19.01.2012 · Kitzbühel ist der magische Ort in Didier Cuches langer Karriere. Mit 37 Jahren gibt der Prototyp des Abfahrers hier seinen Rücktritt bekannt.
Von Bernd Steinle, KitzbühelEr hat also Kitzbühel gewählt, um sein Karriereende zu verkünden, den Ort, der wie kein zweiter für Faszination und auch Schrecken des alpinen Skirennsports steht. Den Ort, an dem Didier Cuche 1998 in der Sprint-Abfahrt seinen ersten Weltcup-Sieg feierte, und den Ort, an dem er nun am Samstag, 14 Jahre später, als erster Skirennfahrer zum fünften Mal Abfahrtssieger werden kann. So oder so, es wird sein letzter Auftritt sein auf der Streif, die viele als die schwierigste und gefährlichste Strecke im Weltcup erachten. Am Donnerstag gab der Mann, der seit Jahren mit seiner bulligen Art, der spektakulären Fahrweise und der perfekten Sprungtechnik als Prototyp des Abfahrers gilt, im Alter von 37 Jahren seinen Rücktritt zum Ende der Saison bekannt.
„Es ist ein sehr emotionaler Moment und ein wichtiger Meilenstein meiner Karriere und meines Lebens“, sagte der Schweizer. „Meine Karriere war geprägt von vielen Höhen und schönen Erlebnissen, und Kitzbühel ragte da immer speziell heraus“, sagte er. „Es war eine große Genugtuung für mich, hier mehrmals zu gewinnen. Deshalb habe ich mich entschieden, hier mitzuteilen, dass ich einen neuen Lebensabschnitt beginne.“ Er habe sich schon länger mit der Frage seines Rücktritts beschäftigt, „und zuletzt war ich deshalb vielleicht nicht immer ganz frei im Kopf“. Dennoch ist er überzeugt, dass er den Schritt zum richtigen Zeitpunkt tut. „Ich bin fit und gesund, ich kann vorne mitfahren und Rennen gewinnen. Auf diesem Niveau möchte ich gerne zurücktreten.“ Cuche gewann in diesem Winter die erste Weltcup-Abfahrt in Lake Louise, am Mittwoch war er auch im zweiten Trainingslauf in Kitzbühel der Schnellste.
Dabei hatte der Mann, der mit 37 Jahren als ältester Fahrer überhaupt eine Weltcup-Abfahrt gewann, in der vergangenen Woche noch eine schmerzhafte Niederlage verkraften müssen - bei der Lauberhorn-Abfahrt in Wengen, seinem Heimrennen, das er trotz aller sonstigen Erfolge nie gewinnen konnte, landete er nur auf Rang 15, als sechstbester Schweizer. Danach gab es Stimmen, die das Ende seiner großen Zeit verkündeten. Cuche nahm es gelassen, er freute sich lieber über die Auszeichnung als „Schweizer des Jahres“, die ihm am selben Wochenende verliehen wurde. „Es tut gut zu wissen, dass die Leute im ganzen Land hinter mir stehen“, sagte er.
Das hat zum einen mit den sportlichen Erfolgen Cuches zu tun. Viermal gewann er den Abfahrts-Weltcup, er siegte in 18 Weltcup-Rennen. 1998 in Nagano holte er olympisches Silber im Super-G hinter dem Österreicher Hermann Maier, 2009 wurde er Weltmeister im Super-G, eine von vier WM-Medaillen. Die Auszeichnung als Abfahrts-Weltmeister oder Olympiasieger blieb ihm jedoch verwehrt, 2009 verpasste er den WM-Titel nur um vier Hundertstelsekunden. Cuche hat in seiner Laufbahn auch manche Enttäuschung hinnehmen müssen, Hundertstelentscheidungen, die ihn um Siege oder Medaillen brachten. Allein drei Mal wurde er bei Weltmeisterschaften Vierter, zuletzt im Super-G in Garmisch. Im Laufe der Jahre lernte der Schweizer aber, mit solchen Rückschlägen umzugehen. Diese sportlich-faire Art trug viel zu seiner großen Popularität bei. Cuche ist kein Sprücheklopfer, kein Lautsprecher, er ist ein zurückhaltender, hintersinniger Mensch, nassforsche Ankündigungen überlässt er anderen.
Zum ersten Mal trat Cuche im Weltcup im Dezember 1993 an - es wurde ein 57. Platz bei der Abfahrt in Bormio. In diesen Tagen erinnerte er sich an seinen ersten Start in Kitzbühel, im Januar 1996, an das beklemmende Gefühl, als Neuling die berüchtigte Streif hinunterrasen zu müssen. Er erzählte von der Angst, die sich in den letzten zehn Minuten vor dem Start einstellte, von dem Drang, das Starthaus am liebsten wieder hintenraus zu verlassen, „Ich wollte überhaupt nicht mehr da runterfahren.“ Irgendwann „war mir ganz egal, was passiert, ich musste ja doch vorne raus, und es ist dann zum Glück gutgegangen, auch wenn ich nicht sehr schnell war.“ Cuche landete auf Platz 22.
In den vergangenen Jahren jedoch schien kein Fahrer die Streif so im Griff zu haben wie Cuche. Nach seinem ersten Erfolg 1998 gewann er die Abfahrt 2008, 2010 und 2011, im vergangenen Jahr geriet seine Fahrt zur Demonstration der Überlegenheit, er siegte mit fast einer Sekunde Vorsprung vor dem Amerikaner Bode Miller. „Für mich ist ein Traum Wirklichkeit geworden“, sagte er. Wie es seine Art ist, bedankte sich Cuche dafür bei Eltern und Bruder, Trainern und Physiotherapeuten, Serviceleuten und Teamkollegen. Künftig will er einen Beitrag leisten, um Nachwuchsfahrern den gleichen Traum zu ermöglichen. Doch noch ist der eigene Traum des Didier Cuche ja nicht vorbei, an diesem Freitag schon wird er mit dem Super-G in Kitzbühel weitergehen. „Ich werde befreit von anderen Gedanken Vollgas geben“, kündigte er an. „Ich möchte bis zum Frühjahr das eine oder andere Zeichen setzen, meine Passion bleibt sehr groß.“ Schließlich kann er am Samstag zum alleinigen Streif-Rekordsieger aufsteigen, vor der österreichischen Ski-Legende Franz Klammer. Cuche freilich sieht auch das gelassen: „Ich muss nicht gewinnen“, sagt er. „Ich darf noch mal gewinnen.“
Geburtsdatum: 16. August 1974 in Le Pâquier/Schweiz
Größe und Gewicht: 1,74 Meter, 89 Kilogramm
Erfolge: Olympia-Silber im Super-G 1998; Weltmeister im Super-G 2009; WM-Silber in der Abfahrt 2009 und 2011; WM-Bronze im Riesenslalom 2007; 18 Weltcup-Siege;
Zweiter im Gesamtweltcup 2010/11; Sieger im Abfahrtsweltcup 2006/07, 2007/08, 2009/10, 2010/11; Sieger im Super-G-Weltcup 2010/11; Sieger im Riesenslalom-Weltcup 2008/09;
Schweizer des Jahres 2011
Wahnsinns Typ!!
Patrick Blättler (pbla)
- 20.01.2012, 19:42 Uhr