Der Präsident? Hannes Reichelt lächelt. Er wirkt ein bisschen wie im Urlaub, wie er so dasteht, in Trainingsklamotten, die Hände lässig in den Hosentaschen, mitten in der Tennishalle des Teamhotels, in die der Österreichische Skiverband zum Treffen mit seinen Speedspezialisten geladen hat. Es ist Donnerstagabend, zwei Tage noch bis zur Abfahrt der Herren bei der Ski-WM in Schladming, bis zur „Königsdisziplin“, wie Peter Schröcksnadel, der WM-Impresario und Präsident des Österreichischen Skiverbands (ÖSV), noch mal hervorgehoben hat.
Verbunden mit dem Hinweis, dass eine österreichische Medaille in dieser Königsdisziplin nicht so ganz schlecht wäre. „Der Präsident“, sagt der Abfahrer Reichelt also, „macht uns gern ein bisschen Druck. Aber er weiß genau, wir tun unser Bestes. Und er weiß, dass das kein Wunschkonzert ist.“ Reichelt jedenfalls weiß es genau.
Im Super-G am Mittwoch ist er Vierter geworden, und ein vierter Platz, das ist bei einer WM, zumal im eigenen Land, ungefähr so viel wert wie ein vierzigster. Aber es kam ja noch die Abfahrt am Samstag, und die war schließlich mal die Spezialität der Österreicher, zu Zeiten eines Franz Klammer oder eines Harti Weirather. Nun aber ist Austria seit zehn Jahren ohne Abfahrts-Gold bei einer WM, und so hat sich die Ski-Nation darauf geeinigt, dass die Zeit langsam mal reif sei. „Wir wollen Gold“, titelte eine Boulevardzeitung. Wunschkonzert hin oder her.
Samstagabend, die Siegerehrung nach der Abfahrt der Männer. Klaus Kröll tritt auf die gewaltige Bühne vor der Medal Plaza, eine Bühne wie für ein Rockkonzert. Er blinzelt ins Scheinwerferlicht, blickt über die Menge, die rot-weiß-roten Fahnen, und für einen Moment ist alles genau so, wie es hätte sein können. Kröll scheint diesen einen Moment zu genießen, trotz allem.
„Da kriegst du als Österreicher Herzweh“
Obwohl er Stunden zuvor noch buchstäblich am Boden gewesen war. Da kniete er im Zielraum der Abfahrt im Schnee, mit hängendem Kopf, einen Traum begrabend. Vierter war er geworden, im „Rennen meines Lebens“, sein Heimatort Öblarn liegt nur 30 Kilometer von Schladming entfernt. Jetzt also stand der 32 Jahre alte Kröll auf der Bühne direkt neben dem Dritten David Poisson. Da durfte er mitanschauen, wie dem strahlenden Franzosen seine Medaille umgehängt wurde. „Es ist schon sehr bitter“, sagte Kröll. „Weil sich alle miteinander mehr verdient hätten. Die Leute hier. Und wir natürlich auch.“
Kröll war in der Abfahrt der beste Österreicher - Reichelt war ausgeschieden, die jungen Matthias Mayer und Max Franz landeten auf den Plätzen 13 und 23. „Da kriegst du als Österreicher Herzweh“, sagte Mayer. Das wurde auch in der Abfahrt der Frauen am Sonntag nicht besser, beste Österreicherin war Andrea Fischbacher als Achte. Die einzige Medaillengewinnerin für den ÖSV blieb damit bis zum Wochenstart die Kombinations-Dritte Nicole Hosp. Eine enttäuschende Bilanz - und das bei den Titelkämpfen, die das Image Österreichs als Ski-Nation und als Ski-Destination Nummer eins festigen sollten. So wollte es der Präsident, denn: „Die Leute“, so Schröcksnadel, „gehen dorthin, wo die Sieger sind.“
Und wer die Sieger sind, das sehen die Leute bei der WM. „In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit sind diese Weltmeisterschaften viel größer, als es die Fußball-Euro 2008 war“, sagt Schröcksnadel. Deshalb soll es die beste WM der Geschichte werden, sie steigt ja auch in dem Land, in dem der Skisport den höchsten Stellenwert hat, wo Skistars Nationalhelden sind und ehemalige Skistars Fernsehgrößen.
Die Vorbereitungen für die WM in dem 4500-Einwohner-Ort waren schon vor Jahren angelaufen: mit neuen Zufahrtsstraßen und Lärmschutzwänden, neuen Hotels und Parkhäusern, neuem Bahnhof und neuem Kongresszentrum. Sogar einen neuen Friedhof habe der Bürgermeister haben wollen, erzählt Schröcksnadel, „aber den hat er nicht bekommen“. Dafür sitzt nun die neue Seilbahnstation „Planet Planai“ wie ein Ufo am Fuß des Zielstadions, ein glatter grauer Koloss mit geschwungenem Dach und Glasfassade, der wirkt, als sei er aus der Zukunft mitten in den Ortskern hereingeschneit.
Sie erwarten nur eines: österreichische Erfolge
Den Blick auf das historische Rathaus mit seinen Zinnen, Giebeln und Türmchen verstellt die riesige Bühne vor der Medal Plaza, dem Party-Herz der WM. Insgesamt 400 Millionen Euro wurden investiert, um Schladming WM-reif zu machen, Klotzen statt Kleckern war die Devise. Es gibt kluge Leute, die sagen, das alles sei ein bis zwei Nummern zu groß für das kleine Schladming, all die Straßen, die Parkhäuser, das Kongresszentrum, alles Bauten, die vor allem die Illusionen blauäugiger Tourismusmanager widerspiegelten, deren Folgekosten aber in Wahrheit den Ort irgendwann finanziell auffressen würden.
In den 14 WM-Tagen werden rund 400.000 Zuschauer in Schladming erwartet, und die meisten dieser 400.000 erwarten ihrerseits wiederum vor allem eines: österreichische Erfolge. Laut einer Umfrage vor der WM tippen die Österreicher auf vier Goldmedaillen für die ÖSV-Fahrer - bei elf Rennen inklusive Teamwettbewerb. ÖSV, das steht bei vielen für: Österreicher sind vorne.
Die hohen Erwartungen bekamen und bekommen die Athleten täglich zu spüren, und nicht alle scheinen damit gut zurechtzukommen. Die 23 Jahre alte Anna Fenninger etwa, Kombinations-Weltmeisterin 2011, wurde vor Schladming in vier Disziplinen als Medaillen-Hoffnung gehandelt. Entsprechend fiel das mediale Getöse aus: Anna Fenninger beim Mountainbiken, Anna Fenninger mit ihrem Freund, Anna Fenninger beim Einchecken ins Teamhotel. Nun ist sie in drei WM-Rennen zweimal ausgeschieden und war einmal Elfte. All die Live-Sendungen, die Sonderseiten, die Interviews, die Analysen - als Athlet muss man da schon sehr in sich ruhen, um diese ganze Aufregung unbeeindruckt an sich abprallen zu lassen.
Anna Fenninger hat im Riesenslalom am Donnerstag eine weitere WM-Chance. Den Männern bleibt nun noch die Super-Kombination am Montag - und ansonsten die Hoffnung auf ihren Star Marcel Hirscher, den Führenden im Gesamtweltcup, den überragenden Fahrer in Slalom und Riesenslalom. Der Präsident hat sechs bis acht Medaillen als Ziel ausgegeben, sechs WM-Wettbewerbe stehen noch aus. „Wir haben Chancen bis zum letzten Tag“, sagt Schröcksnadel. Sicher ist also nur: Das Wunschkonzert wird weitergehen.
Zum bisherigen österreichen Ski-WM-Anspruchs-Debakel gibt es ein
deutsches Pendant:
Holger Baade (papperlapap)
- 12.02.2013, 04:28 Uhr
Große Haltungoder große Erwartung?
Christian Hausmann (hausmann44)
- 11.02.2013, 21:39 Uhr