13.01.2012 · Skicross ist eine junge, aber auch brachiale Variante des Skisports. Sie lebt vom Nervenkitzel - doch sie läuft Gefahr, sich allzu sehr auf Spektakel zu bürsten.
Von Michael Eder, St. JohannMan muss damit rechnen. Das sagen sie alle. Mit Stürzen, mit Schmerzen, mit Verletzungen. Wer Skicross fährt, muss hart sein im Nehmen. „Es schmeißt einen schon ab und zu“, sagte Heidi Zacher, die beste deutsche Crosserin, vor dem Weltcup in St. Johann in Tirol. „Blaue Flecken, Prellungen, Zerrungen, verschobene Wirbel, das kommt vor, aber meistens kann man das nächste Rennen schon wieder fahren.“ Meistens, aber diesmal nicht. Heidi Zacher fuhr beim Nachtrennen in St. Johann vor 5000 Zuschauern souverän ins Finale der besten vier, doch dann erwischte es die Dreiundzwanzigjährige vom SC Lenggries. Bei einem Sprung verhakelte sie sich mit der Französin Alizée Baron, und beide überschlugen sich spektakulär.
Es war ein furchtbar anzusehender Sturz, aber auch das ist im Skicross nichts Ungewöhnliches, es knallte auch in St. Johann in gefühlt jedem dritten „Heat“, wie die Vierer-Gladiatorenkämpfe im Fachjargon heißen, jedes Mal heulte der Streckensprecher auf und schickte ein routiniertes „Hoffentlich ist das gutgegangen!“ übers Mikrofon. Und meistens standen die Fahrerinnen und Fahrer auch wieder auf, rutschten verspätet über die Ziellinie, nur Heidi Zacher kam nicht mehr aus eigener Kraft unten an. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht, und die Diagnose ließ keinen Zweifel daran, dass für sie die Saison schon nach dem zweiten Weltcup beendet ist. Spiralbruch des Unterschenkels, Operation noch am Sonntag. Heidi Zachers Ausfall ist ein schwerer Verlust für das deutsche Cross-Team, das in St. Johann auch Grund zur Freude hatte: Anna Wörner aus Partenkirchen fuhr im Frauenfinale hinter der Französin Ophélie David auf Rang zwei, Daniel Bohnacker aus Westernheim wurde beim Sieg des Schweizers Alex Fiva Dritter.
Skicross ist eine harte Sportart, es fliegen buchstäblich die Fetzen, und man wird den Eindruck nicht los, dass die Zuschauer genau das sehen wollen. In St. Johann verfolgten sie die Heats gespannt, und am meisten Stimmung kam auf, wenn wieder einmal ein Athlet meterhoch durch die Luft flog. Den Aufreger des Tages vollbrachte der österreichische Lokalheld Patrick Koller, als er im Halbfinale kurz vor der Ziellinie mit dem Kanadier Christopher Delbosco kollidierte, sich beide überschlugen und als Knäuel durch die Zeitnahme kugelten.
Koller gewann, weil es ihn rücklings als ersten über die Linie schlug. Solche Szenen lieben nicht nur die Zuschauer, auch die Fahrer feiern sie nach dem Rennen. „Wir gucken die Stürze im Kreis der Mannschaft auf Video oft selbst an“, hatte Heidi Zacher vor ihrem Start gesagt. „Wir sind selbst sensationsgeil.“ Die Zuschauer johlen, die Fahrer leiden. Dem Österreicher Koller nutzte sein Sturzsieg nichts, im Finale konnte er nicht starten, man hatte ihn ins Krankenhaus gebracht, Verdacht auf schwere Gehirnerschütterung.
In den vergangenen Jahren hat sich viel getan im Skicross. Vor ein paar Jahren haben Heidi Zacher, Anna Wörner und Daniel Bohnacker ihre Ski noch selbst gewachst. Sie fuhren für den DSV, aber bezahlt haben sie ihren Sport selbst, jeden Flug, jede Liftkarte, jedes Mittagessen. 10.000 Euro hat Heidi Zacher, die als Bankkauffrau arbeitet, jede Saison von ihrem Konto abgebucht, um ihren Sport betreiben zu können. Dann kam Olympia, und alles wurde anders. Heute übernimmt der Verband alle Kosten, zum Team gehören nicht mehr nur Trainer, sondern auch ein Physiotherapeut, ein Arzt und ein Servicemann. Das ist fast schon wie bei den Kollegen aus dem alpinen Lager.
Die Skicrosser sind ein besonderes Völkchen. Viele kommen aus dem Lager der Alpinen, viele wie Heidi Zacher oder Thomas Fischer, der Sohn von Biathlon-Olympiasieger Fritz Fischer, hatten nach schweren Verletzungen den Anschluss in den Alpinkadern verloren, danach einfach mal was Neues probiert und im Skicross ihr Talent entdeckt. Fischer war vier Wochen dabei, dann ist er schon seinen ersten Weltcup gefahren, das ließe den Schluss zu, Skicross sei etwas für gescheiterte, aber unerschrockene Alpinfahrer, aber dem ist nicht mehr so. Der Kampf über die Hindernispiste gegen drei Konkurrenten verlangt mehr als eine gute Skitechnik und Mut, er verlangt Kondition, Konzentration, Schnellkraft, taktisches Geschick, Windschattenfahren, Erfahrung; die Zeiten, in denen Alpine mal schnell das Lager wechselten und vorn dabei waren, sind Vergangenheit.
Skicross ist immer noch eine junge Sportart. Olympia in Vancouver hat sie bekannt gemacht, die Einschaltquoten im Fernsehen waren prächtig, und nun versucht sie, daraus Kapital zu schlagen. Sie lebt vom Nervenkitzel, ist eine brachiale Variante des Skifahrens, brachialer noch als der Abfahrtslauf, und sie läuft Gefahr, sich allzu sehr auf Spektakel zu bürsten. „Nahkampf in der Nacht von St. Johann“, kündigte das ZDF-“Sportstudio“ einen Bericht über den Weltcup in Tirol an - eine gefährliche, aber auch eine verräterische Diktion.
Die Frage ist: Ist Skicross auf dem Weg zu einem Zirkussport, zum Catchen auf Schnee bei Tempo 90? Oder findet die Disziplin eine vernünftige Balance zwischen Spektakel und Sport? Zwar sind die meisten Athleten im Weltcupzirkus in einer Art und Weise unterwegs, die auch den Gegner respektiert, aber schwarzen Schafen wird oft erstaunlich milde begegnet. Thomas Fischer macht kein Hehl daraus. Es gebe eine ganze Mannschaft, sagt er, die sehr unbeliebt sei: die Franzosen. „Ich weiß nicht, ob die ohne Hirn fahren, oder ob das denen einfach egal ist“, sagt Fischer, „die schießen irgendwo hinein, wo jeder andere denken würde, das könnte jetzt echt auf die Gesundheit gehen, aber das ist denen egal.“
Vor zwei Jahren, erzählt Fischer, der in St. Johann im Achtelfinale ausschied, habe ein Franzose einen anderen Franzosen, seinen eigenen Teamkollegen, bei einem Rennen in den Vereinigten Staaten „abgeschossen, der ist jetzt querschnittgelähmt“. Und vergangene Saison sei ein Franzose einem Schweizer von hinten bei voller Fahrt in den Rücken gesprungen, „20 Zentimeter weiter oben, dann schneidet der ihm den Hals ab“. Die Fahrer protestierten damals, verlangten eine Disqualifikation. Ergebnis? Nichts. „Eine Verwarnung hat er gekriegt.“ Da, sagt Fischer, liege noch einiges im Argen, lebensgefährliche Manöver bei Tempo 90 verfolge der Verband, die Fis, zu nachsichtig.
In St. Johann sind die französischen Männer diesmal nicht weiter aufgefallen. Alle Stürze entsprangen nicht böser Absicht oder Dummheit, sondern „normalen“ Rennsituationen. Wirklich beruhigend ist das nicht. Die Unfall- und Verletztenbilanz war auch dann noch erschreckend genug, als sich die Kamikazetypen zurückhielten.