandern zwischen zwei Bildschirmen hin und her. Über den einen flimmert das aktuelle Fernsehbild, auf dem anderen sind mehrere Grafiken zu sehen.

Zahlen springen, Balken zucken und wechseln zwischen Grün und Rot. „Wenn alle fünf Balken grün sind, beginnt der Countdown für die Startampel“, sagt der Slowene. Dann bewegt sich die Windgeschwindigkeit in dem vorher festgelegten „Windkorridor“, und der Springer kann gefahrlos heruntergelassen werden. Die Startampel wird grün. Tepes selbst greift nur im Zweifelsfall ein.

„Es gab oft glückliche Sieger - und der Rest hatte Pech“

Skispringen ist eine Freiluftsportart. Entsprechend lassen sich äußere Einflüsse wie Wind nicht vermeiden. „Früher musste man sich mit den Verhältnissen abfinden“, sagt Renndirektor Walter Hofer. Doch wenn häufig Springen mit sehr kuriosen Ergebnissen enden, ist dies nicht gut fürs Image. Irgendwann verlieren die Zuschauer an den Fernsehschirmen die Lust. Und ohne Einschaltquote keine Sponsoren.

Auch im Sinne der Fairness und der Vergleichbarkeit der Leistungen, die die Sportler erbringen, wurde nach Lösungen gesucht, wie die Glücksspiele unter freiem Himmel möglichst vermieden werden können. „Es gab oft glückliche Sieger - und der Rest hatte Pech“, sagt Hofer. Sein Ehrgeiz: „Wir wollen die persönliche Performance der Athleten herausfiltern.“ Es geht um die Glaubwürdigkeit des Skispringens.

Seit 2009 werden die äußeren Einflüsse mit einer komplexen Technik ins Ergebnis einbezogen © dpa Vergrößern Seit 2009 werden die äußeren Einflüsse mit einer komplexen Technik ins Ergebnis einbezogen

Auf dem Weg dahin setzte sich der Renndirektor mit Spezialisten der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich und dem Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) in Verbindung. Gemeinsam erarbeiteten sie eine Formel. „Es ist ein gewisser philosophischer Ansatz, um eine Outdoorsportart vergleichbar zu machen“, erklärt Hofer.

Genutzt werden dabei Windmessräder, die bereits seit mehr als zehn Jahren an den Schanzen stehen. Fünf Messräder sind es an jeder Schanze. Sie werden nicht nach einem festen Schema aufgestellt, sondern auf jede Schanze individuell abgestimmt. Und die Standorte werden jährlich überprüft. „Von den fünf Messstellen werden innerhalb von fünf Sekunden hundert Daten geschickt“, sagt Tepes.

Abbruch und Neustart sind eher eine Ausnahme geworden

Mit Hilfe einer komplizierten Formel errechnet das Computersystem die Windunterstützung. Die Schanzengröße fließt in die Berechnung ein, ebenso die mittlere tangentiale Windgeschwindigkeit. Für die Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen mit einer Größe von 140 Metern bedeutet dies beispielsweise: Hat ein Springer 1,5 Meter pro Sekunde Rückenwind, erhält er einen Bonus von 7,5 Punkten. Auch eine Veränderung der Anlauflänge kann mathematisch berücksichtigt werden.

Somit sind Abbruch und Neustart eines Durchgangs eher die Ausnahme geworden. Die Springer begrüßen dieses seit 2009 eingesetzte System. Schließlich sind sie es, die am meisten davon profitieren. Zusammen mit der 1991 eingeführten Videoweitenmessung, die bis auf einen halben Meter genau ist, hat dies zu einer weiteren Gerechtigkeit bei den Ergebnissen geführt.

Nur eines von vielen Fähnchen im Wind an den Schanzen der Tournee © dpa Vergrößern Nur eines von vielen Fähnchen im Wind an den Schanzen der Tournee

Doch bei aller Suche nach mehr Objektivität, eine subjektive Größe gibt es weiterhin. Und wird es auch noch lange geben. Denn neben erzielter Weite und Windeinfluss fließt auch das persönliche Urteil von fünf Wertungsrichtern in die Ergebnisse ein. „Weil auch die Landung bewertet wird, trägt dies wesentlich zur Sicherheit bei“, sagt Renndirektor Hofer. Für eine saubere und sichere Landung bekommen die Springer mehr Punkte, als wenn sie noch den einen oder anderen Meter herauskitzeln.

Wobei auch dies keinen garantierten Schutz bedeutet, wie der Sturz von Tom Hilde in Oberstdorf gezeigt hat. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus, in dem der Bruch des achten Wirbels festgestellt wurde, musste der 24-jährige Norweger zugeben: „Ich habe vielleicht im Kampf um einige Extrameter zu viel riskiert.“

Gerade der Wettkampf am Freitag in Oberstdorf hat auch gezeigt, dass der Einfluss des Wetters durch elektronische Hilfen nicht völlig auszuschalten ist. „Wir konnten mehrere Faktoren nicht im Griff halten: starker Schneefall und wechselnder Wind“, sagte Hofer, „wir mussten den sportlichen Wert sicherstellen.“ Deshalb musste der Renndirektor ins technische System eingreifen - und den ersten Durchgang abbrechen.

Quelle: F.A.Z.

 
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