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Snowboarderin Aline Bock Zwischen Sommer und Winter

15.08.2010 ·  Die Snowboarderin Aline Bock ist die beste Big-Mountain-Fahrerin der Welt. Gerade hat die Deutsche in Neuseeland die „World Heli Challenge“ gewonnen. Ihre Liebe gilt den Bergen. Aber sie braucht auch den Sommer und das Meer.

Von Niklas Eder, Wanaka
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Sommer, Winter. Berge, Meer. Die Grenzen verschwimmen. Vergangene Woche, am Tag nach der „World Heli Challenge“, dem großen Freeride-Event für Skifahrer und Snowboarder im Mount Aspiring National Park in Neuseeland, sind die Champions von Wanaka aus ans Meer gefahren, haben sich in Neoprenanzüge gepackt und sind auf Surfbrettern den Wellen hinterhergejagt. Dabei eine junge Deutsche vom Bodensee, die Snowboarderin Aline Bock. Sie hatte die Heli Challenge gewonnen, und spätestens seit diesem Tag steht die 28-Jährige auf einer Stufe mit den größten Namen der Freeride-Szene. Mit den Amerikanern Travis Rice, Ted Davenport und Julia Mancuso, mit der Norwegerin Ane Enderud.

Wer verstehen will, auf welchem Niveau Aline Bock fährt, muss die Champions kennen: Travis Rice ist ein Snowboard-Superstar, mit ihm als Frontman wurde im vergangenen Jahr „That’s it, that’s all“ gedreht, der spektakulärste Snowboardfilm, den man je gesehen hat. Viele halten Rice seither für den besten Snowboarder der Welt. Die Olympiasiegerin von 2006, Julia Mancuso, verließ letzten Winter, nachdem sie bei Olympia in Vancouver zweimal Silber gewonnen hatte, erstmals die Ski-Rennszene und suchte im Freeriden neue Herausforderungen. Der Freeride-Champion der Skifahrer, der Amerikaner Ted Davenport, auch er eine Legende, fährt nicht nur Berge hinunter – er fliegt auch. In Chamonix hat er sich vergangenes Jahr den Fuß gebrochen, als er bei einem Basejump gegen die Wand eines 400 Meter hohen Kliffs geschlagen ist. In dieser Liga also fährt Aline Bock, innerhalb von zwei Jahren ist sie im Snowboarden zur besten Big-Mountain-Fahrerin der Welt geworden.

Aline Bock ist in Gießen geboren und in Überlingen am Bodensee aufgewachsen, mit fünfzehn erst hat sie mit dem Snowboarden angefangen. Sie begann mit Freestyle, fand Sponsoren und gewann Wettkämpfe in der Halfpipe und im Slopestyle. Schließlich begann sie ein Sportmanagement-Studium in Innsbruck. Nebenher fing sie an zu arbeiten, als Managerin der Snowboard-Teams von Smith und Roxy. 2008 fuhr sie im Montafon in Österreich ihren ersten Freeride-Wettkampf.

Während Freestyle-Events auf Schanzen und in Halfpipes ausgetragen werden und der spektakulärste Sprung gewinnt, findet Freeriden jenseits der Skigebiete statt, dort, wo Touristen niemals hinkommen. Die Teilnehmer werden mit Hubschraubern auf den höchsten Gipfeln mit steilen, unberührten Hängen abgesetzt. Wer eine flüssige, schnelle und riskante Linie fehlerfrei fährt und technische Sprünge einbaut, steht am Ende oben auf dem Treppchen.

Freeriden ist nichts für Kinder

Vor zwei Jahren war Aline Bock von einer Freundin zu ihrem ersten kleineren Freeride-Wettkampf in Österreich überredet worden. „Ich bin einfach runtergefahren, habe hier ein kleines Kliff genommen und da eine kleine Wechte – und am Ende stand ich als Siegerin da.“ Die Veranstalter der Freeride World Tour boten ihr daraufhin einen Startplatz auf der kommenden Tour an, der erste Event würde in Sotschi in Russland stattfinden, aber Aline Bock wollte nicht. Sie verbrachte den Sommer in Hossegor in Frankreich, surfte und dachte nach. Mit 26 fühlte sie sich zu alt für die Halfpipe, sie hatte keine große Lust mehr, gegen 15-Jährige anzutreten, auch keine große Lust mehr auf die ganze Partyszene.

Ihre Freundinnen, mit denen sie die vergangenen Jahre von Berg zu Berg gereist war, fingen allmählich an, ein „normales Leben“ zu führen. So hätte die Snowboard-Geschichte auch für Aline Bock enden können. Doch nach drei Monaten auf dem Surfbrett rief sie im Büro der Freeride World Tour an. Sie würde gern mit nach Russland kommen. Drei Wochen später saß sie in einem russischen Hubschrauber, stand in Sotschi am Start – und gewann. Von diesem Tag an hat Aline Bock alles aufs Freeriden ausgerichtet, ihre Sponsoren zogen mit, sie gewann die World Tour 2009/10 und wurde Weltmeisterin. „Ich bin froh, dass ich noch einmal einen ganz anderen Weg eingeschlagen habe, mit anderen Leuten, einem anderen Umfeld“, sagt sie. Freeriden ist nichts für Kinder, ohne Erfahrung geht es nicht, die Altersspanne liegt zwischen 25 und 40 Jahren. „Das ganze Umfeld entspricht mir mehr“, sagt Aline Bock.

Große Momente am Berg, aber auch Gefahr und Risiko

Es gibt nicht mehr als zehn Starterinnen auf der Tour, das hat seinen Grund, denn es gibt weltweit nicht mehr Fahrerinnen, denen die Veranstalter zutrauen, die extremen Anforderungen zu meistern. „Du musst dir darüber klar sein, was auf dich zukommt und was passieren kann. Wenn du Mädels im Event hast, die nicht wissen, was sie tun, ist das sehr gefährlich. Dieses Risiko will kein Organisator auf sich nehmen.“ Für Aline Bock war das hochalpine Gelände kein unbekanntes Terrain. „Ich bin nicht blind in die Freeride-Szene gekommen“, sagt sie. „Ich habe genau gewusst, wie risikoreich das ist. Ich bin von klein auf im Gelände unterwegs gewesen, mein Vater ist Skiführer, ich kannte mich mit Lawinen aus.“

Freeriden – das sind große Momente am Berg, aber auch Gefahr und Risiko. „Ohne Adrenalin geht es nicht“, sagt Aline Bock. „Wenn ich am Berg stehe, weiß ich, es könnte böse ausgehen. Aber ich muss mir oben sagen, ich kann es, ich kann da runterfahren!“ Es ist keine Alternative, an mögliche Konsequenzen zu denken: „Es kann viel passieren, ich muss nur einen kleinen Stein erwischen, und das war es dann. Aber das ist mein Sport, meine Leidenschaft, mein Leben. Wenn ich mir oben überlegen würde, was alles passieren könnte, hätte es keinen Sinn.“

Wie den Winter liebt sie auch den Sommer

Schon wenn sie unten am Hang steht und die Linie sucht, die sie später von oben wiederfinden will, muss sie lebenswichtige Entscheidungen treffen. „Du musst deine Grenzen kennen, musst dich fragen: Was kann ich? Was ist zu steil? Was ist zu extrem? Wie stark ist der Wind? Wie viel Schnee hat es in die Kuhlen geblasen? Wo fiel der Schatten hin, wo könnte es Lawinen geben?“ Bei der Abfahrt ist es entscheidend, die Schwünge richtig zu setzen. „Gefährlich wird es, wenn du deine Line verlierst – dann findest du dich auf einmal in der Gefahrenzone, wenn du Pech hast, über einer hundert Meter hohen Klippe.“

Während Aline Bock mit dem Snowboard in Neuseeland unberührte Hänge hinunterfährt, ist daheim in Europa Sommer. Wenn sie wollte, könnte sie ein Leben im ewigen Winter führen, aber das will sie nicht. Wie den Winter liebt sie auch den Sommer, die Wärme, das Meer, das Surfen ganz besonders. Es hilft ihr, die Reserven wieder aufzuladen, die Waage ins Gleichgewicht zu bringen. „Ich brauche den Sommer“, sagt sie. „Ich würde niemals nur im Winter leben können. Nach der letzten Saison war ich zwei Wochen krank, es hat mich umgehauen, die Akkus waren leer. Es ist das Meer, das mir neue Energie gibt.“ So wird sie auch im September und im Oktober, nach Neuseeland und drei Wochen Argentinien, wieder in Hossegor in Frankreich zu finden sein. Im Wasser, nicht im Schnee.

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