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Skifliegen Streßwerte wie in der Formel 1

 ·  Streßhormone erzeugen normalerweise eine positive Situation: Auf einer Skiflugschanze allerdings kann dieses System kippen. Der Springer kann Fehler machen, die fatale Folgen haben können.

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Christof Duffner war bei 214 Metern gelandet - und hob gleich noch einmal ab. Er griff in den Schnee, dann kippte er nach hinten über und rutschte über den Auslauf. Ein Flug, der als gestürzt gewertet wurde. Langgestreckt blieb Duffner liegen, das Gesicht nach oben gereckt, den Blick Richtung Himmel. Als der deutsche Mannschaftsarzt Dr. Ernst Jakob zu ihm gelaufen kam, strahlte der Schwarzwälder ihn von unten an: "Ernst", jubelte er, "das ist das Geilste, was ich je erlebt habe." Fliegen, der uralte Traum der Menschheit, war für ihn wahr geworden; für Sekunden nur, doch lange genug, um ihn in einen Rauschzustand zu versetzen.

Volle Konzentration, sich in die Anlaufspur stürzen, gut hundert Meter in der Hocke fahren, abspringen - und dann in der Luft segeln, 160, 180, 200 Meter, im Idealfall noch weiter: Was Duffner vor vier Jahren in Planica in Slowenien erlebte, reizt an diesem Wochenende wieder die besten Skispringer der Welt in Oberstdorf. Auf dem Turm der Heini-Klopfer-Flugschanze stehen sie 210 Meter hoch über dem Auslauf, unter sich irgendwo, wie Ameisen, die Zuschauer. "Einfach nur die Handbremse losmachen und Vollgas geben", beschreibt Wolfgang Steiert, der deutsche Bundestrainer, den Vorgang.

Ausnahmesituation

Doch auch Steiert weiß, daß alles, was für das normale Skispringen so einfach klingt, beim Skifliegen extrem ist. "Der Respektfaktor, die Angst ist noch größer als auf einer Großschanze", sagt Jakob, "und das ist das entscheidende." Streßhormone erzeugen normalerweise eine positive Situation: "Die Angst führt dazu, daß ich vieles ganz richtig mache, sie bietet dem Athleten eine Sicherheitssituation." Auf einer Flugschanze allerdings kann dieses System kippen: "Skiflieger müssen eins werden mit der Vorstellung, daß es funktioniert und machbar ist und daß sie keine übertriebene Angst haben. Wenn die Konzentration von Streßhormonen überschritten wird, kann es dazu führen, daß der Springer Fehler macht." Und die können fatale Folgen haben.

Skifliegen versetzt Körper und Psyche in eine Ausnahmesituation. Messungen der Streßhormone machen Fehler nachvollziehbar. Ein Skispringer weist während eines Fluges die gleichen Streßwerte auf wie ein Formel-1-Rennfahrer während des gesamten Rennens. Doch ein Skispringer kann nicht bremsen, kann nicht umkehren. Und dem erhebenden Gefühl auf dem Luftpolster folgt der harte Aufprall.

Gezeichnet von der Anstrengung

Hunderte von Sprüngen absolvieren die Aktiven jährlich in Training und Wettkampf - auf normalen Schanzen; noch nicht einmal ein Dutzend aber auf den Riesenanlagen. Ein Wettkampf-Wochenende mit drei Tagen Anspannung, wie jetzt in Oberstdorf und Ende Februar bei der Skiflug-Weltmeisterschaft in Planica, kostet außerordentlich viel Kraft. "Es ist viel ruhiger, es werden keine Witze gerissen wie sonst üblich", beschreibt Rudi Tusch, der Technische Leiter im Deutschen Skiverband, die Stimmung. Nicht einmal eine Minute dauert ein Flug von der Vorbereitung an der Luke bis zur Landung, doch Athleten wie Trainer sind von der Anstrengung gezeichnet. Argwöhnisch wird jede Luftbewegung beobachtet. Auch die Jury ist sensibilisiert; im Zweifelsfall wird ein Skifliegen bei fragwürdigen Wetterbedingungen schneller abgesagt oder unterbrochen als ein Wettbewerb auf einer anderen Schanze.

Und doch träumen sie alle davon, die einmal auf einem kleinen Hügel erste Hüpfer gemacht haben. "Dienstags haben wir zwanzig Vorspringer oder mehr", sagt Steiert, "aber sonntags ist dann manchmal nur noch einer übrig." Duffner kann seinen Traum in Oberstdorf überhaupt nur als Vorspringer verwirklichen; er hat sich in diesem Jahr nicht für die Mannschaft qualifiziert. Auch Sven Hannawald - "einer der größten Skiflieger der Welt", wie Steiert sagt - fehlt den Deutschen. Nach den Mißerfolgen und der Pause, die er mit einem Trainingslager in Norwegen füllte, hofft er auf ein Comeback beim Weltcup am nächsten Wochenende in Willingen. Auf jeden Fall soll er als Titelverteidiger bei der Skiflug-WM in Planica wieder dabeisein.

In einem Sport, der in Metern gemessen wird, ist ebenjener der Größte, der am weitesten hinunterkommt: Der Weltrekord des Finnen Matti Hautamäki steht bei 231 Metern, aufgestellt im vergangenen Winter in Planica. Mut, Überwindung der Angst schlagen sich im Ergebnis nicht nieder. "Das Unterbewußtsein, nicht das Bewußtsein steuert den Flieger", sagt Tusch. In seiner aktiven Laufbahn ist er einmal mit dem Lift wieder vom Anlaufturm hinuntergefahren, weil in letzter Sekunde eine lockere Bindung an seinem Ski entdeckt wurde. Neben ihm stand damals Toni Innauer, Sieger des abgebrochenen Wettkampfs. Beide zitterten: Skifliegen ist eine Frage von Emotionen.

"Um vorwärtszukommen, brauche ich Ruhe. In meinem Schneckenhaus ist keiner außer mir. Ich kenne mich sehr gut und weiß, daß ich genau diese Ein-Mann-Situation brauche."

Sven Hannawald zur Absage für die Skiflug-Wettbewerbe in Oberstdorf.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.02.2004, Nr. 32 / Seite 34
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