04.12.2006 · Aus 43 Metern Höhe stürzten sich die Snowboarder den abenteuerlich steilen Anlauf hinunter, katapultieren sich in die Luft und zaubern beim „Air&Style“- Springen ein Feuerwerk aus Salti und Drehungen in den Münchener Nachthimmel.
Von Michael Eder, MünchenGlänzende Augen überall. Sprachlosigkeit. Staunen. Freude, dabeigewesen zu sein. Als Fahrer, als Zuschauer. Alle wußten: Es gibt nicht viele Sternstunden im Sport, dies war eine.
Daß diese Auflage des "Air&Style"- Springens im Münchner Olympiastadion der denkwürdigste Abend der Snowboard-Geschichte werden würde, hatte sich früh angedeutet, schon in der ersten Runde, als die sechzehn weltbesten Fahrer in acht K.-o.-Duellen gegeneinander antraten und dem Münchner David Benedek ein Sprung gelang, den man noch nie zuvor in einem Wettbewerb gesehen hatte.
Garniert mit zwei Salti
Was die Snowboarder mit der Chiffre "Double Corked 1260" umschreiben, muß man sich so vorstellen: Benedek fährt aus 43 Meter Höhe den abenteuerlich steilen Anlauf hinunter, katapultiert sich innerhalb von Sekunden auf mehr als siebzig Kilometer pro Stunde, fliegt über den siebeneinhalb Meter hohen Schanzentisch, dreht sich im Flug dreieinhalbmal und garniert das Ganze mit zwei in einem Winkel von 45 Grad rotierten Salti. Diesen Sprung nach einer Flugphase von rund 25 Metern nicht in einem üblen Crash enden zu lassen, statt dessen die komplizierten Dreh- und Fliehkräfte in einer sicheren Landung aufzulösen, das war bis zu diesem Samstag erst einmal gelungen: Bei der "Gap Session" im vergangenen Februar in Garmisch hatte Benedek den Versuch gewagt - für Filmaufnahmen, nicht in einem Wettkampf.
Nun also in München. Die Zuschauer, 27.500 waren ins Olympiastadion gekommen, bejubelten Benedek, und der Sensationssprung des Münchners wirkte, als hätte er Feuer an eine Lunte gelegt, es war die Initialzündung für einen Wettkampf, der in die Geschichte des Snowboardens eingehen wird.
Geknickt wie ein morsches Streichholz
Die anderen Fahrer hatten oben gestanden und auf den Videoschirmen gesehen, daß auf dieser Schanze offenbar mehr möglich war als alles, was bisher möglich schien. Und dann begann ein Feuerwerk an Höchstschwierigkeiten, das am Ende alle schier fassungslos zurückließ. Drew Stevenson, australisches Snowboard-Urgestein und Chef der Ticket-To-Ride-Tour, in der die weltweit größten Snowboardevents zusammengefaßt sind, packte die Eindrücke des Abends in drei Worte: "Never seen before." Auch die Fahrer waren von den Eindrücken dieses magischen Snowboard-Abends noch Stunden danach wie berauscht, überwältigt von dem, was ihnen gelungen war. Selbst der amerikanische Superstar Shaun White, Snowboard-Wunderkind, Halfpipe-Olympiasieger und seit anderthalb Jahren unbesiegt, war an diesem Abend, an dem die Konkurrenz über sich hinauswuchs, nur einer unter vielen. Er schied - nach großartigen Sprüngen - in der zweiten Runde gegen den Finnen Anti Autti aus, dessen 1260-Grad-Rotationen noch einen Hauch besser waren.
Am Ende gewann der Amerikaner Travis Rice mit einem "Double Backflip to 180" - einem doppelten Rückwärtssalto mit halber Drehung. Als Rice nach dieser akrobatischen Einlage unten ankam und sein Brett abschnallte, war es unterhalb der Spitze gebrochen, der Landedruck hatte es geknickt wie ein morsches Streichholz, ohne daß Rice dabei gestürzt wäre - Sinnbild für einen Abend, an dem nicht einmal das Material dem Spektakel gewachsen war, das die Fahrer boten.
355 Tonnen Stahl und tausend Tonnen Kunstschnee
Wie konnte es dazu kommen? Es lag an den Bedingungen, am weichen Schnee und, vor allem, an der gelungenen Geometrie einer Schanze, die dastand wie die Skulptur einer perfekten Welle, modelliert aus 355 Tonnen Stahl und tausend Tonnen Kunstschnee. "Wir haben nur unseren Job gemacht", sagte Veranstalter Andrew Hourmont. Der Engländer gab sich bescheiden, und er wußte, warum.
Im vergangenen Jahr, als das "Air&Style" über Innsbruck und Seefeld nach München gekommen war, endete der Umzug am Wettkampftag in einem mittleren Desaster. Die Schanze damals war noch schlechter als ihr Standort im Stadion, die Landefläche bestand aus blankem Eis, und zu allem Überfluß hatte Hourmont auch noch die vermeintlich trendige Show von Freestyle-Motocrossern derart aufgebläht, daß Snowboarden nur noch am Rande stattfand. Das Echo in der Szene war vernichtend. "Wir hatten kein schönes Jahr", sagte Hourmont. Aber sie haben es genutzt, sie haben ihre Lehren gezogen. Alles, was bei der Premiere mißlungen war, funktionierte diesmal nahe an der Perfektion. Im vergangenen Jahr noch hatte sich das "Air&Style" in einem tiefen Tal verlaufen, diesmal erreichte es einen neuen Gipfel, der einen wunderbaren Ausblick bot auf die Zukunft dieses Sports.
Mit siebzig Sachen über die Schanze
Und so flogen sie dahin im Olympiastadion, und es war irgendwann gar nicht mehr so wichtig, wer gewann. Benedek kam unter die letzten vier, aber im Finale fehlten ihm Kraft und Konzentration, um sein Meisterstück noch einmal abzuliefern. Egal, sagte er. White war ausgeschieden, hatte nach ewigen Zeiten mal wieder verloren. Egal auch das.
Als der Flugbetrieb im Olympiastadion eingestellt war, saßen die Fahrer noch lange zusammen. Welches war der kühnste Trick des Abends gewesen? Benedeks Kunststück? Der 1260, mit dem Autti gegen White gewann? Der doppelte Rückwärtssalto des Finnen Ettala? Oder der von Rice? Oder oder oder? Schließlich herrschte Einigkeit: Den kühnsten Trick hatte der Schweizer Nicolas Müller bei seiner Erstrundenniederlage gegen Benedek gewagt: einen "Onefoot Backside 720". "Unfaßbar", sagte Sieger Rice. Müller, der größte Stilist unter den Snowboardern, war bei seinem Versuch, nie Dagewesenes zu zeigen, mit nur einem Schuh in der Bindung mit siebzig Sachen über die Schanze gerauscht und hatte eine doppelte Drehung probiert. Bei der Landung stürzte er, aber dies tat der Bewunderung durch die Kollegen keinen Abbruch. "Völlig verrückt", sagte Ettala. Völlig verrückt - wie der gesamte Wettkampf.