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Skifliegen : Der 300er-Traum

  • -Aktualisiert am

Den aerodynamischen Regeln folgen: Severin Freund Bild: REUTERS

Die Weitenjagd im Skifliegen nimmt kein Ende. In Vikersund sorgt eine gigantische Schanze für neue Maßstäbe - wenn der Wind still hält. Am Samstag reichten dem Slowenen Kranjec 244 Meter zum WM-Titel.

          Vor einer Woche baute Toni Innauer, die österreichische Skisprung-Legende, in Oberstdorf mit dem Spaten eine kleine Schneeschanze, um darauf mit einem Püppchen zu simulieren, ob es funktioniert, dass ein Mensch mit Ski 250 oder auch 300 Meter weit segelt. Fazit von Innauers Experiment fürs deutsche Fernsehpublikum: Es ist möglich!

          In Vikersund, ein Stück westlich von Oslo, ist vor einem Jahr der Weltrekord auf 246,5 Meter gesteigert worden, der Norweger Johan Remen Evensen erwischte einen glücklichen Moment. Bei der Weltmeisterschaft sollte es jetzt in neue Dimensionen geben, doch Windturbulenzen verhinderten Rekordflüge.

          Der Stolz Norwegens: Die größte Schanze der Welt in Vikersund Bilderstrecke
          Der Stolz Norwegens: Die größte Schanze der Welt in Vikersund :

          Fast wäre auch der Titelkampf gescheitert, doch schließlich wurden zwei Durchgänge - vier waren geplant - nach Warten und Bangen möglich: Der dreißigjährige Slowene Robert Kranjec siegte vor dem Norweger Rune Velta und Martin Koch aus Österreich. Kranjec kam im entscheidenden Durchgang Evensens Rekord ziemlich nahe, er flog auf 244 Meter. Damit fing er den nach dem ersten Flug führenden Velta noch ab. Koch stürzte danach bei der Landung an der Marke von 243 Metern.

          Bei der Siegerehrung war ihm der Ärger noch immer anzusehen. Er war der große Favorit gewesen. „Sehr glücklicher Vierter“ wurde der Bayer Severin Freund. Es war seine erste Skiflug-WM. Er trauerte einer Medaille nicht nach, „denn die drei vor mir waren einfach die Besten, auch schon im Training“.

          In den Fels gesprengt

          Die Anlage in dem Nest Vikersund ist eine von fünf Flugschanzen der Welt, neben Oberstdorf, Kulm (Österreich), Harrachov (Tschechien) und Planica (Slowenien). 1936 eröffnet, erlebte Vikersund schon 1966 (mit 146 Metern des Norwegers Björn Wirkola) und 1967 (Reinhold Bachler aus Österreich auf 154 Meter) scheinbar nie erreichbare Weltbestleistungen. Inzwischen springen Frauen viel weiter als die Männer damals. Die Österreicherin Daniela Iraschko kam 2003 am Kulm auf genau 200 Meter.

          Die Norweger bilden sich einiges darauf ein, die größte Schanze und den aktuellen Weltrekord zu besitzen. Über Jahrzehnte wurden in Planica die Maßstäbe gesetzt, die 200-Meter-Marke durchbrach dort 1994 der Finne Toni Nieminen. In den vergangenen Jahren wurde in Vikersund gesprengt und gebaggert, um die Schanze auszubauen. Sie kommt ohne Anlaufturm aus, ist an einen Bergrücken in den Fels gebaut. Zehn Millionen Euro wurden jetzt noch einmal investiert, um das Versprechen geben zu können, dass 250 Meter machbar seien. Vielleicht an diesem Sonntag im Mannschaftswettbewerb? Vorrang hat für die Norweger jetzt eindeutig die Goldmedaille.

          Vikersund bietet eine Schanze mit gigantischen Ausmaßen, die aber nur dann wirklich gefährlich ist, wenn der Wind mit den Athleten seine Spielchen treiben kann. Deshalb ist die Verantwortung der Jury, die den Wettkampf steuert, besonders hoch. Vergangene Woche in Oberstdorf stürzte der Slowene Peter Prevc schwer, zerschmetterte sich eine Schulter.

          Der Mensch als Passagier

          Von der Spitze der Schanze, die ein Dach in Schwingenform bildet, bis zum Ende des Auslaufs sind es nicht weniger als 570 Meter, mehr als vier Fußballfelder hintereinander. Die maximale Höhendifferenz beträgt 200 Meter, vom Absprungpunkt geht es immerhin noch 135 Meter in die Tiefe. Über den Schanzentisch rauschen die Springer dann mit Tempo 100, sie werden während der sieben, acht Sekunden in Luft noch ein bisschen schneller und landen mit einer Geschwindigkeit von rund 110 Kilometern pro Stunden.

          Skifliegen gehorcht eher den Gesetzen der Aerodynamik als ballistischen Regeln. Wie die Tragflächen eines Flugzeugs wirken Körper und Ski im Idealfall. Der Mensch als Passagier ohne schützende Hülle und ohne Sicherheitsgurt.

          „Mentale Stärke ist immer gefragt, aber es geht darum, den Adrenalinkick aktiv anzusteuern“, sagt Bundestrainer Werner Schuster. „Man muss den Ski sehr flach führen. Da hat man fast das Gefühl, die Kräfte sind so groß, dass es einem die Schuhe auszieht. Das ist in letzter Konsequenz eine Herzensangelegenheit.“

          „Irgendwann, irgendwo“

          Man könne es nicht trainieren, bis zur Ebene zu springen, wenn die Luft immer weiter trägt. „Diese Entscheidung muss man unterwegs in Sekundenbruchteilen alleine fällen.“ Dass Skifliegen die Athleten begeistert, ist ihnen schon am Gesicht abzulesen, und selten fällt so oft das Wort „geil“ wie an den Riesenschanzen. Doch der Weltrekord steht, angeblich, nicht im Vordergrund. „Ich finde Skifliegen cool, und halte einen neuen Weltrekord auch im Bereich des Möglichen. Das ist das geringste Problem“, sagt der Österreicher Thomas Morgenstern. „Die Verhältnisse müssten passen, die Jury müsste auch einen Weltrekord wollen - da muss alles zusammenpassen.“

          Der Deutsche Martin Schmitt, der wegen einer Knieverletzung in diesem Winter nicht mehr antreten wird, sagte neulich so lakonisch wie skeptisch: „Der Mensch strebt halt immer nach mehr. Irgendwann werden sie auch irgendwo 270 oder 300 Meter springen.“ Der ehemalige österreichsche Flieger Andreas Goldberger (damaliger Weltrekord 225 Meter), heute ein Fernseh-Kommentator, sieht die Rekordjagd noch lange nicht am Ende, 300 Meter sieht er aber als Utopie an. Wenn ein Springer 12 oder 13 Sekunden in der Luft sei, werde er die Körperspannung nicht mehr aufrecht halten können.

          Vikersund ist für deutsche Athleten ein besonderer Ort. 1990 wurde hier Dieter Thoma Weltmeister, zehn Jahre später dann Sven Hannawald. Der Blick auf Hannawalds erste Sternstunde zeigt die Unwägbarkeiten des Skifliegens. Damals herrschten vier Tage lang heikle Witterungsbedingungen und schwierige Windverhältnisse, es kam zu Auseinandersetzungen zwischen Trainern und Athleten auf der einen sowie Funktionären auf der anderen Seite. Die Titelkämpfe gingen am Montag in die Verlängerung. Das zumindest bleibt dieses Mal allen erspart.

          Quelle: F.A.S.

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