Home
http://www.faz.net/-gtl-751n5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Skispringen Sehnsucht nach dem alten Duell

Die Skispringer von Bundestrainer Werner Schuster präsentieren sich in dieser Saison bisher in herausragender Verfassung. Auch beim Nachbarn Österreich registriert man die neue Stärke der deutschen Athleten.

© dpa Vergrößern Stabile Lage: Bei Severin Freund stimmen im Moment alle Komponenten

Von äußeren Einflüssen haben sich die deutschen Skispringer bislang nicht aus dem Konzept bringen lassen. Bei den ersten drei Wettkämpfen der Saison präsentierten sich die in der Vorbereitung spürbar gereiften Athleten von Bundestrainer Werner Schuster in herausragender Verfassung. Körperlich und geistig. Weder Windböen im norwegischen Lillehammer noch die arktische Kälte von bis zu minus zwanzig Grad Celsius im finnischen Kuusamo oder die neue Anlaufspur im Olympia-Park im russischen Sotschi konnten sie ernsthaft bei ihrer angestrebten Rückkehr in die Weltspitze irritieren.

Marc Heinrich Folgen:  

An diesem Wochenende, wenn in Engelberg die Generalprobe für die Vierschanzentournee stattfindet, können sie nun zeigen, wie sie mit der gewachsenen Erwartungshaltung und den Begleiterscheinungen, die der endgültige Wintereinbruch in den Alpen mit sich brachte, zurechtkommen: Annähernd ein halber Meter Neuschnee säumt aktuell die Wege in dem Schweizer Klosterdorf, an dessen Rändern in den vergangenen Tagen wiederholt Lawinen niedergingen. Zu der Traditionsveranstaltung vor malerischer Kulisse werden dessen ungeachtet Tausende Besucher erwartet.

Mit einem vernünftigen Maß an Realitätssinn

Bis Sonntag, so wurde es in den Teamleiterbesprechungen der Skispringer angekündigt, werden weitere ausgiebige Niederschläge erwartet. Die Aufsprunghügel der Titlis-Schanze muss pausenlos mit der Muskelkraft freiwilliger Helfer und einer Pistenraupe so planiert werden, dass die Springer bei der Landung auf unwägbarem Untergrund nicht die Kontrolle verlieren und schlechte Haltungsnoten riskieren. Schuster sieht seine Leute in der Verfassung, den Aufwärtstrend auch unter diesen schwierigen Bedingungen fortzusetzen. „Als Mannschaft sind wir ein Stück weiter. Wir haben junge Springer dazubekommen, die sehr belebend sind. Und die Etablierten sind gesund und so gut in Form, dass sie vorne mitmischen können“, beschrieb der Österreicher Schuster die komfortable Lage, die er in vergleichbarer Form in den vergangenen fünf Jahren seiner Tätigkeit für den Deutschen Ski-Verband (DSV) noch nicht erlebt hat.

German ski jumping head coach Schuster looks up the hill during a trial round of the Sochi Ski Jumping World Cup tournament in Krasnaya Polyana © REUTERS Vergrößern Der Österreicher Schuster lässt der Aufbruchstimmung seiner deutschen Schützlinge viel Freiraum

In den fünf Einzelwettbewerben bisher gab es durch Severin Freund zwei Siege; hinzu kamen Plätze auf dem Siegertreppchen von seinen Mitstreiter Richard Freitag (Aue) und Andreas Wellinger (Ruhpolding) sowie der Gewinn des Teamspringens in Kuusamo. Der aus Rastbüchl in Niederbayern stammende Freund trägt als erster Deutscher seit Sven Hannawald 2002 das Gelbe Trikot des Weltcup-Spitzenreiters - und das noch immer ungewohnte Gefühl des Erfolgs weckte bei dem Vierundzwanzigjährigen Lust auf mehr: „Ein WM-Titel oder Olympiasieg sind extrem viel wert. Aber der Gesamt-Weltcupsieg ist die höchste Auszeichnung für einen Skispringer“, sagte der Bayer, der zufrieden registriert, dass sich der frühzeitige Trainingsbeginn, die ungezählten Überstunden beim Testen im Sommer-Grand-Prix und die Umstellung auf die engeren Anzüge bezahlt machen: „Langsam geht es auf. Das Schöne ist, dass nicht nur ich alleine aufs Podest springen kann. Das macht unsere Mannschaft extrem stark. So kann es weitergehen.“

Mehr zum Thema

Schuster lässt der Aufbruchstimmung viel Freiraum, legt in Einzelgesprächen aber Wert auf ein vernünftiges Maß an Realitätssinn, um auf zweifellos kommende unerfreuliche Momente vernünftig vorbereitet zu sein: „Wir freuen uns darüber, dass wir Interesse wecken konnten. Aber man darf jetzt nicht glauben, dass wir alles in Grund und Boden springen werden. Die anderen werden auch wieder zurückschlagen.“

„Ich finde es höchst interessant, was da passiert“

Dieses Ziel verfolgen insbesondere die Österreicher, die in den zurückliegenden Jahren stets das Maß der Dinge im Skispringen verkörperten. Das Team Austria, das den Mitbewerbern des DSV bei allen Gelegenheiten traditionell mit besonderer Rivalität begegnet, registriert den Fortschritt des Nachbarn mit Anerkennung: „Sie springen im Kollektiv extrem sauber und strotzen zu Recht vor Selbstvertrauen“, sagt Gregor Schlierenzauer, der sich als Titelverteidiger bei der Vierschanzentournee auf eine Machtprobe mit Schusters Leuten einstellt.

Ski Jumping World Cup in Sochi © dpa Vergrößern Deutsch-österreichisches Siegertreppchen: Richard Freitag und Andreas Wellinger umrahmen den Österreicher Andreas Kofler

Auch Alexander Pointner attestierte Landsmann Schuster achtbare Arbeit: „Ich finde es höchst interessant, was da passiert. Man kann ihm dazu nur gratulieren“, sagte der österreichische Chefcoach, der der spannender gewordenen Situation viel Positives abgewinnen kann. „Es kann uns in diesem Sport nichts Besseres passieren, als wenn das Duell Österreich gegen Deutschland wieder auflebt.“ Auch die Vierschanzentournee wird bald von der wiederbelebten Konkurrenz profitieren: Die Organisatoren in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen melden die besten Vorverkaufszahlen seit den Hoch-Zeiten von Sven Hannawald und Martin Schmitt vor zehn Jahren.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt Der Wunderheiler hat fertig

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt war kein Mannschafsarzt. Der Doc von Bayern München war Vertrauensarzt vieler Generationen deutscher Spitzensportler. Auch ein wirtschaftliches Scheitern konnte seinem Ruf nichts anhaben. Nun geht er vor Guardiola in die Knie. Mehr

17.04.2015, 12:20 Uhr | Sport
Skifliegen in Vikersund Rekord-Show mit Freund und Fannemel

In Vikersund zeigen die Skispringer eine historische Show. Ein Norweger knackt den erst einen Tag alten Weltrekord und segelt unglaubliche 251,5 Meter. In die Hauptrolle auf dem Monsterbakken schlüpft dennoch Severin Freund. Mehr

15.02.2015, 20:20 Uhr | Sport
Germanwings-Absturz Noah hilft nach jedem Unglück

Terroranschläge, Busunglücke, Tsunamis – wenn der Ausnahmezustand herrscht, koordinieren die Mitarbeiter eines Bonner Amtes die Hilfe für Angehörige. So auch jetzt nach dem Germanwings-Absturz. Ein Besuch. Mehr Von Claus Peter Müller, Bonn

07.04.2015, 14:09 Uhr | Gesellschaft
Videografik Flugschreiber - Robuste Zeugen

Ob die Ursache des Absturzes der Germanwings-Maschine in den Alpen aufgeklärt werden kann, hängt nicht zuletzt von den beiden Flugschreibern ab. Eines der Geräte zeichnet alle technischen Angaben wie Geschwindigkeit oder Flughöhe auf, das andere die Gespräche im Cockpit. Die Geräte sind auf extreme Belastungen ausgelegt. Mehr

26.03.2015, 10:38 Uhr | Gesellschaft
Grüne Vergangenheit Pädophiles Waterloo

Werner Vogel war einst ein Star bei den Grünen. Der ehemalige SA-Kämpfer galt als graue Eminenz der Partei. Trotzdem wurde er nicht Alterspräsident des Bundestages. Auch weil einige Parteifreunde seine sexuelle Vorliebe für Kinder kannten. Mehr Von Christian Füller, Berlin

09.04.2015, 11:54 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 15.12.2012, 11:13 Uhr

Bayerischer Kunstfehler

Von Daniel Meuren

Guardiola hat kontinuierlich auf eine Trennung von Müller-Wohlfahrt hingearbeitet. Als Sieger des Machtkampfs darf der Trainer sich freilich nicht fühlen: Der Abschied des Arztes kommt im denkbar ungünstigsten Augenblick. Mehr 30 17