03.01.2009 · Böen gehören zum Skispringen wie Schnee - aber sie drücken Athleten oft zu früh zu Boden. Sensible Skispringer spüren deshalb den Wind, wenn Zuschauer noch Windstille empfinden. Netze sollen nun Abhilfe schaffen.
Von Christiane MoravetzMichael Neumayer war nicht mehr zu bremsen, schleuderte die langen Sprungski in eine Ecke, hieb mit der Faust gegen die Werbewand. Auf Platz 14 hatte er nach dem ersten Durchgang des Neujahrsspringens in Garmisch-Partenkirchen gelegen, hatte sich Hoffnungen gemacht, mit einem guten zweiten Satz wieder unter die zehn Besten zu gelangen. Und dann drehte der Wind - wie meistens, wenn über dem Olympia-Skistadion von Partenkirchen die Sonne hinter den Bergen verschwindet - und drückte ihn und andere Springer ungewollt früh zu Boden. Neumayer landete auf Rang 24, und das Wetter war wieder einmal Thema.
Innsbruck, knapp ein Jahr zuvor: „Heute geht nichts“, sagte schon der Mann an der Einfahrt zum Parkplatz, „heute bläst es.“ Wer sein Leben in Innsbruck verbracht hat, kennt den Wind, der Mülltonnen und Plakate durch die Luft schleudert, und der verhinderte, dass ein Skispringen stattfand. Zum ersten Mal in der Geschichte der Vierschanzentournee mussten die Verantwortlichen kapitulieren, Springen drei und vier fanden in Bischofshofen statt. „Die Bergisel-Schanze ist leider am völlig falschen Platz gebaut worden“, sagt Toni Innauer, nordischer Sportdirektor im Österreichischen Skiverband, „vielleicht hätte man sie gegenüber an den Patscherkofel stellen sollen.“ Doch das Wahrzeichen Innsbrucks, das architektonische Glanzstück, steht nun einmal dort oben am Weg zum Brenner - dem Wind ausgesetzt.
Springer spüren den Wind, wenn Zuschauer Windstille empfinden
Noch einmal wollten sich die Innsbrucker nicht anhören müssen, dass sie nicht alles getan hätten für ihre Veranstaltung. Deshalb ließen sie ein Windnetz installieren, und an diesem Samstag werden die besten Athleten der Welt dessen Bekanntschaft schließen. Das sensible Nervensystem eines Athleten nimmt Wind noch dann wahr, wenn Zuschauer Windstille empfinden.
„Wenn Aktive und Trainer von Wind sprechen, geht es um Auf-und- ab-Bewegungen von Luftverhältnissen während eines Wettkampfes“, sagt Walter Hofer, der Renndirektor des Internationalen Skiverbandes (Fis), „und im Hang einer 300 oder 400 Meter langen Anlage gibt es immer Bewegung.“ Sollte Wind nach dem allgemeinen Verständnis herrschen, „bei einer Höhenströmung von zehn Metern pro Sekunde etwa“, kann ein Wettbewerb ohnehin nicht stattfinden. „Im letzten Jahr hätten wir auch mit einem Windnetz in Innsbruck nicht springen können.“
Die Idee von der überdachten Schanze
Die Diskussion dreht sich um die Sicherheit, vor allem aber um Fairness und Chancengleichheit. Trainer, Athleten und Verbände stecken viel Geld, Zeit und Knowhow in die Vorbereitung, Wissenschaftler werden bemüht, um eine noch bessere Anfahrtsposition, eine noch bessere Lage im Flug zu erreichen, „und damit ein Sportler in der Anlaufspur vielleicht zwei Zehntel schneller ist als der Konkurrent“, so Hofer.
Die Differenz in den Anfahrtsgeschwindigkeiten von rund fünfzig Springern in einem Wettbewerb bewegen sich bei rund 90 Kilometern in der Stunde innerhalb von rund zwei Kilometern pro Stunde, da wirken sich zwei Zehntel spürbar aus. Sie erhöhen die Chancen des Springers auf eine ballistische Flugkurve. Herrscht ein Luftzug von nur einem Meter pro Sekunde, bekommt der Springer mehr Auftrieb und fliegt fünf bis sieben Meter weiter. Schnell sind die Besten nicht mehr die Besten in der Ergebnisliste.
Miran Tepes ist der Herr des Windes
Mit einem Netz, dessen genaue Höhe von etwa sieben oder acht Metern sich nach seinem Standort richtet - ganz nah oder mit ein paar Metern Abstand zum Schanzentisch - werden Windbewegungen um die Hälfte reduziert. Vor allem aber strömt die Luft, die in einem Winkel von 45 Grad über dem Springer gebrochen wird, laminar hinter dem Netz, unerwünschte Böen werden auf ein Mindestmaß reduziert.
Der Herr des Windes im internationalen Skispringen ist der Slowene Miran Tepes, Hofers Assistent. Der Meteorologe und Weltumsegler kennt sich mit Strömungen aller Art aus. Er reiste durch die Lande, stellte eine Liste der Schanzen auf, die durch Windnetze an Qualität gewinnen sollten. Mit dieser Expertise erzeugte die Fis Druck auf die Veranstalter. In Kuusamo und Lahti in Finnland wurden Netze aufgezogen, die Erfahrungen sind positiv.
Fair soll es sein, aber nicht steril
Oberstdorf gehört zu den Wunschkandidaten für solch eine Installation, auch die im Bau befindliche Schanze für die Weltmeisterschaft 2011 in Oslo. Und Garmisch-Partenkirchen. Erst im vergangenen Winter wurde der Neubau der Schanze fertiggestellt. Warum wurde nicht an ein Windnetz gedacht? „Wir verändern mit dem Schanzenbau die Topographie und erzeugen dadurch lokale Klimaereignisse“, sagt Hofer. Und die könne man nicht simulieren, erst feststellen, wenn die Schanze stehe. Deshalb will man im Werdenfelser Land die Erfahrungen von Innsbruck abwarten und gegebenenfalls schon für nächstes Jahr reagieren.
Schon länger spukt die Idee von der überdachten Schanze, von Skispringen in der Halle durch manche Köpfe. Hofer winkt ab: „So schwierig für uns die Wettkämpfe manchmal sind: es gehört zum Skispringen, dass unsere Sportart im Freien stattfindet.“ Die Bilder von - im Idealfall - weißer Landschaft, blauem Himmel über schneebedeckten Bergen erhöhen den Werbewert des Skispringens. „Und deshalb müssen wir den Sport fairer und sicherer machen“, sagt er, „aber nicht steril.“