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Snowboard Der Papa der deutschen Snowboarder

31.01.2006 ·  Der 31 Jahre alte Xaver Hoffmann hat sich mit Glück und guten Nerven für Turin qualifiziert. Dort hofft er auf widrige Bedingungen. „Ich bin der Joker für schlechte Pipes“, sagt der Urbayer, „die bin ich gewohnt seit 13 Jahren.“

Von Michael Eder
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Es war knapp, ziemlich knapp. Der Snowboarder Xaver Hoffmann, Urbayer aus Garmisch, stand vergangene Woche an der Halfpipe in Leysin in der Schweiz und wußte, daß er nur noch eine Chance hatte.

Es war der letzte Weltcup der Saison, jetzt mußte alles zusammenpassen, sonst würde er sich Olympia im Fernsehen anschauen müssen. Ein Lauf in der Halfpipe, kaum zwanzig Sekunden lang, hat etwas von einem Hochseilakt, ein kleiner Fehler, ein einziger Wackler zerstört die Balance und bedeutet den Absturz. Hoffmann, 31 Jahre alt, ließ sich in Leysin nicht aus der Ruhe bringen. Schon nach seinem ersten Qualifikationslauf war klar: Er hatte es ins Finale der besten zwölf Fahrer geschafft, die Olympiaqualifikation war erreicht. Die deutsche Mannschaft wird damit in der olympischen Eisröhre ihr Kontingent ausschöpfen; neben Hoffmann starten Jan Michaelis, Vinzenz Lüps und Christophe Schmidt.

Begonnen hatte das Projekt Olympia für Hoffmann im Wanaka Snowpark in Neuseeland. Dorthin hatte der Snowboard-Verband Deutschland seine Freestyler im vergangenen Sommer geschickt. Zwölf Mann machten sich auf die Reise. Nicht nur die Etablierten waren dabei, auch die Nachwuchsfahrer. Damit die Jungen mitfliegen konnten, hatten die Alten eine Selbstbeteiligung akzeptiert. "Wir haben", sagt Hoffmann, "ein bißchen Sponsorenkohle draufgelegt".

„Die Amerikaner sind uns fünf, sechs Jahre voraus“

Wanaka - das muß man sich so vorstellen: drei Container, Kasse, Snackbar, Verwaltung, Sessellift, Halfpipe, Snowpark mit Schanzen und Rails, das Ganze nicht mehr als ein Schneefleck. Man wohnt eine halbe Mietautostunde weg auf einer Farm mit Hund und Katz, abends werden Hasen geschossen, oder man trifft sich an der Bar, und morgens um acht geht es los. Bis zu vierhundert Fahrer trainieren im Sommer dort, die ganze Weltelite ist da, und so ist es auch immer ein erster Blick auf die Konkurrenz.

Hoffmann hat sich die Finnen genau angeschaut und die Amerikaner. Sie sind das Maß aller Snowboard-Dinge im Halfpipefahren, vor allem Shaun White, der Superstar. "Wenn ich am Limit fahre", sagt Hoffmann, "fährt der sich gerade mal ein". Das hört sich nach argem Understatement an, schließlich ist auch der Bayer in der Szene hochgeschätzt. "Nee", sagt er, "das ist kein Understatement, das ist Realismus. Die Amerikaner sind uns fünf, sechs Jahre voraus, weil sie daheim seit langem in perfekten Halfpipes trainieren können." In Europa sieht das anders aus. Davos, Laax, der Nordpark bei Innsbruck - die Möglichkeiten sind beschränkt, in Deutschland gibt es in diesem Winter keine einzige Halfpipe mehr, nachdem sich auch die Zugspitze deren teuren Unterhalt nicht mehr leisten will.

Mißachtung durch die großen Sponsoren

Dann werden also die Finnen und Amerikaner in Turin die Medaillen unter sich ausmachen? So ist es auch wieder nicht. Ein Fehler ist schnell gemacht, und auch Shaun White kann einmal, wenn auch selten, zum Bruchpiloten werden. Hoffmann hofft auf schwierige Bedingungen. "Ich bin der Joker für schlechte Pipes", für eisige, löchrige, schlechte Röhren, "die bin ich gewohnt seit dreizehn Jahren". Am besten, die eine Wand ist weich wie Butter und die andere hart wie eine aufgeklappte Eisbahn, "das sind die Amerikaner nicht gewohnt". Den ersten Weltcup der Saison in Chile hat Hoffmann gewonnen. Sein Pech: Der Verband hatte ihn zwar dorthin geschickt, aber der Wettbewerb war nicht als Qualifikationsrennen für Olympia anerkannt. In Saas-Fee war er verletzt, und auch sein sechster Platz beim Weltcup in Kreischberg nutzte nichts, auch dieses Rennen stand nicht im Qualifikationskatalog. So bot Leysin die letzte Chance.

Hoffmann ist ein entspannter Typ. Er kommt mit den Verbänden klar, aber auch mit den unabhängigen Strukturen, die im Freestyle-Snowboarden großen Einfluß haben. Seine Nähe zu den Verbänden bezahlt er mit der Mißachtung durch die großen Sponsoren. Während Fahrer wie Shaun White, der nur im Olympiawinter Verbandsrennen bestreitet, Millionen verdienen, reichen Hoffmanns Sponsorengelder kaum für die Finanzierung der laufenden Kosten. So hat sich der Garmischer zwei andere "Standfüßlein" zugelegt: Er läßt von einer Schweizer Customschmiede Boards unter seinem Namen produzieren und betreibt mit Partnern eine Gaststätte bei der Hausberg-Bahn in Garmisch.

Sein Ziel: vierte Olympiateilnahme 2010

Einunddreißig ist er, zwölf Jahre älter als Shaun White; da könnte man ans Aufhören denken nach Turin. Hoffmann verschwendet daran keinen Gedanken. Sein Ziel ist die vierte Olympiateilnahme 2010 in Kanada. Sein biblisches Snowboardalter ist nichts Neues. Er hat erst mit achtzehn mit dem Boarden angefangen. Er sei immer schon der "Snowboard-Papa" gewesen, sagt er. "Der Xaver halt. Der hat einen Führerschein, der hat einen Kombi, und der fährt auch gern rein nach München, holt alle ab und bringt alle zurück." Bis heute hat er die Jungen im Griff. Die Überlegenheit des Routiniers zeigte sich im Herbst bei einem Springen am Dachstein. Da stand eine Schanze von zweifelhafter Qualität und Geometrie. Hoffmann verzichtete auf eine Teilnahme, im Gegensatz zu den Nachwuchsfahrern Philipp und Tobias Strauß. Die Zwillinge rissen sich in brüderlicher Eintracht die Kreuzbänder. "Sie haben am falschen Tag übertrieben", sagt Hoffmann.

Am richtigen Tag das Bestmögliche zeigen, das hat sich Hoffmann für Turin vorgenommen. Bei seinen ersten beiden Olympiateilnahmen hat er es nicht ins Finale geschafft, das soll sich diesmal ändern. Dafür muß er in der Superpipe, deren Eiswände mehr als sechs Meter hoch sind, Spektakuläres bieten. "1080s", Sprünge in vier, fünf Meter Höhe mit dreifacher Drehung über den Wänden, gehören zum Standard der Besten. Sechs, höchstens sieben Sprünge lassen sich in einen Run packen, zwei 1080s sollten dabeisein und vielleicht sogar ein 1260, eine Höchstschwierigkeit, die außer Hoffmann nur eine Handvoll Fahrer stehen können. Aber Drehungen allein sind nicht alles, der Stil muß stimmen, die Höhe, der Griff ans Brett, das Schwere muß leicht wirken, das ist die große Kunst. Und dann muß man sehen, wie die Richter werten, ob ein schöner 900 mehr Punkte bringt als ein wackliger 1080. Und dann braucht man ein bißchen Glück beim Ritt durch die Pipe, ein bißchen Glück und gute Nerven. So wie Xaver Hoffmann letzte Woche in Leysin.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.01.2006, Nr. 4 / Seite 19
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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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