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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ski-Spektakel Kitzbühel Hollywood und Ballermann

 ·  Die Ski-Festspiele im österreichischen Kitzbühel, das ist Hochleistungssport am Rande der Lebensgefahr - und Après-Ski am Rande der Zurechnungsfähigkeit.

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© Schapowalow/SIME Über allem thront die Streif: Der Zielschuss der Abfahrtsstrecke steht wie eine weiße Wand über Kitzbühel

Es ist Dienstag, vier Tage noch bis zum Abfahrtsrennen auf der Streif, und die Frage ist: Kommt er, oder kommt er nicht? Der Hotelier der „Tenne“ sagt, er kommt, „wir sehen uns beim Hahnenkamm-Rennen“, das seien seine Worte im September gewesen. Und letztes Jahr ist er ja auch gekommen, der „Prominator“, und was war das nicht für eine Schau damals, als Arnold Schwarzenegger Hof hielt in Kitzbühel, als Überflieger des Jetset. Die Promi-Parade in Kitzbühel ist ja eigentlich eine eingespielte Sache, Audi-Night in der „Tenne“, Kitz Night in Rosi’s Sonnbergstub’n, Weißwurstparty beim Stanglwirt, das volle Programm, das rauscht so durch. Da kann ein bisschen kalifornischer Glamour in all der VIP-Routine nicht schaden.

„Eine Woche Hollywood“, so hat der Schweizer Skifahrer Silvan Zurbriggen mal das Hahnenkamm-Spektakel in Kitzbühel beschrieben. Was freilich weder dem sportlichen Geschehen mit den drei Weltcup-Rennen (Super-G, Abfahrt, Slalom) gerecht wird, noch der gewaltigen Bedeutung dieser Rennen für den Ort und sein Image als 1a-Wintersport-Destination. Harti Weirather, selbst einst Abfahrts-Weltmeister und Streif-Sieger und nun Vermarkter der Hahnenkamm-Rennen, sagt, die Streif, das sei für Österreich ein Aushängeschild wie die Salzburger Festspiele. Nur eben etwas rustikaler.

Als rüste sich Kitzbühel für einen Hurrikan

Im malerischen Ortszentrum, zwischen den prächtigen Fassaden in der Fußgängerzone, den schicken Luxus-Boutiquen und den ehrwürdigen Traditionshotels, lagern in den Tagen vor den Rennen Bretterstapel und Stahlträger. Ein bisschen wirkt das, als rüste sich Kitzbühel für einen Hurrikan, doch die Bretter sind für die Buden und die Träger für die Bühnen, und alles zusammen ist für den Hurrikan der Skifans, der in den kommenden Tagen über Kitz hereinbrechen wird.

90.000 Zuschauer werden in dem 8.000-Einwohner-Ort erwartet, und wie immer prallen auf der Kitzbüheler Berg-Bühne Welten aufeinander: die der feuchtfröhlichen Fans, die der umhegten Society-Figuren, die der eigentlichen Skirennfahrer. Die drei Welten könnten unterschiedlicher nicht sein. Genaugenommen verbindet sie nur eines: die Hahnenkamm-Rennen. Besonders das Rennen auf der Streif.

Der Zielschuss der Abfahrtsstrecke steht wie eine weiße Wand über Kitzbühel, eine Wand mit ein paar roten Toren und blauen Linien, eine Wand, die aussieht, als habe sie einer am Ortsrand senkrecht hochgeklappt. Auf diesem letzten Abschnitt der Streif, von der Hausbergkante talwärts, können die Zuschauer direkt verfolgen, wie sich die Fahrer über eine der schwierigsten Passagen der Piste kämpfen. Noch aufregender ist nur der Start, wo die Fahrer in Sekundenschnelle auf Tempo 100 beschleunigen und gleich danach in die Mausefalle stechen, mit 85 Prozent Neigung die steilste Stelle der Streif, an der sie bis zu 70 Meter weit springen. Im Autobahntempo folgen eine Kompression und die Rüttelfahrt über den eisigen Steilhang, auf dem die Beine extremen Fliehkräften standhalten müssen. Das sind nur die ersten 30 Sekunden des Abenteuers Streif.

Mit 120 Kilometern einen betonharte Eispiste hinab

Kein Wunder, dass die Geschichte der Streif immer auch eine Geschichte der Stürze gewesen ist. Haarsträubender Stürze, die oft ganze Skikarrieren beendeten. Diese Gratwanderung, dieser Grenzgang ist Teil der Faszination Streif, der riskante Ritt auf der letzten Rille, der Schauder, den die Vorstellung auslöst, mit 120 Kilometern in der Stunde auf Ski eine betonharte Eispiste hinabbrettern zu müssen. „Es ist ein großartiges Gefühl, hier ins Ziel zu kommen“, sagt der Norweger Lasse Kjus, Streif-Sieger 1999 und 2004. „Weil du den Respekt der Zuschauer fühlst, egal, auf welchem Platz du landest. Einfach, weil du hier runtergefahren bist.“

Auf diesem brutalen Kampf zwischen Fahrer und Piste beruht der Mythos Streif. Und der verkauft sich prächtig. Im Großraum Kitzbühel werden an einem Hahnenkamm-Wochenende rund 32 Millionen Euro umgesetzt. Mehr als 40 TV-Stationen berichten aus Kitzbühel. Macht Dutzende von Fernsehstunden, ein bunter Bilder-Segen zum Wohle von Imagewerten, Übernachtungszahlen und Grundstückspreisen. Nur nicht zum Wohle der Fahrer. Für die, sagt der amerikanische Skistar Bode Miller, „wäre es leichter, wenn nicht so viele Menschen und nicht so viele Medien da wären“. Denn so müssen sie tagaus, tagein Fragen beantworten wie: Warum ist es so gefährlich hier? Was macht es so furchterregend? Wie wird man fertig mit der Angst? „So kommt das in deinen Kopf, mehr als an anderen Orten“, sagt Miller, der in diesem Winter nach einer Knieoperation pausiert. „Du kannst dich hier nicht davon freimachen, es dringt überall auf dich ein. Für die Fahrer ist das eine zusätzliche Herausforderung.“

Kein Fahrer hat diese Herausforderung zuletzt so gut bewältigt wie Didier Cuche. Keiner hat die Abfahrt in Kitzbühel so oft gewonnen wie er, fünfmal, keiner hat die Streif so beherrscht wie er. Der Schweizer hat seine Karriere Ende vergangener Saison beendet, er hat die Seiten gewechselt, ist nun als Beobachter zurückgekehrt. An seine Anfänge auf der Streif erinnert er sich gut. „Bei meinem ersten Mal, Januar 1996, sind von den ersten fünf Läufern vier gestürzt, drei mussten mit dem Heli ins Krankenhaus“, sagt Cuche. „Das war Horror.

Ich hatte das Gefühl, ich kann’s nicht, ich will’s nicht, ich gehe nicht vorne runter, ich fahre mit der Gondel wieder zurück. Dann habe ich mich gefangen und bin runtergekommen. Ich habe acht Sekunden verloren, aber ich war gesund im Ziel. Das war wie ein Sieg.“ Über die Jahre tastete sich Cuche an sein Limit heran, so lange, bis er sich richtig wohl fühlte auf der Streif. „Ich habe viel Erfahrung gesammelt, bin nie richtig gestürzt, das gibt dir ein Selbstvertrauen, das dir sehr entgegenkommt“, sagt Cuche. „Das kann aber auch sehr gefährlich sein, wenn man selber gar nicht realisiert, wie nah man am Sturz ist. Man hat das Gefühl, man kontrolliert alles, man hat alles im Griff. Aber man hat keine Ahnung, dass es ganz schnell kippen kann.“

Arnold Schwarzenegger ist übrigens auch gekommen

Kitzbühel, das ist Hochleistungssport am Rande der Lebensgefahr und Après-Ski am Rande der Zurechnungsfähigkeit. Ein Ort, an dem die Bussi-Gesellschaft, während sie in Abendgarderobe in der Luxuskarosse auf die Vorfahrt zum Party-Entree wartet, durch die verdunkelten Scheiben amüsiert bis befremdet die riesigen Kuhglocken anstarrt, mit denen draußen Schweizer Fans laut dröhnend durch die Fußgängerzone ziehen. Sportfest, Volksfest und Hochfest für Selbstdarsteller, all das sind die Kitzbüheler Festspiele. Arnold Schwarzenegger übrigens ist dann tatsächlich gekommen. Die Hauptdarsteller waren trotzdem andere.

Der Norweger Aksel Lund Svindal etwa, Sieger des Super-G am Freitag und Neunter der Abfahrt am Samstag. Svindal hat seine eigene Beschreibung des Phänomens Kitzbühel, des Abenteuers auf der Streif, das Sportler, Fans und Promis gleichermaßen berauscht, jeden auf seine Weise: „Es ist die Atmosphäre, es ist die Legende, es ist einfach Kitzbühel. Das macht es so besonders.“ Und während er das sagt, hat Svindal ein breites Grinsen im Gesicht.

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Jahrgang 1970, Sportredakteur.

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