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Skispringen Mit Silber-Blick auf Gold schielen

 ·  Nach der Medaille trat Martin Schmitt wieder mit der aus seinen besten Zeiten gewohnten Eloquenz auf, und alle konnten sehen: Er ist der Chef im Team. Geschickt verteilte er den Ruhm auf die Kameraden und die Trainer.

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Thomas Müller und Rudi Höller sind zwar keine Skispringer, aber als Gewinner des Mannschaftswettbewerbs von der kleinen Schanze fühlten sie sich auch. Die beiden bilden die Führungsspitze des WM-Organisationskomitees, und Müller liegt zudem als Bürgermeister das Wohl von Oberstdorf am Herzen.

Nach der Silbermedaille des deutschen Teams rechnen die Verantwortlichen mit einem wirtschaftlichen Aufschwung für die Titelkämpfe - ausverkauft war bislang nämlich noch nicht ein einziger Wettbewerb. Michael Neumayer, Martin Schmitt, Georg Späth und Michael Uhrmann, am Sonntag abend Zweite hinter dem österreichischen Quartett, haben sich also wohl nicht bloß in sportlicher Hinsicht um die Bilanz der WM 2005 verdient gemacht.

„Georg ist der Coolste“

Der Stoßseufzer von Bundestrainer Peter Rohwein - "Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen" - hätte auch vom Bürgermeister kommen können. Rohwein ging sogar noch weiter: "Vor dem Finale ist mir fast das Herz in die Hose gerutscht. Der starke Schneefall hat mir Kopfzerbrechen bereitet, denn mit unserem Material sind wir bei solchen Bedingungen eher benachteiligt."

Doch an Ski und Springern gab es letztlich nichts auszusetzen, und zwei Athleten hob der Trainer besonders hervor: "Martin ist schon jetzt der Gewinner der WM für mich, und Georg ist der Coolste in der Mannschaft. Er hat zum richtigen Zeitpunkt die richtige Leistung gezeigt." Aufgabe des Oberstdorfers Späth war es gewesen, als Schlußspringer die deutsche Plazierung vor den Slowenen abzusichern. Am Ende umarmten sich Österreicher und Deutsche gegenseitig, was viel von der Anspannung hinter den Kulissen verriet.

Medaille zur Konsolidierung

Die Österreicher waren bei den Olympischen Winterspielen 2002 und bei der letzten WM ohne Medaille geblieben, bekamen in dem jungen Alexander Pointner einen neuen Trainer und warteten nun dringend auf einen Erfolg. Im Einzelwettbewerb von Oberstdorf setzte sich zunächst die schwarze Serie fort, dann kam die Erlösung. Die Deutschen haben seit 2003 sogar zwei Trainerwechsel hinter sich und brauchten zur Konsolidierung ebenfalls eine Medaille.

Toni Innauer, der österreichische Mannschaftsleiter, gab preis, wie brenzlig die Situation in seinen Augen gewesen war: "Wir mußten alles tun, um einen Zusammenbruch zu verhindern, ohne Medaille hätte der uns gedroht." Trainer Pointner habe auf eine gewagte Aufstellung gesetzt, mit dem Reservisten Wolfgang Loitzl als Startspringer. Innauer ließ ihn gewähren in dem Bewußtsein, daß er selbst bei einem neuerlichen Scheitern als Skisprung-Autorität seines Landes beschädigt worden wäre: "Wenn es wieder nicht geklappt hätte, hätte ich auch nicht mehr weitergewußt."

„Nicht ganz einfach, in Deutschland Skisprungtrainer zu sein"

Daß auch die deutschen Trainer und Funktionäre eher in nachdenklicher als in überschwenglicher Stimmung waren, lag an der vorangegangenen psychischen Belastung. "Ich habe ganz gemischte Gefühle", sagte Rohwein. Daß seine Kompetenz als Trainer in den zurückliegenden Wochen vielfach in Frage gestellt worden war, sei ihm an die Nieren gegangen. "Es gibt ja sehr viele schlaue Leute, die alles besser wissen."

Namen nannte er nicht, aber die Fernsehzuschauer kennen einige von ihnen. Rohweins Kritiker bekommen teilweise als Experten beim Fernsehen ihre Bühne. "Es ist nicht ganz einfach, in Deutschland Skisprungtrainer zu sein", stellte er fest. "Ich mußte viel auf meine Schultern laden." Wieviel Kraft es ihn gekostet hat, sein Programm gegen alle Zweifel und Widerstände durchzuziehen, war ihm anzusehen.

Schmitt ist wieder Chef im Team

Als sich Martin Schmitt öffentlich bei ihm für die Unterstützung bedankte, hätte Rohwein vor Rührung fast geweint. "Die Umstände machen diese Medaille besonders", meinte Schmitt, der immerhin schon viermal Weltmeister war. Seit den Winterspielen von 2002 war ihm kaum ein überzeugender Wettkampf mehr gelungen. Der Aufschwung von Oberstdorf sei "persönlich arg wichtig" gewesen. Ob es in Deutschland auch nicht ganz einfach sei, Skispringer zu sein, wurde Schmitt gefragt, doch er wehrte ab: "Ich möchte mich über die Situation bei uns nicht beklagen, das Skispringen hat einen hohen Stellenwert. Kritik muß man ebenso akzeptieren wie positive Schlagzeilen." Manches gehe zwar unter die Gürtellinie. "Das muß man wegstecken, da muß man drüberstehen", sagte der 27 Jahre alte Athlet.

Am Sonntag trat Schmitt wieder mit der aus seinen besten Zeiten gewohnten Eloquenz auf, und alle konnten sehen: Er ist der Chef im Team. Geschickt verteilte er den Ruhm auf die Kameraden und die Trainer. Neben Rohwein ("Er hat den richtigen Weg gefunden") stellte er vor allem Rolf Schilli heraus, mit dem er zu Hause im Schwarzwald verbissen gearbeitet hat. Schilli führte ihm unter anderem Filme mit seinen besten Flügen aus den Jahren 1999 bis 2001 vor, verbot ihm jede Lektüre, ob in Zeitungen oder im Internet, und konnte so offenbar bei Schmitt die schlechten Gedanken wie die falschen Bewegungsmuster verbannen.

"Ein wahnsinnig schönes Gefühl" sei solch ein gelungener Wettkampf, sagte der Springer. Er zeigte sich angriffslustig; auf der Großschanze wolle man um Gold springen. Bundestrainer Rohwein fühlte sich am Sonntag ebenfalls erstmals in der Lage, optimistisch in die Zukunft zu schauen: "Ich habe schon unser Programm für den nächsten Sommer und für die olympische Saison im Hinterkopf. Ich denke, daß wir dann wieder öfter Spitzenleistungen abrufen können, nicht nur punktuell, wie jetzt in Oberstdorf." Im Allgäu ist man erst einmal heilfroh über die Punktlandung der deutschen Skispringer.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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