31.01.2010 · Sucht man nach dem Ski, der alles kann, stellt man fest: So ein neuer Allmountain-Typ - das ist es! Oder doch ein herkömmlicher Allrounder? Wie wär's mit einem Freerider, einem Twin-Tip-Doppelender? Man muss halt finden, was zu einem passt.
Von Walter WilleWas den Österreicher angeht, der in Sichtweite des Skilifts wohnt, so ist seine Skepsis zu verstehen, wenn es um Detailwissen und Beratungskünste von Skiverkäufern in wenig alpinen Menschenansammlungen wie Hamburg oder Frankfurt, aber auch Wien oder Linz geht. „Ich glaube, dass es der Kunde schwer hat, sich zu orientieren“, sagt Thomas Rakuscha, Direktor für Produktmanagement bei Blizzard in Mittersill. Der hat's gut, er wohnt 100 Meter neben dem Lift.
Hamburger haben's weiter, und nie war gute Beratung so wertvoll wie heute. Einen High-Performance-Carver wählen? Und wenn ja: einen für kleine, mittlere, große Radien? Ist das eigentlich das Gleiche wie ein Race-Carver? Oder ein Sport-Carver? Lieber einen zahmeren Allrounder suchen? Oder einen Allmountain-Ski? Wie wär's mit einem Freerider, einem Twin-Tip-Doppelender? Vielfalt ist etwas Feines. Sie kann aber auch überfordern.
Man muss halt finden, was zu einem passt
Der Variantenreichtum bei den Abfahrtsski hat Auswüchse angenommen, andererseits aber Produkte hervorgebracht, von denen man früher nur träumen konnte. Man muss halt finden, was zu einem passt. Es hilft immens, sich mit Faktoren zu beschäftigen wie Flex, Radius, Torsionsverhalten, Mittenbreite. Wer sich da hineinkniet, kann das Gefühl bekommen, man benötige zwei, am besten drei Paar Ski, um für unterschiedliche Schnee- und Pistenverhältnisse nebst Stimmungen das passende Material zu haben. Und, ach: Die Grenzen der Kategorien scheinen zu verschwimmen, da gibt es komfortable Race-Carver und sportliche Allrounder, Allmountain-Typen, die mal mehr Richtung Piste, mal Richtung Gelände tendieren. „Ohne Beratung kann der Endverbraucher dem Ganzen teilweise nicht mehr folgen“, räumt Rakuscha ein.
Es ist also schwer. Aber sooo schwierig dann auch wieder nicht. Lässt man die Rennbretter für Höchstgeschwindigkeit auf präparierter Piste, für Fliehkraftexzesse, die Spezialisten für Pipe oder Funpark, die mächtigen Planken für bauchnabelhohen Puder beiseite, rücken die guten alten Allrounder ins Blickfeld sowie die noch ziemlich neuartigen Allmountain-Ski. Erstere sind in der Regel geeignet, ein breitgefächertes Publikum auf der Piste zufriedenzustellen, Letztere fügen als trendige Allzweckwaffe dem Spaß die Komponente unpräpariertes Gelände hinzu. „Allmountain ist das Thema Nummer eins dieser und der nächsten Saison“, sagt Andrea Tiling, Marketingleiterin bei K2, „Ski, die bei den unterschiedlichsten Bedingungen und in jedem Gelände funktionieren.“ Herbert Buchsteiner, Produktmanager bei Atomic, sieht es genauso: „Allmountain wird immer wichtiger.“
Das gewährleistet Schwimmvermögen im Ungewalzten
Der wichtigste Unterschied des Allmountain- zum Allround-Ski besteht in seiner größeren Mittenbreite von etwa 75 bis 90 Millimeter unter dem Schuh. Das gewährleistet Schwimmvermögen im Ungewalzten. Andererseits erlauben diese Bretter bei der Rückkehr ins gepflegte Gebiet dank ihrer Taillierung geschnittene, enge Radien mit einer gewissen Leichtigkeit. Laufruhe und sicheren Kantengriff müssen sie ebenfalls mitbringen und obendrein den einen oder anderen Fehler verzeihen. Einem Allmountain sollte zugestanden werden, dass er etwas träger ist als ein aggressiver Slalomrenner oder Allrounder. Schmalere Ski sind reaktionsfreudiger. Je breiter die Brettmitte, je größer die Auflagefläche, desto besser fürs Tiefschneesurfen.
„Top-Allmountainski sind von den Bauteilen und Materialien her den Top-Pistencarvern sehr ähnlich“, erklärt Rakuscha. „Steifigkeit, Flexauslegung, Biegefestigkeit, Skibreite und Taillierung machen den Unterschied.“ So ein „Top-Allmountainski“, der in Vergleichstests der Fachzeitschriften stark gepunktet hat, ist der Blizzard Magnum 8.1 IQ-Max für 799 Euro (Preisempfehlung). Auch der Atomic Nomad Blackeye TI (600 Euro) hat Bestnoten bekommen. Diesen beiden Allmächtigen für versierte, sportliche Fahrer haben wir für unseren Konzeptvergleich mit dem Fischer Viron 8.8 (599 Euro) und dem K2 Apache Hellfire (450 Euro, jeweils inklusive Bindung) zwei Vertreter der auf Planiertes geeichten Truppe gegenübergestellt: dynamische, aber umgängliche Bretter, die sich dort am wohlsten fühlen, wo der Platzwart das Terrain mit seinem Pistenbully zubereitet.
Man könnte beide als hervorragende „Allrounder“ bezeichnen, doch weil der Begriff allmählich in Richtung Anfänger- und Billigecke driftet, mögen die Hersteller ihn nicht mehr gebrauchen. Fischer nennt seinen Viron 8.8 einen „sportlichen Pistenski“. K2 ordnet den Hellfire gar unter „Allmountain“ ein, trotz der schmalen Taille von nur 68 Millimeter. „Allmountain löst den Begriff Allround immer mehr ab“, erklärt Tiling. Demnach ist ein Allrounder eben ein schmaler Allmountain. Alles klar?
Die Souveränität im Unpräparierten ist beeindruckend
Der Zauber der (wahren) Allmountain-Ski entfaltet sich schon auf den ersten Metern. Er besteht darin, dass das Tiefe, Zerfahrene, Brüchige außerhalb des markierten Raums nicht nur seinen Schrecken verliert, sondern unentwegt lockt. Wer sich bisher mit seinen Pisten-Carvern mit Skimitten von weniger als 70 Millimeter nicht recht traute, dem eröffnen sie eine neue Welt. Die Souveränität im Unpräparierten ist beeindruckend, und sie funktionieren auf dem Gewalzten ebenso. Das gilt für den Atomic wie den Blizzard, die hier als Beispiele ihrer Gattung dienen.
Und doch sind auch bei ihnen die Unterschiede beträchtlich. Der Blizzard Magnum 8.1 hat seine besonderen Stärken auf der Piste, dort macht er Jagd auf die Race-Carver. Er liebt das Tempo, jodelt mit hoher Laufruhe über Unebenheiten hinweg, brilliert mit seinem Kantengriff, beißt in Eisplatten und zieht wie auf Schienen seinen Bogen lang, wenn man ihn auf der Kante hat. Das geht ohne größere Probleme, doch will der Blizzard aktiv geführt werden und verlangt nach Engagement. Bei allzu defensiver Fahrweise wirkt er gelangweilt mit der Tendenz, einen Fehler durch Abwurf zu bestrafen. Unsere Tester - allesamt gute Fahrer - hat er zunächst etwas eingeschüchtert und nach kurzer Eingewöhnung dann begeistert. Jegliche Impulse setzt er auffallend direkt um, auch dank seines IQ genannten Systems der Verschmelzung von Ski und Bindung. Die wird in eine breite Schiene geschoben, die Bestandteil des Skis ist.
Der Nomad Blackeye TI strahlt Sicherheit aus
Der Atomic ist mit einer Skimitte von 79 Millimeter (gegenüber 81) einen Tick schmaler als der Blizzard, was man zu spüren meint. Er wirkt komfortabler, spielerischer in der Schwungeinleitung, ohne dass an Sportlichkeit viel fehlte. Der Nomad Blackeye TI strahlt Sicherheit aus, drückt bei einem Wackler mal ein Auge zu, ist tempofest, griffig, ruhig, folgsam im stiebenden Neuschnee - ein Phänomen der Vielseitigkeit. Wie beim Blizzard wird beim Atomic eine sogenannte Titanal-Begurtung - jeweils eine Lage der Aluminiumlegierung zwischen Kern und Belag sowie Kern und Oberfläche - zur Steigerung von Grip und Laufruhe bei strammer Fahrt auf harter Piste eingesetzt. Buckelpiste geht ebenfalls. Was will man mehr als Skier, die ein derart breites Spektrum meistern?
Unter Umständen vielleicht doch einen Allrounder. Abgesehen von der unterentwickelten Geländegängigkeit, der Tendenz zu Tauchgängen im Tiefschnee, kann hier vieles noch eine Stufe kraftsparender, geschmeidiger vor sich gehen. Der Fischer Viron 8.8 (Skimitte 68 Millimeter) ist alles andere als ein Vertreter der Anfänger- und Billigecke, der Hersteller verbaut Karbon als tragende Schale zur Steigerung der Stabilität, ordnet ihn in seine Premiumlinie ein für ein Fahrkönnen von 7 bis 9 auf einer Skala bis 10 (“Rennprofi“).
Der 8.8 ist eine Spaßmaschine erster Ordnung, spritziger als die breiten Kollegen, quirlig und reaktionsschnell. Ohne zu fackeln, wechselt er von einer Kante auf die andere, liebt enge Radien, fühlt sich auch in eisigen Passagen oder auf Buckelpisten pudelwohl. Das Einzige, was den Kurvenkünstler aus der Ruhe bringen kann, sind stures Geradeaus oder sehr weite Bögen in höchstem Tempo.
Man legt Wert auf allerhöchste Stabilität und extremen Kantengriff
Ein bestechend freundlicher, Fehler verzeihender, trotzdem sportlicher Ski ist der K2 (Mitte 68 Millimeter) - einer für alle, es sei denn, man legt Wert auf allerhöchste Stabilität und extremen Kantengriff. Der Apache Hellfire beherrscht das Repertoire von lässigem Cruisen bis Tritt aufs Gaspedal. Dabei gibt er sich nicht so aggressiv, wie das giftgrüne Dekor vermuten lässt. Über die vergleichsweise weiche Schaufel sind Schwünge leicht eingeleitet, ob gerutscht oder gecarvt - der macht alles mit, und das nicht nur, wenn die Piste in optimalem Zustand ist. Am Nachmittag, wenn ermattete Oberschenkel es auf der Talabfahrt mit zusammengeschobenen Schneehaufen zu tun bekommen, erntet der K2 Extra-Sympathiepunkte.
Also, sooo schwer ist es im Grunde wirklich nicht. Verlangt man von einem Ski 100 Prozent in einer bestimmten Disziplin - dann muss es der Spezialist sein, die agile Rennmaschine, der Twin Tip mit Rückwärtsgang, die breite Powerbohle -, am besten alle drei, dann freuen sich Frau Tiling, Herr Buchsteiner, Herr Rakuscha und Kollegen. Doch wer nicht in Sichtweite des Skilifts wohnt, ein halbes Jahr lang seine eine Woche Winterurlaub herbeisehnt, zu Abstechern ins Abseits neigt, aber auf Laufruhe und Kantengriff auf der Piste nicht verzichten will, ist mit einem Allmountain bestens bedient. Und mit einem Allround- oder Pistencarver noch besser, wenn er überhaupt keine Neigung verspürt, das Wirkungsgebiet der Pistenraupe zu verlassen. Aber nur dann.