23.01.2012 · Gesamtweltcup-Sieger Ivica Kostelic attackiert seine Konkurrenten Neureuther und Hirscher. Die Fis will reagieren. Auf Skiern folgt die nächste Runde an diesem Dienstag.
Von Bernd Steinle, KitzbühelEs war Geschichtsstunde in Kitzbühel. Gesamtweltcup-Sieger Ivica Kostelic, ein historisch interessierter Mensch, referierte über die Schlacht von Azincourt im Jahr 1415. Er erzählte mit ernster Stimme, wie der französische König und sein Feldherr auf einem Hügel gestanden hätten, als die Schlacht für Frankreich schon verloren war, und der König davonreiten wollte, mit dem Hinweis, sie müssten doch ihr Leben retten. Der Feldherr habe entgegnet: „Es ist nur eine Schlacht, aber die Schande bleibt für immer.“ Er ritt in die Schlacht und starb.
Mit diesem Zitat attackierte Kostelic am Sonntag, leicht abgewandelt, seinen schärfsten Verfolger im Kampf um die Gesamtwertung im Ski-Weltcup, den Österreicher Marcel Hirscher: „Es ist nur ein Rennen, aber die Schande bleibt für immer.“ Mit dem Rennen war der Slalom in Zagreb Anfang Januar gemeint.
Dort soll Hirscher nach jüngsten Anschuldigungen eingefädelt haben, wie auch der Deutsche Felix Neureuther, ohne dass es jemand bemerkt habe. Erst High-Speed-Kameras, wie sie Trainer bei der Analyse einsetzen, hätten das offenbart, enthüllte das österreichische Boulevardblatt „Kronen Zeitung“ vor wenigen Tagen - offenbar nach einem anonymen Tipp per SMS.
Für den Renndirektor des Internationalen Ski-Verbands (Fis), Günter Hujara, war nach Ansicht der Bilder aus Zagreb alles mit rechten Dingen zugegangen. Von den Regularien her ist der Fall ohnehin erledigt, die Einspruchsfrist läuft 15 Minuten nach dem Rennen ab. Kostelic aber sah das am Sonntag als eine Frage der Ehre. Seiner Ansicht nach lag ein Torfehler Hirschers vor, womöglich sogar noch in anderen Rennen, „wer weiß das schon, das ist ein ziemlich unsauberes Bild“. Hirscher fuhr in Zagreb ins Ziel, als sei nichts gewesen, deshalb seien die Werte des Sports übergangen worden, „ich persönlich vergesse das nicht“. Vielleicht auch deshalb nicht, weil der Kroate beim Heim-Nachtrennen in Zagreb, das er noch nie gewonnen hat, vor 18.000 Zuschauern Dritter wurde - hinter Hirscher und Neureuther.
Die moderne Slalomtechnik, das schnelle, enge, spurtreue Carven, macht es für die Torrichter immer schwerer zu erkennen, ob ein Läufer eingefädelt hat oder nicht. Vor allem Hirscher, fünfmaliger Saisonsieger in Slalom und Riesenslalom, ist für seine direkte Fahrweise und seine abenteuerlichen Schräglagen bekannt. „Ich fahre viel über den Außenski, habe den Innenski kaum belastet, ich spüre dort recht wenig“, sagte der Shootingstar im ORF. Oft bleibe er mit Schuh oder Schnalle an Toren hängen, daher merke er in der Hitze des Rennens nicht, ob er eingefädelt habe oder nicht. „Und auf Verdacht stehen zu bleiben, wär’ Wahnsinn.“ Kostelics Vorwürfe seien für ihn „schon irgendwo beleidigend“ gewesen.
Noch am Sonntag telefonierte er mit Neureuther, sie vereinbarten, möglichst bald mit Kostelic zu reden. Am Montag war es dann so weit. „Es ist alles in Ordnung, es waren einfach ein paar Dinge, die man aus dem Weg räumen musste“, sagte Neureuther am Abend. Kostelic bestätigte nach dem halbstündigen Gespräch: „Ich will den kroatischen Fans sagen, dass wir alles aufgeklärt haben.“ Er erklärte seine massiven Vorwürfe mit „Adrenalin“ nach dem Rennen.
Auch der kroatische Verband erkannte das Ergebnis von Zagreb inzwischen als regulär an. Alle Trainer hatten mit Hujara am Montag noch einmal die Fahrten untersucht. „Wenn auch die genauesten Bilder keinen Aufschluss bringen, dann wird im Zweifel zugunsten des Angeklagten entschieden“, sagte Hujara.
Die Fis will künftig weiter alle technischen Möglichkeiten einsetzen, um ähnliche Konflikte zu vermeiden. Wie das aussehen könnte, zeigte der Slalom in Kitzbühel. Da wurde Hirscher im ersten Durchgang nach vermeintlichem Einfädler erst aus der, später nach Videostudium wieder in die Wertung genommen. Im zweiten Lauf fuhr er zwar ins Ziel, hatte unterwegs aber tatsächlich eingefädelt - unbestritten. Die nächste Runde folgt an diesem Dienstag: im Nachtslalom von Schladming.
Frage der Ehre
Hans schiessl (usbayer)
- 24.01.2012, 16:25 Uhr