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Tour de Ski : Auf der Suche nach der goldenen Mitte

Auf der Suche nach dem kompletten Langläufer: eine Tour mit Prolog, Sprints, Zeitlimit und Bergankunft Bild: AP

Beim Zeitpunkt von den Skispringern gelernt, das Reglement an die Tour de France angelehnt: Bei der Suche nach dem kompletten Langläufer bekommt die Tour de Ski jedes Jahr schärfere Konturen. Zum Auftakt wurde Axel Teichmann Dritter.

          Jetzt pilgern sie wieder die Straße hinauf zum Oberhofer Grenzadler. Zwar noch nicht in Massen wie in ein paar Tagen, wenn der Biathlon-Weltcup wieder im Thüringer Wald Station macht, aber auch die Tour de Ski der Langläufer hat ihr Publikum längst gefunden, selbst wenn es am Neujahrstag nicht jeden in die Kälte zieht. Auch die Athleten hätten lieber ordentlich Silvester gefeiert, statt am nächsten Tag topfit am Start zum Prolog stehen zu müssen. Aber die Zeit um die Jahreswende ist fernsehtechnisch interessant, und die Skispringer machen ja seit Jahrzehnten vor, wie es geht. Die 92 Langläufer und 81 Langläuferinnen aus 20 Nationen, die am Freitag die Tour de Ski mit einer Gesamtlänge von 104,9 Kilometern (Frauen 64,7 km) in Angriff genommen haben, die sie in acht Etappen in fünf verschiedene Orte und durch drei Länder - Deutschland, Tschechien und Italien - führen wird, sind es ja auch schon fast gewöhnt.

          Und die zuletzt kritisierten deutschen Skilangläufer sind sogar recht gut ins neue Jahr gestartet. Axel Teichmann (Lobenstein) musste sich auf der 3,7 Kilometer langen Freistilstrecke dem siegreichen Favoriten Petter Northug aus Norwegen nur um zwei Sekunden geschlagen geben und stürmte als Dritter aufs Siegerpodest. Andreas Katz (Baiersbronn) lief auf Rang elf. Über 2,8 Kilometer bei den Frauen erreichte Miriam Gössner (Partenkirchen) Platz fünf, Claudia Nystad (Oberwiesenthal) wurde Zwölfte. Den Sieg sicherte sich die Slowenin Petra Majdic (siehe: Ergebnisse Ski nordisch).

          Weniger Reisestress, Punkte auch für Aussteiger, Chancen für Sprinter

          Dennoch wundert sich Jürg Capol, der Langlauf-Direktor des Internationalen Skiverbandes (Fis), über die große Resonanz - bei den Männern sind 75 bis 80 Prozent der Weltspitze am Start. Er weiß, dass die strapaziöse Tor-Tour nicht jedem in die Olympiavorbereitung passt. Und die Tour 2010 ist nicht leichter geworden. Aber der Schweizer wertet die Resonanz als Beleg dafür, dass „seine“ Reformen angekommen sind: Weniger Reisestress, ein neues Kernstück, Punkte auch für Aussteiger, mehr Chancen für Sprinter.

          Trotz aller Strapazen: Die Tour de Ski hat ihren besonderen Reiz
          Trotz aller Strapazen: Die Tour de Ski hat ihren besonderen Reiz : Bild: AP

          Die Tour de Ski, das ist Capols Baby. Wobei sich der Schweizer die geistige Vaterschaft mit dem norwegischen Langlauf-Idol Vegard Ulvang teilen muss, weil eben beide vor ein paar Jahren das Tour-Konzept bei der Suche nach dem kompletten Langläufer ausgebrütet haben. Mit gedanklichen Anleihen bei der großen Schwester, der Tour de France: Prolog, Sprints, Kampf gegen die Uhr, Bonus-Sekunden, Zeitlimit, Ruhetage, Bergankunft - Preisgeld, das alles geht auch auf Ski.

          Anfang und Ende sind in festen Händen

          Das Baby ist mittlerweile vier Jahre alt, und Capol sagt, wohl wissend, dass noch längst nicht alle Kinderkrankheiten ausgestanden sind: „Ein Kind mit vier Jahren ist immer noch entwicklungsfähig.“ Deswegen bekommt die Tour de Ski jedes Jahr ein bisschen schärfere Konturen auf der Suche nach ihrem idealen Profil. Zwei Fixpunkte im flexiblen Etappenprogramm sind von der Fis zumindest bis 2013 gesetzt. „Val die Fiemme war der Anfang“, sagt Capol, und meint den knallharten Schlussanstieg die Skipiste zum Alpe Cermis hinauf, wo sich jedes Jahr am letzten Tag die Tour entscheidet. Obwohl oder gerade weil die Bergankunft wegen ihrer bis zu 28 Prozent Steigung genauso gefürchtet wie umstritten ist, ist sie doch das Markenzeichen der Tour geworden.

          Der andere Pfeiler, das ist Oberhof als Zuschauermagnet. Nach den guten Erfahrungen des vergangenen Jahres ist der Thüringer Wintersportort für die nächsten vier Jahre zum fixen Ausgangspunkt der Tour erkoren worden. Anfang und Ende sind also in festen Händen, und auch bei der Suche nach der goldenen Mitte erhofft sich der Langlauf-Direktor einen Fortschritt. Erstmals steht eine veritable Etappe zwischen zwei Orten auf dem Plan, von Cortina d'Ampezzo nach Toblach, und von diesen beiden renommierten italienischen Skihochburgen erhofft man sich eine entsprechende Resonanz. „Das könnte ein weiteres Kernstück werden“, sagt Capol.

          Der Reisestress war nicht der einzige Fehler im System

          Ansonsten ist der Routenplan offen für neue Bewerber. Sofern sie in den Logistikplan passen. „Je mehr wir geografisch auf einer Linie liegen, desto besser.“ Der Reisestress war einer der Haupt-Kritikpunkte von Trainern und Athleten. Mehr als 1500 Straßenkilometer hat man dem Tross im vergangenen Jahr zugemutet. Diesmal fällt diese Strecke mit rund 1300 Kilometern schon etwas Athleten freundlicher aus. „Je weniger sie unterwegs sind, desto mehr Energie können sie in den Sport investieren“, sagt Capol.

          Der Reisestress war nicht der einzige Fehler im System. Auch der Zwang bis zum bitteren Ende durchzuhalten, sofern man die Weltcuppunkte behalten wollte, hat manchen an den Rand der Erschöpfung und darüber hinaus geschoben. „Da sind in Val die Fiemme Leute noch in einem Zustand gelaufen, in dem man kein Rennen bestreiten sollte. Die waren kaputt oder krank“, gibt Capol zu. Jetzt lässt das neue Reglement jedem, der aussteigen will oder muss, sämtliche bis dahin erworbenen Punkte. Das macht die Sache auch für die Sprinter, die jetzt zudem eine eigene Sprintwertung haben, viel attraktiver. „Auch bei der Tour de France kommen schließlich nicht längst alle Sprinter in Paris an“, sagt Capol.

          In der Praxis allerdings sind viele der schnellkräftigen Männer und Frauen nicht einmal in Oberhof angekommen. Die Norweger als Branchenführer oder die Schweden haben ihre Sprinter ganz zu Hause gelassen. Das hängt mit der bereits erwähnten Olympiavorbereitung zusammen. Die Tour de Ski kann in der Hinsicht durchaus kontraproduktiv sein. Deswegen lassen auch die norwegische Weltcup-Spitzenreiterin Marit Björgen oder die Schwedin Charlotte Kalla, Tour-Siegerin 2008, das Etappenrennen diesmal links liegen. Im Olympiajahr ist die Tour de Ski eben nur von untergeordneter Bedeutung - trotz aller Reformen.

          Quelle: F.A.Z.

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