http://www.faz.net/-gtl-8bjv6

Skispringer Ammann : Der Überflieger von einst erfindet sich neu

Im Anflug: Simon Ammann Bild: dpa

Kommando zurück! Skispringer Simon Ammann fängt mit 34 Jahren noch einmal von vorne an. Womöglich will es der Schweizer gar bei Olympia 2018 noch einmal wissen. Bis dahin verfolgt er auch noch ganz andere Ziele.

          Der Winter hat sich allenfalls erahnen lassen. Am Wochenende war es eher der nächste Frühling, der seine milden Vorboten in die Berge schickte. Die Temperaturen sorgten auch am Fuße der Engelberger Gipfel kaum für die vom Veranstalter beworbene Vorweihnachtsatmosphäre: die Tannen grün, der Schnee rund um die Skisprungschanze zusammengekratzt. Die Stimmung war beim einzigen Weltcup in der Schweiz trotz allem ausgelassen. Vor allem wenn einheimische Athleten im Anflug waren, gab Kuhglockengeläut den Ton auf den Zuschauerrängen an.

          Die Hoffnungen der eidgenössischen Fans auf den Sieg eines Einheimischen - es wäre der erste nach Simon Ammanns letztem Triumph vor sechs Jahren gewesen - erfüllten sich jedoch nicht. Am Ende setzte sich der Slowene Peter Prevc (139,5 und 134 Meter) vor seinem Bruder Domen (133,5 und 134) sowie dem Japaner Noriaki Kasai (131,5 und 134) durch. Richard Freitag wurde als bester Deutscher Vierter (132,5 und 128,5), Severin Freund Achter (133 und 126.).

          Ein ungewöhnlicher Anlauf

          Für Ammann sprang nur der 21. Platz heraus. Das mäßige Resultat nach Sprüngen auf 128 und 125 Meter nahm er gelassen zur Kenntnis. Für ihn sind es momentan die kleinen Fortschritte, auf die er hinarbeitet und über die sich der einstige Überflieger heute freuen kann wie früher über einen großen Coup. Der Routinier unternimmt einen ungewöhnlichen Anlauf, beginnt im Alter von 34 Jahren noch einmal ganz von vorne und versucht, sich als Sportler neu zu erfinden. Ammann hat sein Sprungsystem komplett umgestellt. Neuerdings will er bei der Landung den rechten Fuß nach vorne schieben und nicht mehr den linken, so, wie er es machte, als er Weltmeister, Olympiasieger oder Gesamtweltcup-Gewinner wurde.

          Das klappt bislang nur leidlich. In seiner Karriere glückten dem Familienvater Erfolge in Serie. Einzig das Ziel, einmal bei der Vierschanzentournee ganz oben auf dem Treppchen zu stehen, blieb ihm verwehrt. Und da es gegenwärtig bei ihm noch nicht wieder rund läuft, gehört er bei der Traditionsveranstaltung, die am 29. Dezember in Oberstdorf beginnt, diesmal nicht zum Favoritenkreis.

          Beim letzten Versuch, der Tournee seinen Stempel aufzudrücken, war Ammann krachend gescheitert. Es war am 7. Januar, als er auf der Anlage in Bischofshofen nach einem mächtigen Satz auf 136 Meter die Kontrolle über die Ski verlor und sich überschlug; blutverschmiert war er im Ziel liegen geblieben. Als die Sanitäter mit ihrer Erstversorgung begannen, stand Ehefrau Yana mit dem kurz zuvor geborenen Sohn Theodore auf dem Arm im Publikum in der ersten Reihe. „Das hat Spuren hinterlassen“, räumte er in Engelberg ein. Ammann hatte Glück im Unglück und überstand den Unfall mit Prellungen, Schürfwunden und einer Gehirnerschütterung. Deswegen sagte er unverdrossen: „Ich habe einen schönen Beruf.“ Und er will es sich und den anderen noch einmal beweisen. „Eigentlich fällt mir kein Grund ein, warum ich nicht mehr Skispringer sein sollte.“

          Seine Motivationskraft, schon immer einer seiner Vorteile, scheint ungebrochen. Auf der Suche nach früherer Stabilität durchleuchteten er und seine Betreuer alle bis dahin liebgewonnenen Trainingsprozesse, stellten Routinen in Frage und analysierten sämtliche Details der Flugphase. „Es war ein langwieriger Vorgang, gerade im Kopf“, erzählte er kürzlich dem „Tagesanzeiger“, vergleichbar vielleicht mit der Idee, einen Abiturienten am Ende seiner Schulzeit vom Linkshänder zum Rechtshänder umzuschulen. Wegen eines Innenbandrisses im rechten Bein, erlitten 1998, hatte sich Ammann eine Technik angeeignet, die ihn mit links zu einem prägenden Kopf der Szene machte. Nun heißt es: Kommando zurück! „Eigentlich stelle ich es nur darauf wieder um, wie es schon einmal war. Das Erstaunliche an der Sache ist, dass es mit dem falschen Bein so lange geklappt hat.“

          Auf dem Sprung: Simon Ammann nimmt nochmal Anlauf

          Und wie: 23 Weltcupsiege sind eine eindrucksvolle Bestätigung für den Hobby-Hubschrauberpiloten, für den Skispringen eine Sportart ist, deren Reiz sich auch in ihrer permanenten Dynamik und Innovationsfreude finden lässt: „Um nicht stehenzubleiben, braucht man auch den Wandel.“ Ob seine Pläne bis zu den Winterspielen in Südkorea 2018 reichen - es wäre seine sechste Olympia-Teilnahme - lässt Ammann vorläufig unbeantwortet. Offensiver geht er mit der Frage um, in welchem Metier er seine beruflichen Perspektiven nach der aktiven Laufbahn sieht: Im Herbst gehörte er mit Martin Schmitt zu den Gründern einer Beratungsagentur, die sich zum Ziel setzte, insbesondere Wintersportler offensiver zu vermarkten. Das Konzept klingt so ambitioniert, wie Ammann am liebsten seine Aufgaben angeht. Einer der ersten Kunden: Severin Freund.

          Weitere Themen

          Die Globalisierung der Ökosysteme

          Bioinvasionen : Die Globalisierung der Ökosysteme

          In Europa wird immer noch unterschätzt, wie eingeschleppte Tiere und Pflanzen die Natur verändern. Am Ende verringern Bioinvasionen auch die Artenvielfalt. Ein Prozess, der sich zuletzt stark beschleunigt hat.

          Fanenergie sichtbar machen Video-Seite öffnen

          Neues Spielzeug im Stadion : Fanenergie sichtbar machen

          Wenn die Fans besonders laut schreien, trifft Robert Lewandowski häufiger - könnte eine These lauten, die man mit den neuen Daten überprüfen könnte. Dem Unternehmen Siemens nach geht es aber primär um die Fans - und dass sie noch lauter schreien, als sie es vielleicht ohnehin schon tun.

          Der Löwe von Koblenz

          Fechter Peter Joppich : Der Löwe von Koblenz

          Das Renommee der deutschen Fechter hat gelitten, selbst der viermalige Weltmeister Peter Joppich ist nicht unangefochten. Doch vor dem Heim-Weltcup in Bonn gibt sich der Rheinländer kämpferisch.

          Topmeldungen

          Ein kleiner Fortschritt beim neuen Bahnhof in Stuttgart: Die erste Kelchstütze wurde fertiggestellt. 27 weitere sollen bis 2021 folgen.

          Stuttgart 21 : Ein Fortschritt ist zu sehen!

          Das umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21 befindet sich seit acht Jahren im Bau, ein Bahnhof lässt sich bisher nur erahnen. Nun wurde die erste Kelchstütze fertiggestellt – von insgesamt 28.
          SPD-Vorsitzende Andrea Nahles

          FAZ Plus Artikel: Fremde Federn : Für eine große Sozialstaatsreform

          Wir sollten die staatliche Grundsicherung wieder auf ihren ursprünglichen Kern zurückführen: als soziales Netz, wenn es gar nicht anders geht. Dieses sollte man aber möglichst schnell wieder verlassen können. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.