12.11.2006 · Der amerikanische Superstar Shaun White hat das Snowboarden ins Popzeitalter geführt.
Von Michael EderDieser Tage kommt ein Film in die Kinos, der die Geschichte des Snowboardens grandios erzählt. Er heißt "First Decent" und zeigt sechs Boarder auf einem Trip nach Alaska. Großartig: Shawn Farmer, der Keith Richard des Snowboardens, der in Alaska die verrücktesten Abfahrten gemacht hat in Zeiten, da Boarden in vielen Skigebieten noch verboten war. Für "First Decent" haben sie ihn irgendwo in Kalifornien ausgegraben, wo er als Zimmermann arbeitet, und haben ihn heim nach Alaska verfrachtet, ihm einen Hubschrauber hingestellt und ein paar andere Snowboarder, die meisten nicht einmal halb so alt wie er. Und dann haben sie sich zwei Wochen Zeit genommen und Alaska abgefahren, den gigantischen, winzigen Teil davon, den ein Hubschrauber erreichen kann. Seine Mitfahrer: Nick Perata, ein Kumpel von damals, Terje Haakonsen, der Godfather des Snowboardens aus Norwegen, der aktuelle amerikanische Elite-Boarder Travis Rice sowie die jugendlichen Halfpipe-Olympiasieger von Turin, Hannah Teter - und Shaun White, der neue Superstar. Ein Hubschrauber mit sechs Boardern an Bord - und der ganzen Geschichte dieser eigenartigen Sportart. Bilder werden gezeigt von damals, von Farmer, der gescheitert ist mit seiner Snowboardkarriere, der zuviel getrunken hat, der die Rock'n'Roll-Zeit des Snowboardens verkörpert wie kein anderer. Dann kam die Punk-Phase, die Snowboarder standen nicht mehr an der Bar wie Farmer, sie liefen Amok gegen das Establishment. Und dann, ganz allmählich, fanden sie Anerkennung, sie wurden zur Zielgruppe, zum Absatzmarkt. Das war Haakonsens Zeit, die Zeit des kühlen businessman on board, des angestrengten Charismatikers. Sie ging bald vorbei.
Der kühle Norweger fand einen federleichten Nachfolger, einen kleinen Kerl aus San Diego, Kalifornien, ein Bewegungsgenie, nicht weniger als das: Shaun White. Sein Talent ist Legende, jeder Superlativ eine Untertreibung. Er hat mit sieben seinen ersten Vertrag bekommen, mit dreizehn die erste Million verdient, wurde mit neunzehn Olympiasieger und hat in der vergangenen Saison jeden Wettkampf gewonnen, an dem er teilgenommen hat.
Da sitzt er nun, in einem Frankfurter Hotel, dieser schmächtige Junge mit der feuerroten Mähne. Er ist auf Werbetour. Letzte Woche Tokio, gestern San Diego, heute Frankfurt, morgen London, übermorgen Köln. Er hat das Snowboarden ins Popzeitalter geführt, und der genaue Zeitpunkt läßt sich leicht bestimmen. Es war nach Olympia in Turin, "die Amerikaner", sagt er, "haben ziemlich enttäuscht, da ist meine Goldmedaille besonders aufgefallen." Was auch daran lag, daß er sie mit einer tollen Leistung gewann. Sein erster Run im Finale von Bardonecchia war das Spektakulärste, was man je im Freestyle-Snowboarden gesehen hat. Es war der White- Style: eine poetische Mischung aus allerhöchster Schwierigkeit und federleichter Eleganz. Er ist damals aus Italien heimgeflogen und hatte noch nicht einmal ausgeschlafen, da haben sie ihn schon zum Foto-shooting abgeholt für die Titelstory des legendären "Rolling Stone". Bob Dylan und Bruce Springsteen waren die Randthemen dieser Ausgabe, White der Aufmacher. "Irre", sagt er, "ist diese Titelseite gewesen." Er mit der amerikanischen Fahne als Umhang, die Goldmedaille baumelnd auf der schmalen Brust.
Snowboarden war mainstream geworden. Gut oder schlecht? Gut, sagt White. "Die Unternehmen unterstützen uns, alles wird größer und größer, niemand kommt mehr an uns vorbei." Snowboarden ist vorzeigbar geworden. Was könnte das besser illustrieren als der Termin, den White am Samstag abend hatte: ein Besuch im "ZDF-Sportstudio", wo man unter Wintersport traditionell Rodeln und Biathlon, Eiskunstlauf und Skifahren versteht. Aber einen wie White haben sie nicht in diesen Sportarten, kein so überragendes Talent, kein so cooles Idol der jungen Generation. White ist schon als Teenager Millionär geworden, er kann gar nicht so viele Werbeverträge annehmen, wie sie ihm anbieten. Und doch ist er geblieben, was er war: ein entspannter kalifornischer Beachboy, den es über das Skateboarden (auch da ist er Weltspitze) in die Berge verschlagen hat. White war schon mit 15 Jahren Weltklasse, jahrelang ist seine Mutter mit ihm gereist, hat aufgepaßt, daß ihr Wunderkind nicht den bösen Buben in die Hände fiel. Nun, als Superstar, ist er selbständig geworden. In allen Freestyle-Disziplinen (Big Air, Slopestyle, Halfpipe) ist er das Maß aller Dinge, und doch gibt es auch für ihn Neuland. Dieses Alaska-Projekt, erzählt er, sei für seine Mutter ein Albtraum gewesen. Eine kleine Glocke habe sie ihm mitgegeben, "um die Bären zu verscheuchen".
Aber es waren nicht die Bären, die ihm Respekt einflößten, es waren Berge, auf denen noch nie zuvor ein Mensch gestanden hatte. Der Hubschrauber setzte sie dort oben inmitten eines heftigen Sturmes ab, und dann sind sie doch nicht gefahren. Zu gefährlich, der im Sturm schwankende Helikopter hat sie wieder abgeholt. Der Film zeigt, wie Haakonsen später die Abfahrt doch noch im Alleingang bezwingt. "Ich wäre dabeigewesen", sagt White. "Aber ich war an diesem Tag nicht da, ich hatte einen Werbetermin in Kalifornien." So ist das im Leben eines Superstars.
In Deutschland wird man White am ersten Dezemberwochenende beim Air&Style-Springen im Münchner Olympiastadion sehen können. München - sonst kennt er nicht viel von Deutschland, wenn man von zwei zentralen Kulturereignissen absieht: dem Oktoberfest und dem Torwandschießen im "Sportstudio". "Gebt mir einen Ball." Dafür hat er im Frankfurter Hotel mittags schon mal geübt.