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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Vierschanzentournee Der Traum vom Siegen

 ·  Die deutschen Skispringer haben vom großen Rivalen Österreich viel gelernt. Bei der Vierschanzentournee sind die Chancen gut wie seit Jahren nicht. In Oberstdorf beginnt die Jagd auf Titelverteidiger Schlierenzauer.

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© REUTERS Neue Perspektiven: „Wir genießen diesen Hype“

Jetzt muss nur noch die Witterung mitspielen. Das Einzige, was die Volksfeststimmung rund um die Schattenbergschanze trüben könnte, wäre ein weiterer Temperaturanstieg. Sicherheitshalber hat das Organisationskomitee der Vierschanzentournee, dessen Mitglieder momentan regelmäßig einen Blick in den Himmel über dem Allgäu werfen, nach der Schneeschmelze der vergangenen Tage großflächig umgeplant: Die Parkplätze am Rande der Oberstdorfer Innenstadt wurden schon gesperrt, weil die Wiesen aufgeweicht sind und die Autos sonst im Morast versinken würden.

Die 10.000-Einwohner-Gemeinde stellt sich an diesem Sonntag, zum Auftakt der vierteiligen Skisprungserie in Deutschland und Österreich, auf einen Ansturm an Besuchern ein, wie es ihn seit zehn Jahren nicht mehr gab: Fast 20.000 Eintrittskarten wurden im Vorverkauf abgesetzt, und auch die Wetterprognosen stimmen die Veranstalter optimistisch: Zumindest regnen soll es nicht, wenn um 16 Uhr die Jagd auf Titelverteidiger Gregor Schlierenzauer aus Österreich beginnt.

„Belohnung für die harte Zeit“

“Es wird Zeit, dass es losgeht, die Phase der Prognosen vorbei ist und es Ergebnisse gibt, über die wir diskutieren können“, sagt Horst Hüttel. Als Sportlicher Leiter ist er im Deutschen Skiverband (DSV) für die Skispringer zuständig. Der Vierundvierzigjährige ist derzeit leicht zu erkennen: Er ist derjenige, der mit einem besonders breiten Grinsen durch die Gegend läuft. An der Renaissance seiner Sportart, der Severin Freund, Andreas Wellinger oder Richard Freitag durch bislang beachtliche Saisonresultate ein spürbares Plus an Aufmerksamkeit bescherten, ist Hüttel entscheidend beteiligt. Auch deswegen räumt er unverblümt ein: „Wir genießen diesen Hype. Er ist Belohnung für die harte Zeit, die hinter uns liegt.“

Es war Hüttels Idee, vor vier Jahren, als die deutschen Skispringer flügellahm den Gegnern hinterherhüpften, Werner Schuster als Bundestrainer zu engagieren - ausgerechnet einen Österreicher, einen aus dem Lager des größten Widersachers, der seit 2005 das Maß der Dinge ist. Einen ausländischen Skisprungtrainer hatte der DSV bis dato noch nie. Schuster aber wurde neben einem Salär im sechsstelligen Bereich mit der Zusage gelockt, in Ruhe einen Plan zum Wiederaufbau erstellen zu können, nicht an kurzfristigen Erfolgen gemessen zu werden und nach Belieben seine Ideen umsetzen zu können.

Erst nach Olympia in Sotschi 2014, so die Übereinkunft, an der sich viele Provinzfürsten und Stützpunktmitarbeiter bei der Vorstellung des Wunschkandidaten seinerzeit störten, wird abgerechnet. Mittlerweile ist das Gegrummel allgemeinem Respekt gewichen: Schusters Bilanz kann sich sehen lassen. So aussichtsreiche Perspektiven besaßen die Springer des DSV lange nicht, die Basis an Top-3-Kandidaten wird ständig breiter. „Schuster hat sich Vertrauen erarbeitet“, urteilt der frühere Superstar Sven Hannawald, „sein Konzept trägt Früchte“. Und Hüttel würde am liebsten das Teamwork über 2015 hinaus sofort verlängern: „Ich setzte alles daran, ihn extrem lange zu binden.“

„Wir sind auf der Überholspur“

Vor der Tournee wurde die Hierarchie durch Schuster und seine Mitstreiter ordentlich durcheinandergewirbelt. Vorübergehender Weltcup-Führender war der Münchner Freund; der Senkrechtstarter der Saison, der 17 Jahre alte Wellinger, kommt aus Ruhpolding. Zudem gewannen die Deutschen den bislang einzigen Mannschaftswettbewerb der Saison. „Die Pfeile zeigen nach oben“, sagt auch Schuster, dem alle bescheinigen, frischen Wind in das DSV-System gebracht zu haben, das sich nach den Triumphen Sven Hannawalds und Martin Schmitts zu lange auf dem Lorbeer ausgeruht hatte.

„Wir sind auf der Überholspur und in der Lage zu agieren und nicht mehr auf die anderen zu reagieren“, kündigte der 43-Jährige vor dem Tourneeauftakt an: „Die Dynamik stimmt.“ Der positive Trend hat viel mit dem von ihm umgestellten Training zu tun: Es wird umfangreicher geübt, die Körperkraft ausgiebiger geschult und dabei Wert auf individuelle Unterschiede gelegt - ohne den Teamgedanken zu vernachlässigen. Dabei profitiert er von seinen Erfahrungen am Skigymnasium in Stams in Tirol, das als Kaderschmiede unzählige Medaillengewinner hervorbrachte. Wer dort als Skispringer die Aufnahmeprüfung schaffen will, muss unter anderem einen Krafttest absolvieren: Dabei springen die potentiellen Leistungssportler beidbeinig aus dem Stand. Ein Profi kommt auf drei Meter. 14-Jährige sollen schon mehr als zwei Meter schaffen. „Ein bisschen Professionalität reicht eben nicht“, lautet einer von Schusters Lieblingssätzen, die er seit seiner Lehre verinnerlicht hat.

Seine Konzeption beim DSV, die sich an zentralistischen Strukturen in Österreich orientiert, zeichnet sich auch dadurch aus, dass - egal, ob ein junger Springer aus dem Erzgebirge, Schwarzwald oder Berchtesgadener Land stammt - der technische und athletische Leitfaden, nach dem er ausgebildet wird, überall identisch ist. „Es wurde schon vor mir gut gearbeitet, vielleicht etwas zu sehr nebeneinander“, sagt Schuster über seinen Ansatz, „wir haben viel gesät, jetzt wächst etwas.“ Unter seiner Regie finden gemeinsame Lehrgänge für A-, B- und C-Kader-Mitglieder statt, sorgen Einheiten mit Top-Turnern oder Mountainbike-Ausflüge in die Alpen für Abwechslung, „weil Gruppendynamik leistungsfördernde Prozesse in Gang setzen kann“. Zuletzt kam so der Teenager Wellinger groß raus.

„Ein bisschen so wie Jürgen Klopp“

Hüttl imponiert, dass Schuster ein Zeitgenosse sei, „der sich ständig hinterfrage und hinzulernen“ wolle: „Er gibt sich nie zufrieden, behauptet aber auch nicht, alles zu können.“ Stattdessen hat er das Betreuerteam auf sieben Assistenten bewusst vergrößert, um von deren Fachwissen partizipieren zu können. „Ein bisschen so wie Jürgen Klopp in Dortmund“, meint Hüttel.

Demnächst arbeiten die Springer mit einem Münchner Psychologieprofessor zusammen, um mit Hilfe der sogenannten neurolinguistischen Programmierung Fortschritte beim Flug durch die Lüfte zu erzielen. Die Österreicher nutzen diese Form der Gehirnschulung, „die in Stressmomenten das entscheidende Prozent herauskitzeln kann“, so Hüttel, schon länger - und kommentieren nicht nur deswegen das Wirken ihres verlorenen Sohnes mitunter spöttisch: Von einem „Wissenstransfer nach Deutschland“ spricht Alexander Pointner, der einst mit Schuster in Stams begann und später bei der Berufung zum Chefcoach des „Team Austria“ den Vorzug vor seinem Spezi erhielt.

An dieser Personalie zerbrach die dicke Freundschaft der beiden ehrgeizigen Kumpels, die heute in erster Linie Konkurrenten sind. „Wenn sich meine Athleten einen Traum erfüllen wollen, gewinnen sie wegen der Stimmung am besten in Oberstdorf oder Garmisch“, sagte Schuster: „Und wenn sie mir einen erfüllen wollen, gewinnen sie in Innsbruck.“ Die persönliche Rivalität mit Pointner verleiht dem Duell der Nachbarländer, das sportlich mal wieder auf Augenhöhe stattfinden könnte, eine brisante Extranote - die ebenfalls die Anziehungskraft der Tournee erhöht.

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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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