Ein halber Meter nur fehlte Maximilian Mechler, und er wäre ein "richtiger" Skispringer geworden. Immer wieder hören die jungen Männer, daß sie erst so richtig ernst genommen werden, wenn sie einmal auf 200 Meter oder mehr hinuntergeflogen sind. Doch fünfzig Zentimeter hin oder her: Maximilian Mechler aus Isny hat seine Feuertaufe mit Bravour bestanden. Wie sein ebenfalls gerade zwanzigjähriger Mannschaftskamerad Stephan Hocke (Oberhof) stürzte er sich in Oberstdorf zum ersten Mal in seiner Karriere von einer Skiflugschanze in die Tiefe: Beim Weltcupfliegen am Samstag kam Mechler auf Rang zehn, Hocke auf sechzehn. Georg Späth (Oberstdorf) wurde auf der Heini-Klopfer-Schanze Vierter, Martin Schmitt (Furtwangen) Elfter, Michael Uhrmann (Rastbüchl) Zwölfter.
"Ich führe solche Statistiken normalerweise nicht, aber diesmal habe ich es getan: Wäre das heute die WM gewesen, wären wir Mannschafts-Weltmeister geworden." Rudi Tusch, der Technische Leiter Nordisch im Deutschen Skiverband, sah offensichtlich Handlungsbedarf. Wieder einmal, wie schon mehrfach in diesem Winter, sieht sich die Mannschaftsführung in eine falsche Ecke gedrängt. Und wieder ist Sven Hannawald im Spiel. Da können andere noch so gut, noch so erfolgreich springen: Der Skiflug-Weltmeister ist auch in seiner Abwesenheit Gesprächsthema Nummer eins; er macht sich selbst dazu.
„Ich werde meinen Senf dazugeben, bis er allen aus den Ohren quillt"
Nach einer enttäuschenden Vierschanzentournee, nach seinem Absturz auf Platz dreißig beim Springen in Zakopane Mitte Januar reiste Hannawald ab. Bundestrainer Wolfgang Steiert verordnete ihm eine Auszeit. Hannawald flog mit dem Mann, der bis zu dieser Saison in erster Linie sein Heimtrainer war, und mit der Physiotherapeutin zum Spezialtraining nach Norwegen. Er wurde abgeschottet, schottete sich ab. "In meinem Schneckenhaus ist keiner außer mir", sagte er, als er sich entschlossen hatte, wieder Laut zu geben. Und dann wurde er deutlich: "Wir hatten im Sommer andere Voraussetzungen als in den Jahren vorher. Das wissen die auch, daß es sportspezifisch im Training nicht so gut war. Aber wir gehen bis zum 14. März jetzt ohne Querelen da durch." Die Botschaft erreichte Steiert, Tusch und die anderen Verantwortlichen in Oberstdorf über das Fernsehen. Hannawald nutzte seinen "Haussender" RTL zu der Drohung: Wartet nur, bis die Saison zu Ende ist, dann gibt es Ärger. "Und ich werde meinen Senf dazugeben, bis er allen aus den Ohren quillt."
Steiert, der auch in Oberstdorf keinen Zweifel daran ließ, wie wichtig Hannawald für den DSV ist ("Mein Siegspringer sitzt zu Hause"), telefonierte am Samstag mit ihm und versuchte anschließend zu beschwichtigen. Die Botschaft klingt nicht neu: Hannawald sei überrascht, was er da losgetreten habe, er habe es alles nicht so gemeint, wie er es gesagt habe. "Das Problem ist ausgeräumt, es war eigentlich gar keines", sagte Steiert. In der Saisonvorbereitung haben sich die Trainer nichts vorzuwerfen: Man habe bewußt mehr aerobe Ausdauer trainiert, auf die Erholungsfähigkeit zwischen den Wettbewerben hingearbeitet, erklärt Tusch. Und Steiert weist darauf hin, daß es so falsch nicht gewesen sein konnte, Hannawald habe schließlich zu Beginn der Weltcup-Saison eine gute Form gehabt. "Wir schaffen uns hier einen Nebenkriegsschauplatz, den wir gar nicht gebrauchen können. Diese Kritik kommt zum völlig falschen Zeitpunkt", sagte Tusch.
„Er wird schon noch mit uns reden“
Die Mannschaftskameraden von Hannawald bleiben gelassen: "Er wird schon noch mit uns reden", sagte Michael Uhrmann. "Wir haben zwar anders trainiert im Sommer, aber das war Absicht." Georg Späth fühlt sich gut in Schuß gebracht mit dem Sommertraining. "Wir werden uns nach der Saison wie immer zusammensetzen", sagte Martin Schmitt. Kritik bringt er in einem Nachsatz unter: "Vielleicht war der Sven einfach nicht vorsichtig genug, was er gesagt hat." Der Bundestrainer hofft, seinen Star beim Weltcup am kommenden Wochenende in Willingen am Start zu haben. "Vor allem aber brauchen wir ihn bei der Weltmeisterschaft in Planica", sagte er in den Tagen von Oberstdorf. Nach dem Samstag können sie auch rein rechnerisch auf Hannawald verzichten.