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Vierschanzentournee Blick zurück zwischen Sekt und Schweigen

Das erste Springen der Vierschanzentournee verläuft für die deutschen Athleten anders als gewohnt.

© dpa/dpaweb Vergrößern Gelassener Jubel: Michael Uhrmann

Ein Fußballspiel, ein bißchen Kraft- und Koordinationstraining in der Halle, dann ging es von Oberstdorf nach Garmisch-Partenkirchen - der übliche Ablauf für die deutschen Skispringer während der Vierschanzentournee. Doch in diesem Jahr ist es anders als sonst. Der gewohnte Sieg in Oberstdorf fehlt. "Das ist kein Weltuntergang", sagte Bundestrainer Wolfgang Steiert am Dienstag morgen. "Wir werden Sven und Martin nicht niedermachen, sondern aufbauen. Sie kriegen jede Unterstützung. Man darf an das Springen nicht mehr so viele Gedanken verlieren, jedes Wort wäre zuviel." Nicht mehr darüber reden - das war die Haltung von Sven Hannawald (Platz 18) und Martin Schmitt (Rang 27), nicht aber die von Michael Uhrmann und Georg Späth. Als Vierter und Siebter erreichten sie ihre bislang besten Tournee-Ergebnisse. "Auch auf diese Plazierungen haben wir ein Glas Sekt getrunken, es muß nicht immer der Sieg sein", erzählte Steiert.

Das Innenleben im deutschen Team ist derzeit nicht ganz einfach. Wie stellt man zwei Aufsteiger heraus, ohne den unzufriedenen Stars einen zusätzlichen Stich zu versetzen? Wie unterstreicht man hier die frisch gewonnene Stärke und wischt dort die Sorgen vom Tisch? Schmitt sei übermotiviert gewesen und habe Absprungfehler gemacht, sagte Steiert. "Er hatte unheimlich hohe Erwartungen, ist zu früh abgesprungen und konnte dann nicht mehr viel reparieren." Uhrmann stellte fest: "Man merkt, wie sehr Martin unter Druck steht." Für Hannawalds Abschneiden suche man noch schlüssige Erklärungen, gab der Trainer zu. "Es haben zehn Meter gefehlt." Am Material und an den Bedingungen könne man nichts aussetzen.

Das Klima in der Mannschaft bezeichnete Steiert trotz der Nöte Schmitts und Hannawalds als gut, "es gibt keine Predazzo-Stimmung". Der Ortsname Predazzo steht für das kollektive Scheitern der Deutschen bei den Weltmeisterschaften im März. Steiert wollte viel lieber über den "schönen Sport" beim Tournee-Auftakt reden. "Es ist gut für das Springen, daß wir einen ordentlichen Wettkampf auf hohem Niveau mit einem würdigen Sieger erlebt haben. Wir müssen neidlos anerkennen, daß Sigurd Pettersen der mit Abstand beste Mann war." Keine Stürze, keine Windopfer - und ein Norweger an der Spitze war aus deutscher Sicht allemal besser als ein Triumph eines Rivalen aus Österreich.

In Michael Uhrmann hat der Bundestrainer einen inzwischen gereiften und dadurch in jeder Hinsicht pflegeleichten Athleten. Der 25 Jahre alte Bayer versichert, er komme gut damit zurecht, selbst dann bloß als Nummer drei der Mannschaft angesehen zu werden, wenn er für das beste Resultat gesorgt habe. Schmitt und Hannawald stünden eben mehr im Blickpunkt, das akzeptiere er. "Im letzten Winter war ich nach den Leistungen eigentlich auch schon die Nummer zwei, bin aber in der Öffentlichkeit die Nummer drei geblieben. Also gebe ich nicht so viel auf Nummern. Ich verfolge nur meine eigenen Ziele, sonst nichts", sagte der Bundesgrenzschutz-Beamte. Das nächste Ziel ist schnell beschrieben: ein Sieg. Mit der Mannschaft war er Weltmeister und Olympiasieger, er gilt als verläßlicher Punktelieferant. Noch nie in seiner Laufbahn aber hat er ein Weltcupspringen gewonnen. Zweimal schon führte er in Trondheim nach dem ersten Durchgang, wurde dann aber Zweiter und Fünfter. "Mental war das hier in Oberstdorf sein bester Wettkampf", lobte Steiert. Uhrmann verkrampfte nämlich nicht nach der ersten Runde, sondern brachte auch den zweiten Sprung schulmäßig zu einem guten Ende. Er schob sich von Platz fünf noch um eine Position nach vorne. "So habe ich das noch nie hinbekommen", sagte Uhrmann. Es könnte sein Durchbruch sein. "Ich weiß, daß ich so trainiert habe, um bei fairen Wetterverhältnissen immer vorne dabeisein zu können. Mit diesem Selbstvertrauen kann ich auch in Garmisch-Partenkirchen rangehen."

Dem Neujahrsspringen sehen die Deutschen mit gemischten Gefühlen entgegen. Die Schanze ist "nicht auf dem modernsten Stand", so Steiert. Im vergangenen Jahr verlor Hannawald dort durch einen Sturz seine Chance auf den Tournee-Gesamtsieg. Auch Uhrmann kennt bessere Anlagen: "Die Schanze schmeißt einen raus, sage ich immer. Man fliegt am Anfang unheimlich hoch, und dann geht's steil bergab, man gleitet nicht." Damit nicht genug: "Der Anlauf hat Ecken, man scheppert dem Hang zu." Prost Neujahr, das sind ja schöne Aussichten - vor allem, wenn man gerade nicht so ein unerschütterliches Selbstbewußtsein wie Uhrmann demonstrieren kann. Steiert beeilte sich, die ob der Schanzen-Kritik womöglich verärgerten Partenkirchener Organisatoren zu beruhigen. "Es geht nicht gegen die Ehrenamtlichen, die seit Monaten alles vorbereiten. Die leisten eine tolle Arbeit." Das könnten ihnen die deutschen Springer ja einfach mal nachmachen.

Tournee2a © dpa/dpaweb Vergrößern Richtungsweisend: Georg Späth

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2003, Nr. 303 / Seite 37

 
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