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Veröffentlicht: 04.01.2013, 09:18 Uhr

Skispringer Anders Jacobsen Eine Kanonenkugel in Hightech-Stiefeln

Anders Jacobsen hatte seine Karriere als Skispringer schon beendet. Unter Trainer Stöckl dominiert er die Vierschanzentournee - auch dank spezieller Schuhe?

von , Innsbruck
© AFP Schwebt über allen: Anders Jacobsen

„Hexenkessel“, findet Alexander Stöckl, sei ein treffender Begriff. Der beeindruckenden Kulisse am Bergisel, findet der aus Tirol stammende und für das norwegische Nationalteam tätige Trainer, sei nicht jeder Skispringer gewachsen. Vor allem, wenn er nicht aus Österreich kommt und die Massen hinter sich weiß. In Innsbruck, so seine Erfahrung, könne es passieren, dass ein Athlet oben auf dem Holzbalken des 50 Meter hohen Turms mit besten Absichten Platz nimmt - und ihm beim Anblick der Zuschauermenge unten im Tal mit einem Schlag das Herz in die Hose rutscht.

Stimmungshochburg Bergisel

Marc Heinrich Folgen:

Innsbruck, die dritte Station der Vierschanzentournee, ist traditionell die Stimmungshochburg. Hier haben in den vergangenen vier Jahren die Athleten des Österreichischen Skiverbandes den Grundstein gelegt für ihren Triumph. An diesem Freitag (13:45 Uhr), wenn der Wettbewerb startet, werden um die 20.000 Besucher erwartet - und viele von ihnen werden eine Menge Radau machen, um ihren Liebling, Gregor Schlierenzauer anzufeuern, auf dass sein ärgster Konkurrent in der Gesamtwertung, Anders Jacobsen, das Nervenflattern bekommen möge.

Vorab gibt sich der Norweger, der die Pole-Position zu verteidigen hat, gelassen: „Schöne Stadt, tolle Schanze, herrliche Atmosphäre. Ich freue mich drauf.“ Jacobsen, der die Tournee schon 2006/2007 gewinnen konnte, hat bei seinem Comeback mit Erfolgen in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen schon mehr erreicht, als er zu hoffen gewagt hatte. „Es ist wie in einem Märchen“, meint der 27-Jährige, der vor allem beim Neujahrsspringen seine Konkurrenten verblüffte. Im ersten Durchgang wäre er von einer Windböe fast vom Himmel gerissen worden und es gelang ihm nur in höchster Not wie einem Rodeoreiter auf den Luftpolstern die Ski im Gleichgewicht zu halten. Und als ob nichts gewesen wäre, ließ er im Finaldurchgang einen Satz auf 143 Meter folgen; eine Weite, die nur 50 Zentimeter unterhalb des Schanzenrekords liegt. Seine Abgeklärtheit und sein Mut gehören zu seinen größten Trümpfen: Jacobsen, der gelernte Klempner, wird von den Teamkollegen „Kanonenkugel von Hønefoss“ genannt.

„Müde von den Reisen“

Im Mai 2011 hatte er eigentlich seine Karriere für beendet erklärt und angekündigt, seine Familie in den Mittelpunkt seines Alltags zu stellen: „Ich war müde von den Reisen und sehnte mich nach Geborgenheit.“ Mit seiner Frau Brigitte und Sohn Isak zog Jacobsen in ein altes Haus, renovierte es mit handwerklichem Geschick selbst und genoss das Leben ohne Trainingsstress und strenge Essenspläne. Nebenbei trat er in der norwegischen Ausgabe der Tanzshow „Let’s Dance“ auf. „Das war zum Spaß. Ich wollte eine andere Art des Medienrummels kennenlernen, um zu sehen, ob ich tough genug bin, einen Idioten aus mir zu machen“, sagt er heute grinsend und fügte hinzu: „Gewonnen habe ich nicht.“

Four Hill jumping tournament Innsbruck - training © dpa Vergrößern Über dem „Goldenen Dachl“: Jacobsen dürfte auch in Innsbruck ganz vorne mitspringen

Dass er vor zwölf Monaten seinen Entschluss revidierte und wieder auf die Schanzen zurückkehrte, lag am Österreicher Stöckl, der seine Heimat verließ, um gegen gute Bezahlung sein Fachwissen in Skandinavien einzusetzen. „Ich habe gespürt, dass er immer noch brennt“, erinnert sich der Coach an die erste Begegnung. Er machte Jacobsen mit eindringlichen Worten deutlich, dass er glaube, dass man gemeinsam bei zielstrebigem Engagement noch Großes erreichen könne. So kehrte das „Kribbeln“, wie es Jacobsen nennt, zurück.

Schon nach zwei Monaten Training gewann er den Landesmeistertitel auf der Normalschanze, seit Saisonbeginn startet er wieder im Weltcup. „Ich habe erst im Frühjahr wieder richtig begonnen und natürlich in allem 110 Prozent gegeben.“ Die Motivation sei aus der Kooperation mit Stöckl erwachsen: „Mit ihm ist es eine perfekte Zusammenarbeit. Alex achtet mehr auf die Emotionen“, meint Jacobsen. Vorgänger Mika Kojonkoski sei dagegen auf die Resultate fokussiert gewesen. „Ich glaube, das ist nicht sehr gesund.“

„Alles regelkonform“

Dabei begegnen gerade die Österreicher dem Rückkehrer auch mit Skepsis. Sie blicken kritisch auf das modifizierte Schuhwerk, das er trägt. Konstruiert wurde es im Sommer von Paul Stöckl, dem Vater von Trainer Alexander. Der Tiefbauingenieur konstruierte im Sommer auf Wunsch des Sohnes in der heimischen Werkstatt ein paar „Wunder-Stiefel“, die auch Schlierenzauer argwöhnen lassen: „Man muss kein blindes Huhn sein, um zu sehen, dass sie auf einmal so konstant springen.“ Der Tournee-Titelverteidiger forderte die Verantwortlichen auf, genauer hinzuschauen. Was sie auch ohne seinen Hinweis schon taten, wie Sepp Kratzer, der Materialkontrolleur des Internationalen Skiverbands (Fis), bestätigt. Es wurde nichts gefunden, was daran auszusetzen wäre: „Alles regelkonform.“

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In den Lederschuhen, die laut Fis-Reglement zum „Innovationsbereich“ zählen, an dem genehmigungspflichtige Änderungen erlaubt sind, geht bei den Norwegern neuerdings die Zunge in eine Art Schienbeinschoner über, um den Fuß wie in einer Manschette zu stabilisieren. Wodurch die Skiführung leichter wird. „Nur deswegen springen wir nicht um Klassen besser“, meint Stöckl, es handele sich lediglich um „ein erlaubtes Hilfsmittel, aber kein Heilmittel“. Eine Erklärung, die Alexander Pointner, den Cheftrainer der Österreicher, nicht zufriedenstellte: „Wir werden ein Auge darauf werfen.“ Können sie, auch in Innsbruck. Jacobsen wird die geheimnisvollen Stöckl-Schuhe beim Showdown am Bergisel auf jeden Fall tragen. Gern sicher auch wieder etwas länger. Denn auch den Sprung bei der Siegerehrung aufs Podium beherrscht er damit bestens.

Quelle: F.A.Z.

 

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