http://www.faz.net/-gtl-751n5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 15.12.2012, 11:13 Uhr

Skispringen Sehnsucht nach dem alten Duell

Die Skispringer von Bundestrainer Werner Schuster präsentieren sich in dieser Saison bisher in herausragender Verfassung. Auch beim Nachbarn Österreich registriert man die neue Stärke der deutschen Athleten.

von
© dpa Stabile Lage: Bei Severin Freund stimmen im Moment alle Komponenten

Von äußeren Einflüssen haben sich die deutschen Skispringer bislang nicht aus dem Konzept bringen lassen. Bei den ersten drei Wettkämpfen der Saison präsentierten sich die in der Vorbereitung spürbar gereiften Athleten von Bundestrainer Werner Schuster in herausragender Verfassung. Körperlich und geistig. Weder Windböen im norwegischen Lillehammer noch die arktische Kälte von bis zu minus zwanzig Grad Celsius im finnischen Kuusamo oder die neue Anlaufspur im Olympia-Park im russischen Sotschi konnten sie ernsthaft bei ihrer angestrebten Rückkehr in die Weltspitze irritieren.

Marc Heinrich Folgen:

An diesem Wochenende, wenn in Engelberg die Generalprobe für die Vierschanzentournee stattfindet, können sie nun zeigen, wie sie mit der gewachsenen Erwartungshaltung und den Begleiterscheinungen, die der endgültige Wintereinbruch in den Alpen mit sich brachte, zurechtkommen: Annähernd ein halber Meter Neuschnee säumt aktuell die Wege in dem Schweizer Klosterdorf, an dessen Rändern in den vergangenen Tagen wiederholt Lawinen niedergingen. Zu der Traditionsveranstaltung vor malerischer Kulisse werden dessen ungeachtet Tausende Besucher erwartet.

Mit einem vernünftigen Maß an Realitätssinn

Bis Sonntag, so wurde es in den Teamleiterbesprechungen der Skispringer angekündigt, werden weitere ausgiebige Niederschläge erwartet. Die Aufsprunghügel der Titlis-Schanze muss pausenlos mit der Muskelkraft freiwilliger Helfer und einer Pistenraupe so planiert werden, dass die Springer bei der Landung auf unwägbarem Untergrund nicht die Kontrolle verlieren und schlechte Haltungsnoten riskieren. Schuster sieht seine Leute in der Verfassung, den Aufwärtstrend auch unter diesen schwierigen Bedingungen fortzusetzen. „Als Mannschaft sind wir ein Stück weiter. Wir haben junge Springer dazubekommen, die sehr belebend sind. Und die Etablierten sind gesund und so gut in Form, dass sie vorne mitmischen können“, beschrieb der Österreicher Schuster die komfortable Lage, die er in vergleichbarer Form in den vergangenen fünf Jahren seiner Tätigkeit für den Deutschen Ski-Verband (DSV) noch nicht erlebt hat.

German ski jumping head coach Schuster looks up the hill during a trial round of the Sochi Ski Jumping World Cup tournament in Krasnaya Polyana © REUTERS Vergrößern Der Österreicher Schuster lässt der Aufbruchstimmung seiner deutschen Schützlinge viel Freiraum

In den fünf Einzelwettbewerben bisher gab es durch Severin Freund zwei Siege; hinzu kamen Plätze auf dem Siegertreppchen von seinen Mitstreiter Richard Freitag (Aue) und Andreas Wellinger (Ruhpolding) sowie der Gewinn des Teamspringens in Kuusamo. Der aus Rastbüchl in Niederbayern stammende Freund trägt als erster Deutscher seit Sven Hannawald 2002 das Gelbe Trikot des Weltcup-Spitzenreiters - und das noch immer ungewohnte Gefühl des Erfolgs weckte bei dem Vierundzwanzigjährigen Lust auf mehr: „Ein WM-Titel oder Olympiasieg sind extrem viel wert. Aber der Gesamt-Weltcupsieg ist die höchste Auszeichnung für einen Skispringer“, sagte der Bayer, der zufrieden registriert, dass sich der frühzeitige Trainingsbeginn, die ungezählten Überstunden beim Testen im Sommer-Grand-Prix und die Umstellung auf die engeren Anzüge bezahlt machen: „Langsam geht es auf. Das Schöne ist, dass nicht nur ich alleine aufs Podest springen kann. Das macht unsere Mannschaft extrem stark. So kann es weitergehen.“

Mehr zum Thema

Schuster lässt der Aufbruchstimmung viel Freiraum, legt in Einzelgesprächen aber Wert auf ein vernünftiges Maß an Realitätssinn, um auf zweifellos kommende unerfreuliche Momente vernünftig vorbereitet zu sein: „Wir freuen uns darüber, dass wir Interesse wecken konnten. Aber man darf jetzt nicht glauben, dass wir alles in Grund und Boden springen werden. Die anderen werden auch wieder zurückschlagen.“

„Ich finde es höchst interessant, was da passiert“

Dieses Ziel verfolgen insbesondere die Österreicher, die in den zurückliegenden Jahren stets das Maß der Dinge im Skispringen verkörperten. Das Team Austria, das den Mitbewerbern des DSV bei allen Gelegenheiten traditionell mit besonderer Rivalität begegnet, registriert den Fortschritt des Nachbarn mit Anerkennung: „Sie springen im Kollektiv extrem sauber und strotzen zu Recht vor Selbstvertrauen“, sagt Gregor Schlierenzauer, der sich als Titelverteidiger bei der Vierschanzentournee auf eine Machtprobe mit Schusters Leuten einstellt.

Ski Jumping World Cup in Sochi © dpa Vergrößern Deutsch-österreichisches Siegertreppchen: Richard Freitag und Andreas Wellinger umrahmen den Österreicher Andreas Kofler

Auch Alexander Pointner attestierte Landsmann Schuster achtbare Arbeit: „Ich finde es höchst interessant, was da passiert. Man kann ihm dazu nur gratulieren“, sagte der österreichische Chefcoach, der der spannender gewordenen Situation viel Positives abgewinnen kann. „Es kann uns in diesem Sport nichts Besseres passieren, als wenn das Duell Österreich gegen Deutschland wieder auflebt.“ Auch die Vierschanzentournee wird bald von der wiederbelebten Konkurrenz profitieren: Die Organisatoren in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen melden die besten Vorverkaufszahlen seit den Hoch-Zeiten von Sven Hannawald und Martin Schmitt vor zehn Jahren.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Verschollener Erotik-Roman Ein wahnsinniges Stück Prosa

Rudolf Borchardt war das Inbild des konservativen, ordentlichen Autors. Doch er hat einen pornographischen Roman geschrieben, der bislang verschollen war. Die Erben rücken ihn nicht heraus. Fürchten sie die Frivolität? Mehr Von Jan Wiele

19.05.2016, 19:34 Uhr | Feuilleton
Kathmandu Ausschreitungen bei Protesten in Nepal

In der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu ist es am Montag bei einer Demonstration zu Ausschreitungen zwischen Polizei und Demonstranten gekommen. Die Proteste der ethnischen Minderheit der Madhesi richten sich gegen die neue Verfassung. Mehr

16.05.2016, 12:13 Uhr | Politik
Mario Gomez Ich will so hoch hinaus wie möglich

Für Mario Gomez beginnt mit dem Vorbereitungs-Trainingslager in Ascona der Kampf um einen Platz in der Nationalmannschaft. Im Interview spricht der Torjäger über gewünscht 26 Männer im Arm und seinen Heldenstatus in Istanbul. Mehr

25.05.2016, 14:09 Uhr | Sport
Europas Unterwelten Der Lac Souterrain

Der Lac Souterrain unter dem Dorf Saint-Léonard in den Alpen ist der größte natürliche unterirdische See Europas. Seine Schönheit und mystische Atmosphäre ziehen jedes Jahr rund 80.000 Besucher in ihren Bann. Mehr

23.05.2016, 10:58 Uhr | Reise
Real-Spieler Toni Kroos Das ist schon unfassbar

Als erster deutscher Spieler gewinnt Toni Kroos mit zwei Vereinen die Champions League. Nach dem Elfmeter-Drama gegen Atlético spricht er über diesen besonderen Triumph, seine Auswechslung und die EM. Mehr

29.05.2016, 09:43 Uhr | Sport

Fifa im Hinterzimmer

Von Anno Hecker

Wer glaubt, die Fifa habe endlich gelernt und sei auf dem Weg, ihre vollmundigen Reformversprechen umzusetzen, der muss sich revidieren. Aber ist diese Erkenntnis eine Überraschung? Mehr 0

Leserfavoriten Sport