Wenn Noriaki Kasai auf Martin Schmitt angesprochen wird, lächelt er. Vielleicht, weil ihm das in diesen Tagen schon öfters passiert ist. Er kann ein bisschen verstehen, warum der ehemalige deutsche Weltklassespringer nicht loslassen kann, ihm ergeht es doch nicht anders, und er ist sogar noch ein paar Jahre älter. Kasai wird im Sommer vierzig, aber anders als Schmitt, für den die Vierschanzentournee nach den ersten beiden Wettbewerben vorbei war, kann er oft mithalten mit der Weltelite.
Auch wenn er am Mittwoch nur 36. wurde. Der Japaner denkt nicht ans Aufhören, obwohl Rücken und Knie immer wieder mal zwicken. Rekorde bedeuten ihm nicht viel, das 400. Weltcupspringen am Freitag in Bischofshofen wird für ihn eines sein wie jedes andere. Ihn treibt etwas anderes an, seine Motivation, sagt er, ist, „dass ich noch keine Goldmedaille bei Olympia habe“.
„Ich liebe Skispringen“
Die möchte er in Sotschi 2014 gewinnen, mit dann 41 Jahren. Dass dieses Ziel ungefähr so realistisch ist wie Schmitts Hoffnung, noch einmal den Anschluss an die Weltspitze zu finden, ist Kasai egal. „Ich liebe Skispringen“, sagt er. Denn das harte Training, das Tingeln von Weltcuport zu Weltcuport und die lange Abwesenheit im Winter von der Heimat sind womöglich immer noch besser, als das, was ihn nach der Karriere erwartet. Zwar strebt Kasai einen Trainerjob an, aber erst einmal muss er in Sapporo einem Wohnungsbau- und Immobilienunternehmen seine Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Wie in Japan üblich, startet er für den Klub einer Firma, die ihn für die Zeit seiner sportlichen Laufbahn freistellt.
Als Kasai im Dezember 1989 sein Weltcup-Debüt gab, war Georg Schlierenzauer, der diesjährige Dominator der Tournee, noch nicht einmal geboren. Damals gab es noch keinen V-Stil, keine Gewichts-Vorgaben und keine Skilängen-Anpassungen. Kasai hat in seiner Karriere den Wandel hin zum Segelsport und wieder zurück zum Skispringen vollziehen müssen und dies ohne größere Schwierigkeiten gemeistert. „Ich wundere mich selbst, dass ich mich an jede Regeländerung anpassen konnte“, sagte er.
Die Jüngeren waren nicht besser
In einer Sportart, in der schon kleinste Modifikationen manche Athleten aus der Flugbahn werfen, ist das womöglich eine noch größere Leistung, als 22 Jahre mental und körperlich mit den Besten mithalten zu können. Allerdings stand Kasais Karriere schon mehr als einmal auf der Kippe. Bei den Olympischen Winterspielen 1998 in Nagano war er im ersten Wettbewerb Siebter, damit allerdings nur drittbester Japaner. Für die Großschanze wurde er nicht nominiert, für das anschließende Teamspringen auch nicht. Die Kollegen gewannen Gold und wurden zu Helden, Kasai begann zu zweifeln.
Neun Jahre später gewannen die Japaner bei der WM im eigenen Land überraschend Bronze im Teamspringen, danach sagte ihr finnischer Chefcoach Kari Ylianttila, dass die Altstars künftig nicht mehr vom Verband gefördert werden würden. Dazu gehörte der damals 34 Jahre alte Kasai. Aber als die neue Saison begann, war er doch wieder dabei. Er wurde weiterhin unterstützt, auch weil die Jüngeren nicht besser waren. Mittlerweile startete er bei zwei weiteren Weltmeisterschaften sowie den Olympischen Winterspielen in Vancouver. Und wie es scheint, kommen noch ein paar Großereignisse hinzu.