20.12.2009 · Pascal Bodmer hat sich in der Weltspitze der Skispringer festgesetzt. Das Olympiajahr, so hofft der 18-Jährige, „wird mein Jahr“. Bundestrainer Schuster attestiert ihm jedenfalls „das Zeug, ein Großer zu werden“.
Von Christiane Moravetz, EngelbergAuf einmal war da die Angst, dass es rückwärts gehen könnte. Zurück in die Regionen der Ergebnislisten, die nur eingefleischte Skisprungfans interessieren, die von der breiten Öffentlichkeit nicht wahrgenommen werden. Regionen, aus denen Pascal Bodmer in diesem Winter durchgestartet war nach vorn. „Von null auf hundert“, hatte Bundestrainer Werner Schuster gesagt, als Pascal Bodmer im ersten Weltcup-Wettbewerb des Winters Zweiter in Kuusamo geworden war, „genauso schnell kann es wieder rückwärtsgehen.“ Aber es folgten die Plätze 14 und 5 in Lillehammer, und Bodmer hatte damit schon erreicht, was er als Ziel für den Winter ausgegeben hatte: „Mich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren.“ Ganz schnell wurden die Ansprüche höher, die eigenen, die der anderen, und von der Hoffnung, eine Medaille in Vancouver zu gewinnen, war plötzlich die Rede. Der Bundestrainer bremste: „Es wäre vermessen, davon auszugehen, dass einer, der als besten Weltcupplatz vorher einen um 18 stehen hat und dann auf einmal Zweiter wird, jetzt dauerhaft da vorn bleibt.“
In Engelberg, wo am Freitag das in der vergangenen Woche ausgefallene Springen von Harrachov nachgeholt wurde, klangen diese Worte nach, als Bodmer auf der schwierigen Schweizer Schanze nur 25. wurde. „So wie Kuusamo ein Ausreißer nach oben war, gibt es eben auch Ausreißer nach unten“, sagte Schuster. „Aber er wird wieder für ein Highlight sorgen, das wird nicht so lange dauern.“ Schon am Samstag wurden die Mienen wieder heller: Bodmer verpasste als Elfter zwar knapp einen Platz unter den Top Ten: den nahm ihm Martin Schmitt als Zehnter weg. Aber als Sechster in der Gesamtwertung ist Bodmer bester Deutscher im noch frischen Weltcup-Winter und hat sich damit in der Weltelite festgesetzt. Und an diesem Sonntag (13:45 Uhr) hat er die nächste Chance, sich auf der Großschanze von Engelberg zu beweisen.
Er jubelt nicht überschwänglich, er schimpft nicht öffentlich
Der junge Mann, der am 4. Januar 19 Jahre alt wird, bleibt gelassen im Erfolg und gelassen in der Niederlage. Er jubelt nicht überschwänglich, er schimpft nicht öffentlich. „Er ist ein unbeschwerter Typ, der nicht unnötig zweimal über die Dinge nachdenkt“, sagt Schuster. Bodmers Heimtrainer Rolf Schilli nennt es „nicht verkopft“. Er sei einer, „der die Sache nicht verkompliziert. Und das ist viel wert.“ Bodmer stammt von der Schwäbischen Alb, lernte mit sechs Jahren Ski fahren, kurz danach nahm ihn sein älterer Bruder Patrick mit zum Springen. Als die Schanze daheim in Meßstetten zu klein wurde, wechselte Bodmer ins Skigymnasium nach Furtwangen. Damals träumte er davon, einmal so zu fliegen wie Martin Schmitt. „Er war mein Vorbild, jetzt ist er Teamkollege geworden.“ Bodmer, der im Sommer die Schule abgeschlossen hat und seit Oktober Sportsoldat ist, trainiert mit Schmitt in Hinterzarten, auf Reisen teilen sie das Zimmer. „Martin lebt einem das Leben eines Leistungssportlers vor.“ Er sei außerdem keiner, der doziere und Vorträge halte, er könne gut zuhören.
Diese Qualität schätzen die Betreuer auch an Bodmer. Er nehme Kritik an, arbeite sehr gut mit und versuche, Dinge, die im Training angesprochen werden, auch sofort umzusetzen, sagt Schilli. Er und Schuster nennen Pascal Bodmer ein Talent, „aber ein Talent, das hart arbeitet“. Nein, ein Überflieger wie der Österreicher Gregor Schlierenzauer sei er nicht, ihm falle nichts so einfach in den Schoß.
Noch hat sich Bodmer seine Unbeschwertheit bewahrt
Die Stärke des Skispringers Bodmer ist seit jeher der Absprung, und er hat versucht, auch den im Sommer weiter zu verbessern. Mit Hilfe von Werten, die das Institut für Angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig liefert, sollte der Abstand zwischen Körper und Ski weiter verringert werden. Noch klappt es nicht in jedem Sprung, die Theorie von rund 85 Grad in die Praxis umzusetzen. „Bodmer hat definitiv seine Stärken, er ist ein guter Athlet, er hat ein gutes Fluggefühl – aber er muss an seinem Körper, eigentlich an allem arbeiten“, sagt Schuster. Vor allem hat sich Bodmer eine Unbeschwertheit bewahrt, mit der er das Feld der arrivierten Skispringer, nicht nur national, gesprengt hat. Bodmer hat sich hohe Ziele gesetzt und geht unbekümmert darauf los. Er erstarrt nicht vor den großen Namen. „Er denkt nicht, wenn er oben am Anlauf etwa neben dem Norweger Romören die Ski anzieht: Der ist sowieso besser als ich, das ist der Weltrekordhalter“, sagt Schuster, „er sagt: Mach du mal, aber ich kann’s auch.“
Solche Typen brauche das deutsche Skispringen, sagt der Bundestrainer. Auch deswegen ist Bodmer sofort ein selbstverständlicher Teil der Mannschaft geworden, hat sich ohne Schwierigkeiten integriert. Ausgeglichen, in sich ruhend, geht er seinen Weg und schafft es, die „Alten“ wie Uhrmann, Neumayer und Schmitt mitzureißen. „Er hat definitiv das Zeug, ein Großer zu werden“, sagt Schuster. „Die Luft zu spüren, die Höhe zu genießen und möglichst weit runter zu fliegen“ macht für Bodmer den Reiz des Skispringens aus. Das Olympiajahr, so hofft er, „wird mein Jahr“. Die Sache hat sich gut angelassen, „und jetzt arbeite ich daran, dass es nicht wieder rückwärts geht.“